Ein 100 Jahre altes Verbrechen lässt diesen Mann nicht los

Ein 100 Jahre altes Verbrechen lässt diesen Mann nicht los

Sechs Menschen finden auf einem entlegenen Bauernhof in Oberbayern brutal den Tod. Seit 100 Jahren rätselt ein ganzes Land, wer für dieses Verbrechen verantwortlich ist. Ein Mann aus dem St.Galler Rheintal ist überzeugt, den Fall aufgeklärt zu haben. Teil 1 von 2.

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von Stefan Millius am 30.10.2021, 16:00 Uhr
Dölf Köppel mit seiner Rekonstruktion der Tatwaffe. (Bild: Bodo Rüedi)
Dölf Köppel mit seiner Rekonstruktion der Tatwaffe. (Bild: Bodo Rüedi)
Dieser Beitrag ist der Auftakt zur neuen Serie über «wahre Verbrechen». Ab sofort jeden Samstag im Nebelspalter.
«Das ist eine Nachbildung der Tatwaffe. Nimm sie mal in die Hand. Zeig mir, wie du einen Menschen erschlagen würdest.»
Dölf Köppel reicht mir das Werkzeug. Es sieht aus wie eine überdimensionale Harke, mit der man besonders lästigem Unkraut den Garaus macht. Ich fasse den Holzgriff und versuche, eine Schwingbewegung zu machen, die Metallklinge nach vorne gerichtet. Ich schaffe es nicht mit Schwung, und schon gar nicht gezielt.
Köppel grinst. Ich bin in dieselbe Falle getappt wie jeder, der es versucht. Ich habe das Offensichtliche getan. Aber diese Waffe ist perfider, als sie scheint. Sie ist das Werk eines teuflischen Genies. Und sie funktioniert ganz anders.

Fünf Menschen fielen ihr zum Opfer

Die Klinge ist nicht die tödliche Waffe. Die unscheinbare Schraube auf der gegenüberliegenden Seite ist es. Sie lässt sich dank zwei Muttern in der Länge verstellen bis zu einer Länge von 2,5 Zentimetern. Und sie dringt mühelos in einen Schädel ein. Die Klinge braucht es nicht dazu. Diese Konstruktion diente vor fast 100 Jahren dazu, um Schweine auf einem Bauernhof in Bayern kostensparend zu töten.
Das letzte, was mit dieser Waffe getötet wurde, waren aber Menschen. Fünf an der Zahl, darunter drei Kinder. Dölf Köppel aus Widnau im St.Galler Rheintal ist überzeugt: Er weiss, wer das getan hat. Das sechste Opfer.
Aber keiner, der Verantwortung trägt, hört ihm zu. Bis heute.
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Wahre Verbrechen: Ab sofort jeden Samstag im Nebelspalter. (Zeichnung; Clemens Ottawa)
Herbst 2012. Die Olma ist im Gang. Dölf Köppel, damals 50-jährig, ist gerade von dort zurückgekehrt und legt sich zuhause müde aufs Sofa. Er zappt durch die Kanäle und bleibt bei einer Sendung des Bayerischen Rundfunks hängen. Berichtet wird dort von einem Mehrfachmord, der damals genau 90 Jahre zurückliegt. Im Frühjahr 1922 wurden auf dem Einödhof im Weiler Hinterkaifeck in Oberbayern sechs Menschen erschlagen aufgefunden. Das Bauernpaar Andreas und Cäcilia Gruber, ihre verwitwete Tochter Viktoria Gabriel und ihre Kinder Cilli, acht, und Josef, zweieinhalb Jahre alt sowie die Magd Maria Baumgartner.
Es ist ein in Deutschland unvergessenes Verbrechen. Nicht zuletzt, weil nie ein Täter ermittelt wurde. Das hat später Buchautoren und Filmemacher inspiriert.

Vom Fall besessen

Köppel verfolgt den Bericht zunächst gespannt, dann berührt, schliesslich betroffen. Er ist selbst auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen. Und er kann es nicht fassen, dass ein Sechsfachmord ungesühnt bleibt. Schon am nächsten Tag beginnt er, sich in den Fall einzulesen. Er konsumiert jeden Schnipsel, der dazu veröffentlicht wurde, stellt eigene Recherchen an. Später besucht er den Ort des Geschehens und wird das in den folgenden Jahren noch mehrfach tun.

Und schliesslich kommt der Tag, an dem ihm bewusst wird: «Ich weiss, wer der Mörder war.»

Der Widnauer, der sich im Alltag als Gebietsleiter um Garagentore kümmert, hatte bis dahin kein ausgeprägtes Interesse an Kriminalfällen – aber an Menschen. Ihn trieb die Frage um: Wer kann so brutal sein? Welche Biografie hat der Täter, welche seine Opfer? Was hat zu diesem Ausbruch an nackter Gewalt geführt, und wie ist es möglich, dass die Polizei nach fast 100 Jahren nicht weiter ist, nachdem über die Jahre nicht weniger als 107 Personen zumindest vorübergehend verdächtigt worden waren?
Die Antwort, sagt er, ist in der Eigenart der Menschen zu suchen, die dort lebten, wo das Verbrechen stattfand. Bauern residierten wie Könige auf ihren Höfen, und die eigene Familie war ihnen untertan. Wer starb, der trat vor den Herrn, und alle Sünden waren ihm vergeben. Und in diesem Fall, das ist Dölf Köppels feste Überzeugung nach jahrelanger Arbeit, war der Mörder eben auch tot und durfte deshalb als Täter gar nicht in Frage kommen.
Den Toten kein böses Wort..

Tagelang unentdeckt geblieben

Umgebracht wurden die Opfer am 31. März 1922. Die Bauernfamilie wurde erst am 4. April 1922 tot aufgefunden. Jedenfalls offiziell. In Wahrheit, sagt Dölf Köppel, und dafür gibt es zahlreiche Hinweise, gab es einen Mann, der die schreckliche Entdeckung bereits am Tag nach dem Massaker machte. Lorenz Schlittenbauer, der Ortsführer - eine Art Dorfpolizist ohne rechtliche Befugnisse – der Ortschaft Gröbern, zu der der Hof gehörte. Er hatte zuvor ein Verhältnis mit der Tochter der Bauern gehabt, gemunkelt wurde auch, dass er der Vater des jüngsten Kindes war.
Und so lautet Köppels These: Schlittenbauer soll am 1. April 1922 auf dem Hof nach dem Rechten geschaut haben. Die Haustür ist verschlossen, der Hofhund jault hinter der Mauer. Schlittenbauer ahnt, dass etwas nicht stimmt und bricht die Scheunentür auf. Er stösst auf mehrere Leichen, die offenbar vergraben werden sollen. Und auf den Bauer Andreas Gruber, den Hausherrn – quicklebendig. Ein Kampf entbrennt, bei dem Gruber den Tod findet. Nun sind es sechs Leichen. Und ein hoffnungslos überforderter Ortsführer.

«Er hätte natürlich die Polizei rufen sollen. Aber das hat er nicht getan. Und ich verstehe ihn.»

Dölf Köppel zeichnet die Situation nach. Da war ein Mann, der einst die Tochter des Hofs heiraten wollte, aber das Einverständnis des Bauern nicht erhalten hatte. Ein Mann mit einem Motiv und sechs Leichen vor dem Bauernhof: Wer hätte Schlittenbauer geglaubt, dass nicht er der Täter ist? Dass das kein Massaker aus seiner Hand war?

Ein Unschuldiger jahrelang unter Verdacht?

Drei Tage später führt Schlittenbauer seine beiden Nachbarn zum Hof. Sein Plan laut Dölf Köppel: Bei einem «offiziellen» Besuch auf dem Bauernhof kann er Spuren und Fingerabdrücke hinterlassen, so dass diejenigen von drei Tagen zuvor nicht mehr bedeutsam sind. Auf dem Weg und vor Ort verplappert sich der nervöse Mann aber ein ums andere Mal. Seinen Begleitern wird schnell klar, dass er mehr weiss. Dass er schon einmal hier gewesen sein muss nach dem Verbrechen.
Es ist der Beginn einer Leidensgeschichte. Über viele Jahre ist Lorenz Schlittenbauer zwar nur einer von unzähligen Verdächtigen, aber er steht im Mittelpunkt. Bis zu seinem Tod gewinnt er mehrere Zivilklagen wegen übler Nachrede. Denn viele bezeichnen ihn als den Mörder von Hinterkaifeck. Und noch auf dem Sterbebett schwört Schlittenbauer gegenüber seinen Kindern, dass er es nicht war.
«Er war es auch nicht», sagt Dölf Köppel mit ruhiger Stimme. «Der Bauer, der Vater der Familie, war es. Und Schlittenbauers Nachfahren sollen endlich von den ewigen Anschuldigungen erlöst werden.»

Minutiös aufgearbeitet

350 Seiten dick ist das Buch, das Dölf Köppel über den Fall geschrieben hat. Es ist detailreich, und wenn auch die zahlreichen Dialoge natürlich Mutmassung sind, wird doch schnell klar: Hier ist jemand tief in die Seele der beteiligten Menschen eingedrungen. Aber nicht nur das: Der Rheintaler hat die Fakten ausgegraben und aneinandergereiht und analysiert. Und zwar, man muss es bedauernd feststellen, exakter als irgendein Polizist es bis heute getan hat. Seine These untermauert er mit einer Vielzahl von Indizien, von denen jedes einzelne schlüssig ist und die sich zusammenfügen zum grossen Ganzen: Zur wahrscheinlichen Wahrheit.
Und diese Wahrheit ist tragischer, als es ein Autor erfinden könnte.
In Teil 2 nächsten Samstag: Wie der Rheintaler Dölf Köppel unzählige Indizien zusammentrug und versuchte, die Behörden von seinen Antworten zu überzeugen.

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