Drogenszene Chur: Aufgeheizte Stimmung im eisigen Stadtpark

Drogenszene Chur: Aufgeheizte Stimmung im eisigen Stadtpark

Der «Nebelspalter» hat die Süchtigen im Churer Stadtpark besucht. Diese stellen der Bündner Politik ein schlechtes Zeugnis aus. SP-Stadtrat Patrik Degiacomi nimmt Stellung.

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von Nicole Ruggle am 28.12.2021, 11:00 Uhr
Ein Polizist steht vor einem Dienstfahrzeug der Kantonspolizei Graubünden, aufgenommen am Dienstag, 21. April 2015, in Chur. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Ein Polizist steht vor einem Dienstfahrzeug der Kantonspolizei Graubünden, aufgenommen am Dienstag, 21. April 2015, in Chur. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Im Churer Stadtpark werden offen Drogen konsumiert. Und gedealt. Die Politik redet seit Jahren über einen geschützten Konsumationsraum. Passiert ist wenig. Der «Nebelspalter» war vor Ort und hat sich selbst ein Bild gemacht. Keine zehn Minuten dauerte es, bis die Situation eskalierte und die Polizei auftauchte.
Solche Szenen gehören inzwischen zum Alltag: Aggressionen und Beschaffungskriminalität nehmen zu.

«Aggressive Stimmung – keine Hemmschwelle mehr»

Montagmorgen im Churer Stadtpark. Die Sonne hat es noch nicht über die Bergen geschafft. Es ist beissend kalt. Dennoch haben sich schon einige Süchtige von der Churer Drogenszene im Stadtpärkli eingefunden. Sie trinken Dosenbier, drehen Zigaretten und stehen plaudernd zusammen. Noch ist die Stimmung friedlich, und man verträgt sich. Noch. Denn: Die Stimmung kann von einem Moment auf den anderen umschlagen. Und tut es auch. Die Situation eskaliert, als ein alter Mann mit einem Hund den Stadtpark betritt.
Der Hund kommt einer jungen Frau zu nahe, uriniert in ihrer Nähe. Die Frau wird aggressiv. Beschimpft den alten Mann. Dieser schimpft zurück. Fast zehn Minuten lang pöbeln sie sich gegenseitig an. Um Haaresbreite kommt es zu Handgreiflichkeiten. Andere Süchtige versuchen zu schlichten. Im Handumdrehen werden auch diejenigen, die es eigentlich gut meinen, in den Streit hineingezogen. Eine Zeit lang schreit jeder jeden an. Der alte Mann zieht schliesslich von dannen und droht, er würde nun die Stadtpolizei holen.
«Das ist genau das, was ich meine. Die Stimmung ist seit Jahren total aggressiv. Base (ein Ammoniak-Kokain-Gemisch) hat alles kaputt gemacht. Die Stimmung ist unglaublich schlecht», erklärt Daniel*. Seit Jahrzehnten ist er süchtig, er kann viel von der Szene erzählen: «Früher haben wir mal ab und zu eins gerupft, aber es war immer friedlich auf der Strasse. Heute gehen die Süchtigen manchmal zu dritt auf jemanden los. Für Stoff. Wie soll sich ein alter Mann wie ich in so einer Situation wehren können?»

«Heute gehen die Süchtigen manchmal zu dritt auf jemanden los. Für Stoff.»

Süchtiger im Stadtpark Chur

Es gebe keine Hemmschwelle mehr, der Adrenalinspiegel sei total hoch, resümiert Daniel. Von der Politik sei er masslos enttäuscht: «Sie haben uns einen neuen, umgebauten Stadtpark versprochen. Und einen geschützten Konsumationsraum. Denen sind wir völlig egal. Genauso wie der Bevölkerung, die gibt sich nicht mit uns ab.» Daniel hat eine Botschaft an die Politik; der «Nebelspalter» verzichtet allerdings darauf, diese Kraftausdrücke im Original wiederzugeben. Nur soviel: Er glaube ihr kein Wort mehr.

Streetworker: Positive Bilanz

Inzwischen sind auch zwei Beamte der Stadtpolizei vor Ort. Sie reden kurz mit ein paar Anwesenden, grüssen freundlich und gehen dann wieder. Ihnen stellt Daniel ein besseres Zeugnis aus: «Mit der Polizei haben wir eigentlich keine Probleme. Manchmal müssen wir unsere Taschen leeren, die Beamten zeigen viel Präsenz. Aber es funktioniert ganz gut.»
Auch die von der Stadt Chur organisierten Streetworker mag er: «Sie helfen einem, wenn man eine Wohnung sucht oder Rechnungen bezahlen muss», erklärt Daniel. Bei der Streetwork handelt es sich um ein inzwischen einjähriges Pilotprojekt. Auch das kantonale Sozialamt zieht diesbezüglich eine positive Bilanz: Die Arbeit mit den Süchtigen werde verlängert, die Zuständigkeit sei nun an den Kanton übergegangen.

Was unternimmt die Politik?

«Wir müssen natürlich die Beschaffungskriminalität und die Geschäfte der Dealer unterbinden, wo immer das möglich ist», sagte FDP-Stadtpräsident Urs Marti im Juli zur «Südostschweiz». Denn die Problematik der Süchtigen ist eng mit derjenigen des Drogenhandels verknüpft. Die Stadt habe bereits Initiative ergriffen, einen eigenen Budgetposten gesprochen. Man müsse aber noch mehr machen, führte Marti im Interview aus. Was das genau sein soll, erklärt der dafür zuständige SP-Stadtrat Patrik Degiacomi am Telefon.
Der «Nebelspalter» hat den Sozialdemokraten mit den Sorgen der Süchtigen konfrontiert: Daniel frage sich, was aus dem Versprechen nach einem neuen Stadtpark geworden ist. Man habe ihm schöne Renovationspläne gezeigt, gar einen geschützten Konsumationsraum versprochen. Nun ist er enttäuscht, weil nichts passiert ist.

«Wir können die Leute zwar wegweisen, aber wir können sie nicht zuweisen. Wo sollen sie hin? Wir können sie nirgends hinschicken.»

SP-Stadtrat Patrik Degiacomi

Degiacomi antwortet, man habe 2016 beschlossen, den Stadtpark in Etappen zu sanieren. «Die erste Etappe wurde umgesetzt. Der Vorderteil des Stadtparkes ist gemacht worden, der hintere Teil noch nicht. Dies, da noch einige Fragen in Bezug auf die Nachbarliegenschaft offen sind. Diesbezüglich war noch eine Strategieklärung nötig.» Man sei mittlerweile weiter, aber noch nicht ganz am Ende.
Beim Konsumationsraum sei gesetzlich der Kanton zuständig. «Im Sommer hat die Kantonsregierung ein Massnahmenpaket beschlossen. Dieses umfasst einen erheblichen Ausbau der Suchthilfe-Angebote in der Höhe von etwa einer halben Million Franken. Ein Konsumationsraum ist in diesem Budget aber nicht eingeplant. Dieser würde circa noch einmal so viel kosten», erklärt der SP-Stadtrat.
Der Kanton wolle diesbezüglich abwarten und beobachten, ob weitere Massnahmen notwendig seien. «Wir von der Stadt begrüssen den Ausbau der Suchthilfe-Angebote durch die Regierung. Wir glauben aber: Der begleitete Konsumationsraum kann nicht warten. Deshalb prüfen wir nun die Realisierung von Seiten der Stadt. Auch Verbesserungen im Bereich von Angebot und Begleitung im Wohnbereich sind wichtig. Wir können die Leute zwar wegweisen», führt Degiacomi aus «aber wir können sie nicht zuweisen. Wo sollen sie hin? Wir können sie nirgends hinschicken.»

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SP-Stadtrat Patrik Degiacomi. (KEYSTONE/Nick Soland)

Da sieht auch der Süchtige Daniel so. Denn der Stadtpark schliesst um 22.00 Uhr seine Tore. Ich will von ihm wissen, wo er und die anderen Randständigen dann hingehen würden. «Wir gehen dann halt in die Notschlafstelle. Etwas anderes haben die meisten von uns nicht», antwortet Daniel. Er wirkt etwas ratlos, zuckt mit den Schultern.
«Wir haben nun vom Gemeinderat einen Auftrag dafür bekommen, ein Konzept für die Konsumations- und Wohnraumgestaltung zu erarbeiten und umzusetzen. Wir möchten dies bis im Jahr 2023 schaffen», erklärt sich Degiacomi. Das wäre Daniel und dem Rest der Stadtpark-Clique zu wünschen. Denn um diese Jahreszeit ist es bitterkalt, der Boden ist matschig und aufgeweicht, es besteht kaum Windschutz vor den eisigen Böen. Kein Zustand, den man den Leuten – aus menschlicher Sicht – über Jahre hinweg wiederkehrend zumuten kann.
Auch Degiacomi erklärt, er sei mit der jetzigen Situation unzufrieden. Auf diesen Winter hätte er wenigstens gerne ein Provisorium für die Süchtigen gehabt. «Der Stadt wurde bereits ein Budget von 100 000 Franken bewilligt. Damit hätten wir – zusammen mit dem Kanton – Vorinvestitionen in einen ‹Konsumationsraum› tätigen können.» Der Kanton ist hier aber zurückhaltender. Degiacomi bedauert, dass es noch keinen Konsumationsraum gibt.

Und die Polizei?

Wo Süchtige sind, die Stoff brauchen, bildet sich auch ein Markt. Und dieser wiederum zieht Personen an, die ein Angebot schaffen: Dealer. Die Bekämpfung des Drogenhandels und der Beschaffungskriminalität ist Sache der Kantonspolizei Graubünden. Diese antwortet auf Nachfrage, der Kontrolldruck seitens der Polizei werde hochgehalten. Es werde kein öffentlich stattfindender Konsum oder Handel toleriert: «Werden bei den Polizeikontrollen Personen festgestellt, die Betäubungsmittel konsumieren, besitzen oder damit dealen, so werden sie ausnahmslos zur Anzeige gebracht.»
Allerdings: Die Sogwirkung einer offenen Drogenszene auf Dealer kann nicht vollständig geleugnet werden. Degiacomi antwortet, seitens des Stadtrates gäbe es drei Zielsetzungen. «Wir wollen erstens der Verwahrlosung entgegenwirken, zweitens die Sicherheit erhöhen und drittens die Kommunikation verbessern.» Es gehe der Stadt nicht nur um die Süchtigen, sondern auch um die Bevölkerung. «Die Situation soll sich durch unsere Massnahmen auch für die Bevölkerung verbessern», verspricht Degiacomi.

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Ein selbstgebastelter Gedenk-Schrein für die Verstorbenen des Churer-Stadtparkes. (Bild: Nebelspalter)
* Daniel heisst in Wirklichkeit anders. Der Name ist der Redaktion bekannt.

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