Drohende Stromknappheit: Unternehmer fordern Politik zum Handeln auf

image 16. Februar 2022, 05:00
Dass die Schweiz auf eine Strommangellage zusteuert, empört viele Unternehmer. Bild: Keystone
Dass die Schweiz auf eine Strommangellage zusteuert, empört viele Unternehmer. Bild: Keystone
Mit einer Mischung aus Erstaunen und Wut habe er die Warnungen der Behörden vor einer möglichen Strommangellage zur Kenntnis genommen. Das sagt Rolf Büsser, Chef der Hydrel AG in Romanshorn am Bodensee. Das Unternehmen ist in der Feinschneidetechnik engagiert und produziert Präzisionswerkzeuge. Zu den wichtigsten Abnehmern gehört die Automobilindustrie.
«Die drohende Stromknappheit bedeutet für uns eine existenzielle Bedrohung», betont Büsser. Denn die Maschinen der Firma, die zum Teil über tausend Tonnen Presskraft ausüben, benötigen viel Energie. «Es wäre verheerend, wenn die Elektrizität fehlen würde.»

Warnung von Bundespräsident Guy Parmelin

Wie 30’000 andere Grossverbraucher in der Wirtschaft hat auch die Hydel AG im letzten Oktober Post von ihrem Verteilnetzbetreiber erhalten. Darin wurde die Firma im Namen der Organisation für Stromversorgung in ausserordentlichen Lagen (Ostral) aufgefordert, Massnahmen vorzusehen, um bei knapper Versorgung über die Runden zu kommen.

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Guy Parmelin (SVP) warnte im letzten Herbst in einem Video vor Strommangel. Bild: Screenshot

Auch die Elektrizitätskommission Elcom hat vor einer möglichen Strommangellage ab dem Jahr 2025 gewarnt. Der damalige Bundespräsident Guy Parmelin (SVP) bezeichnete im Herbst einen Stromausfall gar als «grösste Gefahr für die Versorgung der Schweiz» (siehe hier).

«Nochmals 20 Prozent einsparen ist nicht möglich»

Sein Unternehmen achte schon längst auf eine effiziente Nutzung der Energie, sagt Hydrel-CEO Büsser. Eben erst habe die Firma zehn Millionen Franken in neue Produktionsanlagen investiert, die weniger Strom brauchen. «Nochmals 20 Prozent Elektrizität einzusparen, wie das in einer Mangellage von uns verlangt würde, ist nicht möglich.» Bei einer solchen Vorgabe müsse die Firma schliessen.

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Rolf Büsser, CEO der Hydrel AG

Ob die drohenden Energieengpässe mit mehr Solarpanels, mit Speicherkontingenten in den Stauseen oder mit Gaskraftwerken abwendet würden, sei ihm egal, so Büsser. «Alles, was Strom bringt, ist okay.» Langfristig müsse auch der Bau neuer Atomkraftwerke in Erwägung gezogen werden.

Für genügend Strom sorgen egal wie

Sorgen hat auch André Renggli, Delegierter des Verwaltungsrats und Miteigentümer der Griston Holding AG im bündnerischen Untervaz, die in Kies- und Betonwerke investiert. Zu denken gebe ihm neben der drohenden Knappheit vor allem die Verteuerung des Stroms. «Kieswerke sind sehr stromabhängig», sagt Renggli.
Bei einem Strommangel müsse man wohl den Betrieb einstellen oder den Engpass mit Dieselgeneratoren überbrücken, hält Renggli fest. «Solche müssten wir aber erst noch beschaffen.» Das Unternehmen habe sich überlegt, mit Solarzellen auf den firmeneigenen Dächern netzunabhängig zu werden. «Aber das wäre nur ein Tropfen auf den heissen Stein.»

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André Renggli, Miteigentümer der Griston Holding AG

Die Politik habe nach dem Atomunglück in Fukushima 2011 überreagiert und eine unrealistische Energiewende eingeleitet, sagt Renggli. «Die Folgen zeichnen sich nun ab.» Jetzt müsse rasch für genügend Strom gesorgt werden. Es spiele keine Rolle, auf welchem Weg.

«Strom ist ein Schlüsselfaktor unseres Geschäfts»

«Die Politik geht ohne Konzept vor», beklagt auch Rainer Müller*. Er ist CEO eines grossen Schweizer Datencenters. Weil die Reputation seines Unternehmens in Gefahr ist, wenn es in Zusammenhang mit möglichen Stromausfällen gebracht wird, besteht er auf Anonymisierung. «Strom ist ein Schlüsselfaktor unseres Geschäfts», betont Müller. Bei ihm hätten sich bereits Kunden gemeldet, die besorgt sind, ob ihre Daten bei ihm noch sicher seien.
Sein Unternehmen besitze aber ein ganzes Arsenal an Dieselgeneratoren, um einen Stromausfall zu überbrücken. Man sei in der Lage, diese Generatoren nachzutanken und könne mehrere Wochen ohne Elektrizität aus dem Netz überbrücken. Die Kunden müssten darum keine Angst vor einem Datenverlust haben, sagt Müller. Die Warnungen von einer Mangellage bereiten ihm deshalb auch keine unmittelbare Sorgen.

«Neue Technologien entwickeln»

Rainer Müller erwartet von den Behörden aber, dass sie ihrem Auftrag für eine sichere Versorgung nachkommen. «Es braucht einen Dialog mit der Wirtschaft, wie die Unternehmen ihre Energieeffizienz steigern können.» Und natürlich seien Investitionen in neue Kraftwerke notwendig, erläutert Müller. «Die Schweiz sollte zudem führend werden bei der Entwicklung neuer Technologien, etwa bei der Kernfusion.»

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Adrian Schoop, CEO der Schoop Gruppe

Nicht wirklich erstaunt über die Warnungen vor zu wenig Strom zeigt sich Adrian Schoop. Er ist Chef der Schoop Gruppe im Kanton Aargau, die auf Bau und Handel in Bereichen wie Garten, Spenglerei, Blech und Flachdach spezialisiert ist. Dass die Energiestrategie des Bundes nicht funktioniere, sei schon lange klar gewesen. «Wenn alle mehr Strom brauchen, aber immer mehr Kraftwerke abgeschaltet werden, kann das nicht aufgehen», sagt Schoop. Er sei «fast erleichtert», dass endlich eine Diskussion über die Stromzukunft der Schweiz eingesetzt habe.

«Die Politik hat zu lange geschlafen»

Sein Unternehmen sei derzeit intensiv daran abzuklären, wie es Stromausfälle und Mangellagen überbrücken könne, erklärt Schoop. Eine Option sei die Installation von Solarpanels. Aber diese Technologie sei zu wenig ausgereift. Die Anschaffung von dieselbetriebenen Notstromaggregaten sei wohl der bessere Weg. «Wir wollen bis in einem Monat Klarheit haben, wie wir auf die drohende Stromknappheit reagieren.»
Auch die Politik müsse nun ihre Hausaufgaben erledigen, mahnt Adrian Schoop. «Es braucht einen breiten Energiemix und langfristig eventuell neue Kernkraftwerke mit modernster Technologie.» Ihn mache «hässig», dass die Politik so lange geschlafen habe.

«Viel Potenzial für Einsparungen gibt es nicht mehr»

«Vorwärtsmachen» – so lautet auch der Appell von Michel Stempfel. Es brauche «mehr Dynamik» in der Politik, sagt der Chef der Extramet AG im freiburgischen Plaffeien. In Stempfels Unternehmen laufen elektrische Öfen, die über tausend Grad erzeugen. Extramet ist auf die Herstellung von Metallteilen spezialisiert, insbesondere von Rohlingen für Werkzeughersteller. Als «einschneidend» bezeichnet Stempfel die Warnungen vor einer Stromknappheit.

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Michel Stempfel, Chef der Extramet AG

Man habe in der Firma die Produktionsprozesse überprüft und abgeklärt, welche Sparmöglichkeiten es gebe. «Wir haben schon bisher viel in die Effizienz investiert. Viel Potenzial gibt es nicht mehr. Die Öfen brauchen nun einmal Strom.» Wenn der Strom knapp werde, müsse man darum wohl die Produktion herunterfahren, zumindest teilweise. «Das wäre mit einem grossen wirtschaftlichen Schaden für uns verbunden», sagt Michel Stempfel.
*Name geändert

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