Dunkelkammer Suizid

Dunkelkammer Suizid

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von Stefan Millius am 18.3.2021
Illustration: Sarah Weya
Illustration: Sarah Weya
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Wer hat sich wegen Corona umgebracht?Niemand weiss es, die Verwaltung schweigt. Ein Berner Nationalrat hat deshalb auf eigene Faust die 26 Kantone abgeklappert, um Antworten zu finden.

Anfang März legte die Schweiz eine Schweigeminute für die Opfer des Coronavirus ein. Der Bundesrat hatte für diese Ehrbezeugung an die Adresse Verstorbener ausdrücklich geworben. Kein Wunder. Die Landesregierung ist eine grosse Anhängerin des Schweigens. Vor allem, wenn die Antwort auf eine Frage unangenehm werden könnte.
Zum Beispiel beim Thema, wie viele Menschen sich im Jahr 2020 in der Schweiz das Leben genommen oder den Versuch unternommen haben. Das könnte ein Gradmesser dafür sein, wie stark sich die Coronamassnahmen wie Lockdown und soziale Distanz auf die Psyche der Menschen ausgewirkt haben. Und man könnte Massnahmen einleiten.

Verzögerung durch «Codierung»

Das wird aber noch lange nicht möglich sein. Denn geschlagene zwei Jahre soll es dauern, bis diese Zahlen vorliegen. Das Bundesamt für Statistik begründet das mit dem komplexen Verfahren. Die von den Ärzten gelieferten Informationen bei Todesfällen müssten überprüft und gemäss Regeln der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach den verschiedenen Todesursachen codiert werden. Oft gelte es dafür, bei Ärzten nachzufragen, erst dann könne man eine Statistik vorlegen.
Nur: Die meisten Kantone sind traditionell jeweils im März in der Lage, ihre Suizidstatistik zum Vorjahr zu präsentieren. Sie tun das im Rahmen der jährlichen Kriminalstatistik. Diese Zahlen mögen nicht nach den Regeln der Kunst der WHO «codiert» und abgesegnet sein, doch bisher hat nie jemand daran gezweifelt, dass die Angaben der Kantone stimmen. Es würde also nur darum gehen, diese Zahlen schweizweit zu addieren, um einen Überblick zu erhalten. Dafür reicht eine simple Exceltabelle. Oder ein Taschenrechner.

Nationalrat klappert Kantone ab

Der Berner Nationalrat Lars Guggisberg (SVP) stört sich schon lange an den späten Suizidzahlen. Mehrfach hat er den Bundesrat aufgefordert, für Tempo zu sorgen. Weil er nur vertröstet wurde, unternahm er im Februar auf eigene Faust eine Fleissarbeit: Er kontaktierte sämtliche Kantone per E-Mail und bat sie um Angaben.
«Ich war selbst überascht, wie einfach und schnell es ging», sagt Guggisberg. 22 Kantone lieferten ihm umgehend eine Antwort. Acht von ihnen hatten zum Zeitpunkt der Anfrage bereits die kompletten Zahlen, elf andere sicherten zu, bis Ende des Monats alles zusammen zu haben. Der Nationalrat erhielt zwar keine absoluten Zahlen, weil diese bis zur offiziellen Präsentation Ende März unter Verschluss sind. Aber er brachte Tendenzen in Erfahrung: Zeigt die Kurve nach oben oder unten?
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Die handschriftliche Checkliste des Berner Nationalrats (Ausriss).
Verglichen damit, dass der Bund erst Ende 2022 informieren will, ist Guggisbergs Vorarbeit ein Quantensprung. Denn er hat bewiesen: In rund zwei Wochen können mindestens 19 von 26 Kantonen klare Angaben zum Thema machen. Und die Schweiz wüsste endlich mehr.
Die bisherige Bilanz: Drei Kantone (VD, TG, Ju) melden einen Anstieg der Suizide und Suizidversuche, drei (AI, SG, FR) werden tiefere Zahlen präsentieren. In zwei Fällen (NE, AR) stagnierte der Wert 2020. Ob die Coronasituation dazu geführt hat, dass mehr Menschen in der Schweiz den Freitod wählten, kann aufgrund dieser Momentaufnahme noch nicht beurteilt werden. Spätestens Ende März wird man aber mehr wissen – ohne viel Aufwand. Zumindest wenn man davon ausgeht, dass die 26 Kantone professionell und seriös arbeiten, auch wenn ihre Resultate nicht durch den WHO-Codierer gejagt wurden.

Es soll schneller gehen

Beim Bundesamt für Statistik findet man übrigens selbst, dass das Ganze ein bisschen schneller gehen könnte; es sei eine Frage der Ressourcen, heisst es dort. Deshalb behandelte der Nationalrat in dieser Frühjahrssession einen Nachtragskredit von fünf Millionen Franken für das BFS – ausdrücklich mit der Begründung der Erhebung der Suizidzahlen.
Lars Guggisberg selbst und mit ihm die SVP-Fraktion stemmten sich gegen den Nachschlag für die Bundesstatistiker. Seine eigene kurze Recherche habe gezeigt, dass auch ohne zusätzliche finanzielle Mittel mehr möglich sei: «Wir wollten nicht einfach noch mehr Steuergelder ausgeben, bevor das Bundesamt die bisherige Arbeitsweise richtig überprüft hat.»
Der Versuch war vergebens, die SVP stand allein da, das Bundesamt für Statistik erhielt das zusätzliche Geld. Nimmt man es beim Wort, müsste es nun also bald schneller gehen mit dem Codieren von Todesursachen und der Erhebung der Suizidzahlen. Wenn man denn überhaupt will. Denn der Bundesrat hat kaum kein Interesse an Transparenz über die psychischen Folgen der Coronamassnahmen. Die Gefahr ist zu gross, dass das Ergebnis unangenehm sein könnte.
Illustration: Sarah Weya, freischaffende Künstlerin und Grafikerin aus Leuzingen (BE).
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