Diktatur in Nicaragua. Daniel Ortega – früher Freiheitsheld, heute Despot. Die Linke schweigt

Diktatur in Nicaragua. Daniel Ortega – früher Freiheitsheld, heute Despot. Die Linke schweigt

Unter dem Jubel der Linken hatte Daniel Ortega 1979 den Diktatoren Anastasio Somoza aus Nicaragua vertrieben. In der Zwischenzeit ist Ortega selbst zum Despoten geworden, er hat seine Diktatur in den Wahlen vom 7. November zementiert.

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von Peter Morf am 11.11.2021, 17:00 Uhr
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Anastasio Somoza Debayle war ein übler Diktator. Jahrelang hatte er Nicaragua geknechtet und ausgebeutet. Bis er 1979 von der linken, sandinistischen Revolution hinweggefegt wurde. Bannerträger der Revolution war Daniel Ortega, der sich als linker Freiheitsheld verstand und inszenierte. Die Linke in Lateinamerika wie auch in den westlichen Industriestaaten sah in ihm gleichsam einen Messias, der endlich das goldene Zeitalter des wahren Sozialismus einläuten würde.
In seiner ersten Präsidentschaft flogen ihm die Herzen der linken Intellektuellen zu. Viel Geld und Manpower floss nach Nicaragua. Auch in der Schweiz jubelte die Linke. Gemäss einer 2006 erschienen Studie zogen rund 800 Menschen aus der Schweiz bis 1990 als freiwillige Brigadisten nach Nicaragua, um beim Wiederaufbau des Landes und der Verwirklichung des sozialistischen Traums zu helfen. 1986 existierten in der Schweiz nicht weniger als 21 lokale Komitees zur Unterstützung Nicaraguas.

Gefälschte Wahlresultate

Doch so gut der Wille auch gewesen sein mag, es kam anders als erhofft. Ortega wandelte sich mit der Zeit zu einem Despoten vom Schlage Somozas. Es soll niemand sagen, man habe es nicht gewusst. Ein klares Zeichen: 2008 verlieh er Margot Honecker, der Ehegattin des früheren DDR-Partei- und Staatschefs Erich Honecker, den Orden «Ruben Dario». Margot Honecker hatte sich nie von der DDR losgesagt, sie verteidigte den Unrechtsstaat bis zu ihrem Tod 2016 eisern.
Im Vorfeld der Wahlen vom 7. November liess Ortega alle nennenswerten oppositionellen Kandidaten verhaften, er fälschte die Wahlresultate. Und schon 2018 liess er Proteste mit kruder Gewalt niederschlagen, ganz im Stile Somozas. Mehrere hundert Todesopfer waren das Resultat. Ortega und Somoza: Die Unterschiede sind kaum mehr erkennbar.

Was interessiert uns Nicaragua?

Und was tut die Linke? Sie schweigt. Keine Demonstrationen, keine wütenden Artikel, keine freiwilligen Brigaden, kein Aufschrei des Entsetzens, keine Vorstösse im Parlament. Die Medien quittierten das Ereignis, wenn überhaupt, mehrheitlich mit einem Schulterzucken – was interessiert uns schon Nicaragua? Das war auch schon anders.
Wer zwischen «rechten» und «linken» Diktatoren differenziert, offenbart, dass es ihm nicht um das Wohlergehen der Menschen geht, sondern ganz einfach um die Ideologie – das gilt auch für die Linke in der Schweiz. Das ist an Zynismus fast nicht mehr zu überbieten. Oder wie es George Orwell in der «Animal Farm» formuliert hat: «All animals are equal, but some animals are more equal than others». Das epochale Werk von Orwell ist 1945 erschienen – Zeit zur Lektüre wäre da gewesen.

Zur Person

Fast dreissig Jahre lang hat Peter Morf (1956), Ökonom und Journalist, als Bundeshausredaktor über die Schweizer Politik in all ihren Facetten berichtet und sie kommentiert. Dabei hat er sich stets an die Fakten gehalten und seinen liberalen Kompass nie aus den Augen verloren. Daran soll sich auch in den kommenden Jahren nichts ändern.

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