Drohende Massenentlassung wegen Impfzwang: Wo sind die Gewerkschaften des Swiss-Personals?

Drohende Massenentlassung wegen Impfzwang: Wo sind die Gewerkschaften des Swiss-Personals?

Die Swiss entlässt alle Piloten und Besatzungsmitglieder, die sich nicht dem Impfobligatorium des Konzerns beugen. Der beispiellose Vorgang müsste die Gewerkschaften auf die Barrikaden treiben. Doch das Gegenteil geschieht: Die Personalverbände unterstützen das Management.

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von Philipp Gut am 19.10.2021, 04:00 Uhr
Knallhart: Wer nicht geimpft ist, fliegt. Oder eben nicht mehr. Foto: Keystone
Knallhart: Wer nicht geimpft ist, fliegt. Oder eben nicht mehr. Foto: Keystone
Das hat es noch nie gegeben: Die Swiss International Airlines hat als erste Firma der Schweiz einen strikten Impfzwang für einen grossen Teil ihrer Belegschaft angekündigt. Sämtliche Piloten und Besatzungsmitglieder müssen sich impfen lassen. Ansonsten werden sie entlassen. Die Swiss hat in einer E-Mail-Nachricht vom 27. September 2021, adressiert an «All Flight Crew Members & all Cabin Crew Members», die Betroffenen über die Details der Umsetzung informiert.

Das sind die wichtigsten Fakten:

  • Bis am 15. November müssen alle Crew-Member vollständig geimpft sein.
  • Ab dem 1. Dezember werden nur noch Crew-Mitglieder eingesetzt, die das Covid-Zertifikat hochgeladen haben. Zum Hochladen und zur Echtheitsprüfung wird die App «Certifly» entwickelt.
Die Konsequenzen für diejenigen, die sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen wollen oder können, sind knallhart: Die Swiss hat ein mehrstufiges Verfahren entwickelt, das automatisch in die Entlassung mündet, wenn die betroffenen Mitarbeiter sich dem Impfzwang nicht beugen. Original-Ton aus der erwähnten Mitarbeiterinformation: «Wer mehr Zeit für eine Entscheidung benötigt (zum Beispiel, um auf einen anderen Impfstoff warten zu können), hat die Option auf ein RAV (ruhendes Arbeitsverhältnis) für rund sechs Monate, mit einem Rückkehrrecht für vollständig geimpfte Mitarbeitende. Das Rückkehrrecht besteht nur innerhalb dieser Frist, ansonsten wird das Arbeitsverhältnis danach automatisch aufgelöst.»
Im Klartext: Wer sich für diese Option entscheidet, erhält in diesem halben Jahr keinen einzigen Franken Lohn. Es gibt wohl nicht allzu viele Mitarbeiter, die sich das leisten könnten.

Kündigung bis Ende Januar 2022

Noch rasanter geht es jenen Swiss-Mitarbeitern an den Kragen, die bis Mitte November keinen Impfnachweis erbringen. Ab dem 16. November gilt für sie gemäss der zitierten Mitarbeiter-Information der Swiss: «Bei weiterer Nichterfüllung des geforderten Impfobligatoriums sehen wir uns gezwungen, Massnahmen aufgrund Pflichtverletzung gemäss GAV einzuleiten (Stufenverfahren). Das Stufenverfahren endet bei einer anhaltenden Entscheidung gegen die Impfung voraussichtlich Ende Januar 2022 im Aussprechen einer Kündigung.»
Fast schon zynisch mutet der Nachsatz an, Mitarbeiter, die sich dann «neu orientieren müssen», könnten das Angebot des Outplacement-Partners von Rundstedt in Anspruch nehmen.

«Jetzt geht die Swiss zu weit»

Das Vorgehen der Swiss ist wohl beispiellos in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte, jedenfalls wendet die Fluggesellschaft ohne Not extreme Massnahmen an. Sogar Mainstream-Medien, die sonst alle Corona-Massnahmen jubelnd unterstützen, gehen auf Distanz. Der linke Zürcher «Tages-Anzeiger» titelte: «Jetzt geht die Swiss zu weit.»
Umso mehr würde man angesichts des brachialen Vorgehens des Swiss-Managements gegen die eigenen Mitarbeiter erwarten, dass die Gewerkschaften auf die Barrikaden steigen. Im Leitbild der kapers, der Gewerkschaft des Kabinenpersonals, steht, dass «wir vor Arbeitskampfmassnahmen nicht zurückschrecken». Als eines ihrer wichtigsten Ziele ruft die kapers «die Schaffung und den Erhalt von Arbeitsplätzen für Kabinenbesatzungsmitglieder» aus. Die kapers ist Mitglied des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) und des Gewerkschaftsbundes des Kantons Zürich (GBKZ).
Doch Fehlanzeige: Wer denkt, dass sich die kapers für ihre Mitarbeiter wehrt, sieht sich getäuscht. Im Gegenteil: Die Arbeitnehmerorganisation unterstützt sogar den Entlassung-Kurs des Managements. Sie macht mit der Swiss gemeinsame Sache und regelt mit ihr bloss die «genauen Modalitäten» des Entlassungsplans.

Gewerkschaften säuseln

Dasselbe gilt für die Pilotenvertretung Aeropers. «Grundsätzlich beurteilt der Pilotenverband Aeropers das Impfobligatorium weiterhin als nachvollziehbar und zweckmässig», teilt Aeropers in ihrer Mitteilung vom 29. September 2021 mit. Einzig die «Prozesse im Rahmen der Einführung und Umsetzung des Impfobligatoriums» verliefen aus Sicht von Aeropers «unbefriedigend».
Die Pilotengewerkschaft stärkt dem Arbeitgeber Swiss dennoch den Rücken, trotz umstrittener Faktenbasis: «Entgegen der ursprünglichen Einschätzung haben sich die Einreisebestimmungen nicht im erwarteten Mass verschärft, so dass die Verhältnismässigkeit aus rein betrieblichen Gründen zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorliegt.»
Der Pilotenverband ist aber trotzdem der Meinung, dass die Verhältnismässigkeit, basierend auf der Fürsorgepflicht der Swiss, aktuell gegeben ist. Da die Einreisebestimmungen sehr volatil sind, könnten aber auch betriebliche Gründe die Verhältnismässigkeit sehr bald zusätzlich stützen», säuselt und windet sich der Pilotenverband ganz im Sinne des Swiss-Managements.

Linkspolitiker auf Tauchstation

Man reibt sich die Augen. Wie ist es möglich, dass die Gewerkschaften die kruden Entlassungspläne der Swiss emphatisch begleiten, statt sie energisch im Interesse der betroffenen Arbeitnehmer zu bekämpfen? Wann, wenn nicht jetzt, müssten die Gewerkschaften auf die Barrikaden steigen und sich vorbehaltlos für ihre Mitglieder einsetzen? Sind sie der Meinung, dass die angedrohte Kündigung von nicht geimpften Mitarbeitern juristisch korrekt und menschlich richtig ist? Und wie wollen sie als Arbeitnehmervertreter glaubwürdig bleiben, wenn sie die «automatischen» Entlassungen einfach durchwinken?
Der «Nebelspalter» hat diese Fragen auch kapers und Aeropers gestellt. Beide haben die Anfrage auch auf zweimaliges Ersuchen hin nicht beantwortet. Auch von den sonst gerne mit dem sozialen Megafon argumentierenden Linkspolitikern vernimmt man in dieser Angelegenheit kein Wort.
Man kann es nicht anders sagen: Es ist ein Armutszeugnis und eine krachende Bankrotterklärung für den gewerkschaftlichen Arbeitnehmerschutz in der Schweiz.

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