Diese Bilder zeigen, was mit der Schweiz falsch läuft

Diese Bilder zeigen, was mit der Schweiz falsch läuft

Hotelgäste, die fröhlich an Tischen dinieren. Andere Touristen, die auf Parkbänken Pizzaschachteln auf den Knien balancieren. Eine Politik, die unsere Gesundheit schützen will, kann ganz schön verrückt sein. Ein Augenschein in Locarno.

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von Stefan Millius am 3.4.2021, 09:00 Uhr
Vollbesetztes Restaurant im Hotel «Lago Maggiore» in Locarno: Virentechnisch offenbar kein Problem. (Bilder: Gloria Schöbi)
Vollbesetztes Restaurant im Hotel «Lago Maggiore» in Locarno: Virentechnisch offenbar kein Problem. (Bilder: Gloria Schöbi)
Klare Regeln sind etwas Wunderschönes. Jeder weiss, an was er sich halten muss, damit alles gut wird. Im Fall unseres Landes heisst das: Restaurants müssen geschlossen bleiben und dürfen keine Gäste empfangen.
Es sei denn, es handelt sich um das Restaurant eines Hotels. Dort dürfen Hotelgäste dinieren, wie sie wollen. Natürlich unter Einhaltung der Schutzmassnahmen, aber so haben es die «normalen» Restaurants ja auch gehalten. Dennoch geht das eine und das andere nicht. Denn so sind die Regeln.

Durchschnittlicher Ansturm

Zum Beispiel in Locarno. Das Tessin, so die verbreitete Ansicht, könnte über die Ostertage zur Verbreitung von Corona beitragen, weil die ganze Deutschschweiz dorthin strömt. Wir waren dort. Fazit: An den öffentlichen Plätzen ist nicht mehr los als sonst, die beliebtesten Plätze am See sind durchschnittlich besucht, die Abstände einzuhalten ist kein Problem, viele tragen selbst draussen Maske.
Wenn sich etwas ballt, dann höchstens bei den Hotelgästen, die natürlich alle zeitgleich ihr Abendessen einnehmen möchten. Zum Beispiel im «Lago Maggiore» an der Seepromenade von Locarno wie im Bild ganz oben. Aber es ist eigentlich überall so, sobald Hotelgäste im Spiel sind.
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Und auch hier: Gut besetzte Terrasse am See – dank Hotel.
Richtig gesehen: Hier ballen sich die Gäste, natürlich an Tischen mit der vorgeschriebenen Distanz, aber das Lokal ist praktisch vollbesetzt. Warum soll das weniger gefährlich sein, als wenn Restaurantgäste hier essen würden, die nicht im Hotel nächtigen? Berücksichtigt das Coronavirus den Hotelstatus?
Kein Mensch kann das schlüssig erklären. Aber es ist die Realität. Denn wer kein Hotel gebucht hat, sondern in seiner Ferienwohnung schläft, darf in Locarno – wie überall – nicht im Restaurant essen, sondern muss sich in eine der langen Schlangen vor Takeaways einreihen, wo selten die Distanz eingehalten wird, dort ein Getränk und etwas zu essen ergattern und sich dann eine Parkbank oder eine Wiese suchen.
Klar: Man kann auch auf einer Parkbank etwas Alkoholisches zu sich nehmen. Nur leidet der gesunde Menschenverstand ein bisschen. Die Schlüsselkarte zu einem Hotelzimmer wehrt Covid-19 erfolgreich ab?

Leerer Platz, volle Gasse

Gehen wir ein bisschen weiter Richtung historisches Zentrum von Locarno, direkt unterhalb des Schlosses. Das Restaurant «Movie» ist in normalen Zeiten einer der beliebtesten Anziehungspunkte für Nachtschwärmer, weil es über einen grossen Aussenbereich verfügt. Dort ist derzeit niemand – denn das «Movie» wurde wie alle anderen Restaurants behördlich geschlossen, weil es über kein Hotel verfügt.
Das Ergebnis: Ein leerer Platz, auf dem sich das Virus garantiert nicht verbreitet. Hosianna, kein Mensch zu sehen, so wird die Schweiz sicher gesund!
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Der Platz vor dem «Movie»: Leer, weil es der Bundesrat so will.
Keine 50 Meter Luftlinie davon entfernt bietet sich ein anderes Bild: Massig Leute, die sich irgendwo in einem Takeaway ein Getränk geholt haben und nun in der Gasse mitten in Locarno stehen, dicht an dicht. Denn niemand hat Lust, hier Abstände zu kontrollieren. Maske? So gut wie niemand trägt eine. Man trinkt ja gerade.

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Kein Restaurant, nur eine Gasse: Hier kann man gerne machen, was man will.
Und wenige Meter entfernt bietet der lauschige Schlossgarten viele willkommene Sitzgelegenheiten – ohne Konsumationszwang, und zum Mitnehmen findet man alle paar Meter etwas.
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Das ist also die erfolgreiche Gesundheitspolitik der Schweiz: Die Leute von dort, wo sie sich sonst aufhalten, vertreiben, nur damit genau dieselben Leute einfach woanders trinken. Und zwar dort, wo es – anders als in einem Gartenrestaurant – nicht möglich ist, mit richtig platzierten Tischen und klar definierten Bereichen Ordnung zu schaffen.
Wir fassen zusammen. Ein Restaurant ist nur dann gefährlich, wenn es nicht über Hotelzimmer verfügt. Und eine freie Fläche, auf der Menschen in grosser Zahl feiern und trinken, ist nur dann gefährlich, wenn sie zu einem Restaurant gehört. Das Virus kümmert sich also keineswegs um Abstände, sondern um behördliche Auflagen.
Aber immerhin: Das nächste Buch schreibt wie sich wie von selbst. «Die 99 schönsten Parkbanken im Tessin.» Wenn das kein Bestseller wird. Die Recherchearbeit läuft bereits.
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Nebelspalter-Autor Stefan Millius versucht, mit Cocktail im Plastikbecher Stil zu bewahren.

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