«Mars-Mission» oder «Musk-Mission»?

«Mars-Mission» oder «Musk-Mission»?

Wenn der Tesla-Gründer ins Märkische Land kommt

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von Markus Will am 23.4.2021, 13:30 Uhr
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Wenn Elon Musk in Berlin einfliegt, kommt es dem Beobachter so vor, als lande der Tesla-Gründer zur ersten bemannten «Mars-Mission» im Märkischen Land, einer typisch bewaldeten flachen Region südöstlich von Berlin. Im brandenburgischen Grünheide baut Tesla mit absolut atemraubendem Tempo die «Gigafactory 4». Der Gedanke an eine Raumfahrtmission mag davon beflügelt sein, dass Musk nicht nur Tesla, sondern auch SpaceX gegründet hat. Mit letzterem Unternehmen will Musk den Mars bevölkern. Bis zur Raumstation ISS ist der Tech-Freak bereits gekommen und konnte seine Rakete wiederverwertbar sicher auf der Erde landen. Das allein wirkt in Europa schon ausserirdisch.
Aber zurück zur Erde. Eines muss man Tesla lassen: In ganz Europa gibt es keinen besseren Standort für eine nagelneue Gigafabrik. Mitten ins Heimatland des Erfinders des Automobils, am Rande der hippen Hauptstadt gesetzt, wo eine internationale Startup-Generation lebt, die eher nicht bei «spiessigen» Grosskonzernen arbeiten will. Auf einem Gelände, dass nach der deutschen Wende schon BMW als Standort im Auge hatte, weshalb seit 2000 ein rechtsverbindlicher Bebauungsplan besteht. Viel Platz, zentralen Verkehrsanbindungen mit einem endlich fertigen neuen Flughafen (!) und genügend «Humankapital» aus Deutschland und dem nur 60 km entfernten Polen.
Erst im November 2019 kündigte der Superstar unter den Selbstvermarktern den Bau bei der Verleihung des «Goldenen Lenkrades» an, einem der grossen medialen Auto-Events. Bereits im Sommer 2021 sollen die ersten Teslas aus digitalen Hallen laufen, die mit Graffiti verziert sein werden. Beim Arbeiten darf man sich wie im Techno-Club fühlen. «Germany rocks» twitterte Musk bei einem seiner Besuche. Die werden von der Politik stets fast gottesfürchtig begleitet, während die deutschen Auto-CEO in Berlin eher vorgeführt werden. Wieso sieht gegen Musk die deutsche Autoindustrie aus wie Kleinkrämer, die nicht gross denken und – noch wichtiger – handeln können?
Nun, so ist es nicht. Auch Musk kann nicht über Wasser laufen, selbst wenn er es auf dem Mars finden sollte. Wenn man sich den Standort Grünheide genauer anschaut, dann wird klar, warum Tesla so schnell ist. Erstens: Kein deutsches Unternehmen würde es sich politisch erlauben können, so zielstrebig fertig zu bauen, ohne die finalen Genehmigungen abzuwarten. Zwar liegt ein Bebauungsplan vor, aber Musk schafft Fakten, die sich kaum mehr zurückbauen liessen. Nun sind die unzähligen Einspruchsmöglichkeiten auch vielen deutschen Unternehmen zurecht ein Dorn im Auge, aber man könnte sagen, dass niemand aktuell die Augen mehr vor Musk verschliesst als die Politik.
Das ist zum Teil nachvollziehbar, weil das Unternehmen in eine strukturschwache Region im ersten Schritt bis zu 12.000 neue und moderne Arbeitsplätze bringt. Auch Demonstrationen halten sich in Grenzen, weil Elektro-Elon schliesslich der «CO2-Saubermann» ist. Aber so, wie man der Show des Twitter-König erliegt, ist es sicher ungewöhnlich. Zweitens baut Tesla auf der grünen Wiese und muss sich nicht um darum scheren, die «alten analogen Werker» digital mitzunehmen. Wer sich die neuen Werke der deutschen Autobauer anschaut, findet auch digitalisierte «Factorys», aber die Kunst ist hier vor allem, die Sozialpartnerschaft in der Transformation der Unternehmen zu erhalten.
Damit käme man zum dritten Punkt: Musk setzt die Gesetze der Sozialen Marktwirtschaft ausser Kraft – so wie die Schwerkraft auf dem Mars auch nicht gilt. Tesla zahlt möglicherweise besser als der Durchschnitt, aber das Unternehmen will nicht dem Tarifvertrag beitreten. Dagegen sind alle deutschen Automobilunternehmen traditionell eng und gut tariflich mit den Arbeitnehmervertretern verbunden und gestaltet gemeinsam die Zukunft. Sicher kann man auch hier einiges verbessern, aber die Mitbestimmung ist eine soziale Errungenschaft. In Deutschland gilt nicht der «American Way of Life», sondern «Made in Germany». Eigentlich auch für Tesla und seine spezielle «Musk-Mission».

Der Autor ist Publizist, HSG-Privatdozent und Berater, der seit vielen Jahren auch in der deutschen Automobilindustrie tätig ist. Er gibt hier ausschliesslich seine persönliche Meinung wieder.

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