Die Zwangsheirat

Die Zwangsheirat

Von Mäusen und Männern. Sowie Hochfrequenztönen. Oder: Ja, sie will. Aber er bekommt beim Traum in Weiss sogleich Angstschweiss.

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von Dominique Feusi am 21.6.2021, 16:11 Uhr
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Fräulein Maus, klein, zierlich und hübsch, wohnt seit Jahren mit ihrem Freund, dem K., im Nachbarhaus. Wobei Fräulein Maus vor allem einen Freund hat: ihr iPhone. Wo sie auch geht und steht, die junge Frau tippt unablässig darauf rum und starrt hochkonzentriert in den kleinen Bildschirm. Wahrscheinlich fällt sie ohne Empfang sofort tot um.
Fräulein Maus grüsst selbstverständlich nicht, da sie stets mit Tippen und Starren beschäftigt ist. In einem Film wäre die Hintergrundmusik dazu von Xavier Naidoo: «Sie sieht mich einfach nicht.» Und so war jahrelang unklar, ob Fräulein Maus denn überhaupt spricht.
Durch Mark und Sein
Aber dann, letztes Jahr während des Lockdowns, kam dieses markerschütternde Gequieke von ihrem Balkon, dieser quälende Hochfrequenzton, als ob jemand Micky Maus absticht. Oder auf einen Sack Spatzen eindrischt. Richtig, es war unsere Nachbarin, die mit ihrem Freund sprach. Also mit dem K., nicht mit dem Telefon. Und man dachte: Gesegnet sei der Mann, der dieses Organ ertragen kann!

Gesegnet sei der Mann, der dieses Organ ertragen kann.


Gesegnet wurde dieser Mann dann auch. Aber erst später. Dann preisen wir den Wohltäter. Wobei das Fräulein Maus natürlich nichts für diese Stimme kann, dem armen Ding wurde ein Folterwerkzeug in den Mund gelegt und dann erst noch die Lautstärke aufgedreht. Allenfalls zu retten mit täglich mindestens einer Flasche Whiskey und zwei Stangen Zigaretten. Mit Rausch und Rauch zum Glück. Im Fachjargon: das Denner-Frühstück.
Aber es kam andersrum. Fräulein Maus, bis anhin sportlich unmotiviert, joggte nun plötzlich an unserem Haus vorbei. Manchmal mehrmals täglich. Die Kadenz war fraglich. Der Kopf hochrot. Das Fräulein Maus in schwerer Atemnot. Man hatte Angst, dass sie gleich kippt. Bis man sah, dass sie noch was ins Telefon tippt. Okay, vielleicht hat sie auch einen Notruf abgesetzt und wir haben’s nicht gecheckt.

Mit Rausch und Rauch zum Glück. Im Fachjargon: das Denner-Frühstück.


«Sie meint’s ernst mit dem Sport», konstatierte der Schatz. «Die joggt sich doch in ein Hochzeitskleid», sagte ich, mehr aus Witz. Nun denn, nicht schlecht geraten, einen Tag später steht der K. vor der Tür und sagt: «Wir heiraten». Mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er doppelten Darmverschluss.
Der Fang mit Zwang
«Du musst ihn einfach zwingen!», sagte eine ehemalige Bekannte einst zu einer anderen Dame. «Du setzt im Geheimen die Pille ab und dann, zack! Falls es nicht gleich klappt, drohst du, ihn zu verlassen! Du musst jetzt aufpassen, stetig Druck aufsetzen, auf keinen Fall warten! Noch nie hat ein Mann freiwillig geheiratet!» Ich habe dann freiwillig den Kontakt abgebrochen. Nicht meine Szene.

«Du musst ihn einfach zwingen! Du setzt im Geheimen die Pille ab und dann, zack!»


Doch was ist dran an der männlichen Heiratsverweigerung? So rein prozentual? Ist es wirklich immer sie, die will? Kein Plan, mich hat das Heiraten nie interessiert, wir sind seit 24 Jahren in einer Langstreckenbeziehung, und ich find’s fein, geht das heutzutage ohne Trauschein. Und meine Eltern selig, diese zwei Turteltauben, waren 50 verliebte Jahre lang zusammen, nur der Tod meiner Mutter vermochte sie zu trennen. Mein Vater sagte immer, er habe sie mit 16 zum ersten Mal gesehen und gleich heiraten wollen. Am nächsten Tag hat er sie dann im Tram allerdings mit ihrer Schwester verwechselt. Diese Geschichte gab wiederum meine Mutter sehr gerne zum Besten.
Aber jeder, wie er will. Oder im Fall unserer Nachbarin: ihrer, wie sie will. Denn er will offensichtlich nicht. Tja, so eine lebenslange Bindung an einen Hochfrequenzton braucht schon Mut. Nun gut, die Hoffnung stirbt zuletzt, vielleicht brennt ja Fräulein Maus noch mit ihrem iPhone durch. Und schreibt ihm eine Nachricht: «Hier hab ich den besseren Vertrag!» Doch noch steht der K. mit traurigem Gesicht vor unserer Tür und spricht: «Aber wir heiraten NUR, sonst ändert sich nichts!» Und als keiner von uns zweien reagiert – was will man diesem jungen Mann auch die Illusion zerstören? –, kann er nicht aufhören, mantrahaft zu wiederholen:
«Sonst ändert sich nichts!»
«Sonst ändert sich nichts!»
«Sonst ändert sich nichts!»
Na, wenn das mal nicht das romantischste Eheversprechen aller Zeiten ist.
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