Ein ganzer Kerl

Ein ganzer Kerl

Ein Hoch auf die moderne Ritterlichkeit! Von lauten Deutschen, leisen Schweizern und echten Kerlen. Oder wie ich an der Tankstelle fast dahinschmelze.

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von Dominique Feusi am 27.5.2021, 19:12 Uhr
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Neulich an der Tanke: Ein Deutscher klettert beim Anstehen dem Vordermann fast auf die Schulter. Weshalb ich weiss, dass er ein Deutscher ist? Richtig, WEIL ER SEHR LAUT SPRICHT. Weil ich zuvor selbst mit dem Kopf im Kühlregal bei der Wahl eines ungesunden Kaltkaffeegetränks unmissverständlich verstanden habe, dass er am anderen Ende des Tankstellenshops: «ICH KRIEG NOCH GRILLKOHLE!» geschrien hat.
Die Schweizer Antwort des Mitarbeiters mit Hörsturz verstand man natürlich nicht. Sie lautete in etwa: «Simsadäräsimsam» und klang wie ein sehr kulantes Insekt bei einem missglückten Paarungsversuch.
Tja, andere Länder, andere Sitten. Für manche kommt es zum Beispiel überraschend, dass man in Spanien vielerorts Spanisch spricht. Für andere, dass man bei uns nicht ganz so laut ist. Doch Unwissenheit schützt nicht vor dem verachtenden Blick. Aber es könnte geholfen werden.
Wie wär’s, wenn wir bei der Einreise in die Schweiz nicht nur die Autobahnvignette verticken, sondern für Fahrzeuge mit deutschen Kennzeichen gäb’s dazu putzige Info-Sticker:

Pssst, es wird eindringlich darum gebeten, während Ihres Aufenthalts in der Schweiz die Lautstärke Ihrer Stimme um mindestens 40 Dezibel zu reduzieren. In der Regel gilt: Wenn man Sie daheim in Deutschland hört, sind Sie zu laut.


Fescher Findling

Okay, zurück zum Anstehen. Der Deutsche steigt also trotz Abstandsmarkierung dem Schweizer fast auf die Schulter. Was nicht einfach ist, denn der Schweizer hat ungefähr die Statur von Jason Momoa in Aquaman. Er ist beeindruckend gross und schaut aus wie jemand, der ganztags trainiert und Proteine isst. Vielleicht hebt er auch hauptberuflich von Hand Kiesgruben aus. Oder er rammt ganztags Telefonmasten in den Boden. Jedenfalls schaut er nicht wie jemand aus, dem man sonntags an der Tanke ungestraft auf die Schulter steigt.

Vielleicht hebt er auch hauptberuflich von Hand Kiesgruben aus.


Das weiss er auch. Ziemlich sicher schaut er sich manchmal im Spiegel an. Also Teile von sich. Oder er hat eine Spiegelwand. Und so ignoriert er den drängelnden Deutschen. Steht stoisch wie ein Findling da. Doch dann treibt’s der Drängler zu bunt und der Schweizer Aquaman dreht sich abrupt um und sagt sehr unschweizerisch sehr laut: «ISCH ÖPPIS?!»
Doch bevor ÖPPIS ISCH, entschärft die Dame von der Tanke die Situation blitzschnell, öffnet die zweite Kasse und flötet Richtung Aquaman: «Sie dörfed grad zu mir cho!»
Ja. Doch. Zu mir dürfte er also auch grad kommen. Es wäre vielleicht etwas kompliziert, weil der Schatz neben mir steht. Aber das ist nur so ein kurzer französischer Gedanke, so sonntags an der Tanke. Denn dann sehe ich, was Aquaman kauft: Eine Cola, die sich gleich als PR-Cola entpuppen wird und, Achtung, Tampons!

Moderne Ritterlichkeit

Ich schmelze. Nein, ganz ehrlich, ohne ironischen Unterton, Männer, die ritterlich die Burg verlassen und losreiten, um das Weibe mit Monatshygieneartikeln zu versorgen, sind Helden. Und so rein dankbarkeitstechnisch würden wir’s euch ja dann gerne besorgen. Aber eben. Denn in der Regel gibt’s während der Regel alle paar Sekunden was, worüber wir uns aufregen. Ich meine, wo bleibt eigentlich dieser Mann? WAS HÄT DÄNN DÄ SO LANG?
Und so treffen Ritter, die heroisch Monatshygieneartikel ergattern und diese selbstlos nach Hause schleppen, zurück in der Burg dann oft einen feuerspeienden Drachen an. Nein, das ist nichts für Weichbecher. Wenn Mann nicht aufpasst, wird er bei lebendigem Leibe aufgefressen. Und nein, wir beginnen nicht dort, wo ihr es mögt. Also persönlich würde ich ja davonreiten und mich draussen amüsieren, bis der Drache nicht mehr ausläuft und Feuer speit. Aber psst! Nie gseit!

Sie sind ein ganzer Kerl! Das ist topsouverän!


Und deshalb möchte ich dem Tamponman hiermit ein Kränzchen winden. Okay, es besteht natürlich auch die Chance, dass er mit den Tampons, keine Ahnung, das Château de Chillon nachbaut. Oder einfach gerne zu Hause sitzt und sich Monatshygieneartikel anschaut. Aber ziemlich sicher ist es ein Liebesdienst. Und der ist so süss und ritterlich zugleich, dass er hier ein grosses Lob einstreicht.
In Sachen Negativität schmeisst man Männer ja oft alle in einen Topf, deshalb packe ich nun die Gelegenheit beim Schopf, akzentuiere das Positive und bedanke mich. Bei allen, die jemals peinlich berührt für uns mit Monatshygieneartikeln durch die Gegend liefen. Sie sind ein ganzer Kerl! Das ist topsouverän! Deshalb nochmals so laut und bestimmt, dass man es weit über die Landesgrenzen hinaus vernimmt:
DANKE, DANKE, FÜR DIE TAMPONS VON DER TANKE!

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