Digitaler Unterricht: Sorge vor Dauerberieselung

Digitaler Unterricht: Sorge vor Dauerberieselung

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von Sebastian Briellmann am 20.3.2021, 10:58 Uhr
Ist es gut, wenn Kinder auch noch in der Schule Zeit mir elektronischen Geräten verbringen? Foto: shutterstock
Ist es gut, wenn Kinder auch noch in der Schule Zeit mir elektronischen Geräten verbringen? Foto: shutterstock
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Der Einsatz von elektronischen Medien machen bei gewissen Aufgaben durchaus Sinn. Ausgereift ist der Gebrauch in der Schule allerdings nicht.

Innert Tagen mussten die Schulen im letzten Frühling auf Fernunterricht umstellen. Der Einsatz von digitalen Lehrmitteln war während der Pandemie plötzlich ein Muss – in der Zukunft, auch ganz ohne Virus, ist er ein anvisiertes Ziel der Bildungspolitik.
Was hat die Pandemie, quasi eine Echtzeitstudie unter dem Brennglas, beim Einsatz digitaler Lehrmittel gezeigt?

«Die vermehrte Nutzung digitaler Medien im Unterricht macht aus dem Lernen noch lange kein digitales Lernen.»

Alain Pichard, Lehrer

Vor Beginn des Schuljahres widmete sich im August das «Schweizer Fernsehen» dieser Thematik. Die Digitalturbos sind im ersten Lockdown ganz begeistert gewesen. Priska Fuchs, die am Kaufmännischen Bildungszentrum in Zug als Sprachlehrerin tätig ist und sich schon lange für den Einsatz digitaler Mittel im Unterricht einsetzt, sagt im Beitrag: «Die Schulen haben sich fünf Jahre Schulentwicklung gespart. Gewisse Diskussionen muss man nicht mehr führen, es ist einfach klar.»
Ist es das?
Viele Lehrer und Eltern sehen Gefahren für Schulkinder: Dauerberieselung, Konzentrationsschwächen, Lerndefizite.
Alain Pichard, ein bekannter Lehrer aus Biel und Kritiker vieler Entwicklungen im Bildungssystem, sagt: «Die vermehrte Nutzung digitaler Medien im Unterricht macht aus dem Lernen noch lange kein digitales Lernen. Hier müssen zunächst einmal grundlegende didaktische Fragen geklärt werden.» Ironisch fügt er an: Was es für Kinder bedeute, wenn sie pausenlos – also auch in der Schule – an digitalen Geräten hängen, könne man sich ja auch mal überlegen.
Dagmar Rösler ist Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH). Auch sie stellt sich die Frage, wie die Digitalisierung künftig auf den Unterricht Einfluss nimmt: «Aus meiner Sicht braucht es hybride Lernformen: analoge und digitale sollen sich ergänzen.» Das Soziale sei genauso wichtig, wie sich gezeigt habe.

«Studien belegen, dass sich Schüler den Schulstoff, den sie auf gedrucktem Papier bearbeiten, besser merken können.»

Dagmar Rösler, höchste Lehrerin der Schweiz

Dem widerspricht wohl niemand. Aber welche Methoden zahlen sich aus, welche sind kontraproduktiv? Rösler erwähnt zum Beispiel Apps, die die Anforderungen exakt ans Niveau der Schüler anpassten. Solche digitalen Programme, sagt sie, könnten wertvoll für den individualisierten Unterricht sein.
Aber ist es wirklich sinnvoll, bereits bei Kindern und Jugendlichen das vereinzelte Lernen voranzutreiben? Und dann erst noch digital? Rösler sagt: «Es gilt hier aufzupassen, dass nicht ein falsches Bild von der Schule gezeichnet wird. Lesen lernen, schreiben lernen: Basisfähigkeiten sollen vor allem noch auf haptische Art und Weise geschehen. Das Buch ist noch immer ein wichtiges Lehrmittel. Studien belegen, dass sich Schüler den Schulstoff, den sie auf gedrucktem Papier bearbeiten, besser merken können.» Das Digitale halte da nicht mit.
In der «Stavanger-Erklärung» von 2019, unterschrieben von 130 Leseforschern aus ganz Europa, steht etwa: «Eine Metastudie von vierundfünfzig Studien mit zusammen mehr als 170000 Teilnehmern zeigt, dass das Verständnis langer Informationstexte beim Lesen auf Papier besser ist als beim Bildschirmlesen, insbesondere wenn die Leser unter Zeitdruck stehen.»

Pädagogische Steinzeit?

Sorge bereite den Lehrern auch der hohe Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen, sagt Rösler. Sie sagt aber auch: «Die Vorstellung, dass Zehnjährige den gesamten Unterricht mit ihrem Tablet oder Computer verbringen, ist falsch. Das soll nur partiell geschehen und vor allem dort, wo es Sinn macht.»
Pichard sagt ebenfalls, dass es durchaus Gebiete und Themen gäbe, in denen digitale Medien dem klassischen Unterricht überlegen sind: «Darauf sollte man zurückzugreifen oder in die konstruktive Medienproduktion einsteigen (Videos produzieren, Powerpoint-Präsentationen erstellen, webbasierte Produkte kreieren).» Zum Wörtchen-Lernen, Wortarten-Üben, Umrechnungen-Üben oder Texte-Verfassen seien die digitalen Tools echt nutzbringend. «Aber das wussten wir schon vor dem Homeschooling.»
Aber er übt auch heftige Kritik. Er erzählt, wie er sich in den sechs Wochen des Fernunterrichts intensiv mit den digitalen Angeboten beschäftigt hat. Sein Urteil ist hart: «Technisch verlockend, grafisch teilweise eindrucksvoll, aber pädagogische Steinzeit, Frontalunterricht zum Davonlaufen, null Problemstellungen, komplett rezeptorientiert.» Innovativ sei das alles nicht. Die technisch affinen «Digitalisierer» seien oft viel altmodischer als die als altmodisch diffamierten Digitalisierungskritiker.
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