Zeitungsente der Woche: Wenn ein Text das Gegenteil des Titels sagt

Zeitungsente der Woche: Wenn ein Text das Gegenteil des Titels sagt

Es ist schwierig, aber der «Blick» schafft es: Er stellt in einem Übertitel eine These auf, die er im Beitrag dann gleich selbst widerlegt. Es geht um die segensreiche Zertifikatspflicht, die angeblich die Fallzahlen zum Taumeln bringen soll. Nicht mal das BAG stützt diese Aussage.

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von Stefan Millius am 1.10.2021, 12:30 Uhr
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Woran liegt es, dass die Coronafallzahlen seit einigen Tagen sinken? Es gibt mehrere nachvollziehbare mögliche Gründe. Zum einen verzeichnete die Schweiz im August einen hohen Fallstand aufgrund der Reiserückkehrer. Nach der Feriensaison war es damit vorbei. Der September brachte überwiegend schönes Wetter, dann sinken die Ansteckungen traditionell. Was aktuell geschieht, ist so geschehen nur logisch.
Aber eigentlich dürfte es diese Trendwende ja gar nicht geben, wenn man dem Panikorchester der letzten Wochen zugehört hat. Deshalb muss man die erfreuliche Nachricht irgendwie in die richtige Spur drehen.

Die Wende gebracht? Oder gefestigt?

Das tut der «Blick» mit links. Im Übertitel zu seinem entsprechenden Beitrag sprach die Zeitung kurzerhand von einem ganz anderen Grund für die tieferen Fallzahlen: «Zertifikatspflicht brachte Wende». Der Bundesrat hat also alles richtig gemacht und mit dem faktischen Ausschluss eines grossen Teils der Bevölkerung das Virus eingedämmt – hurra!
Einige Stunden später wurde es der Onlineredaktion dabei offensichtlich selbst unwohl. In einer neuen Fassung hiess es plötzlich entschärft: «Zertifikatspflicht festigt die Wende.»
Auch das ist noch weit hergeholt, und die spätere «Korrektur» verschleiert die eigentliche Absicht kaum. Der «Blick», seit jeher ein Fan der Coronamassnahmen jeglicher Art, wollte die tieferen Fallzahlen kurzerhand nützen, um die Ausweitung der Zertifikatspflicht zum Wundermittel hochzuschreiben.
Dabei wurde bereits in der ersten Version des Beitrags das Bundesamt für Gesundheit so zitiert: Es sei verfrüht zu beurteilen, welchen Einfluss die erweiterte Zertifikatspflicht vor knapp drei Wochen habe. Die offizielle Stellungnahme des Bundes lautet also: Wir haben keine Ahnung, woran es liegt, dass die Fallzahlen sinken. Der «Blick» aber befindet: Die Zertifikatspflicht wars, kein Zweifel! Manipulativer geht es kaum.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Aber das ist nicht neu. Veränderungen bei den Fallzahlen oder der Zahl der Erkrankungen wurden stets so ausgelegt, dass es der offiziellen Coronapolitik in die Hände spielte. Sanken die Zahlen in einem Lockdown, war dieser dafür verantwortlich. Taten sie es trotz Lockdown nicht, war die Bevölkerung eben zu undiszipliniert. Und in Zeiten, in denen es weniger Massnahmen und weniger Fälle gab, war das schöne Wetter dafür zuständig.
Vollends originell wird es, wenn sich die Zeitung bei ihrer These auf Deutschland stützt. Das Robert-Koch-Institut gehe davon aus, dass die dortige 3G- und teilweise sogar 2G-Regel zu einer Entspannung in der Pandemie geführt habe. Was das – wenn es überhaupt stimmt – mit der Schweiz zu tun haben soll, wo die Zertifikatspflicht erst vor drei Wochen ausgeweitet wurde, bleibt das Geheimnis der «Blick»-Autoren. Wenn sogar das BAG, das jedes Interesse hat, Verordnungen des Bundesrats gut darzustellen, keinen Zusammenhang zwischen sinkenden Fallzahlen und dem Zertifikat konstruieren mag, spricht das Bände.
Besonders erstaunlich ist aber das: Nach einer monatelangen medialen Impfkampagne geht es nun offenbar in erster Linie darum, das Zertifikat salonfähig zu machen, der Impfstoff muss hinten anstehen. Die positiven Veränderungen seien kaum auf die Impfungen zurückzuführen, heisst es im «Blick», der ansonsten bei jeder Gelegenheit mit der Spritze wedelt.
Es muss wohl einfach immer das gepusht werden, was beim Bundesrat gerade zuoberst auf der Traktandenliste steht.

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