Die Zauberlehrlinge. Stammt das Corona-Virus aus dem Labor?

Die Zauberlehrlinge. Stammt das Corona-Virus aus dem Labor?

Lange galt dieser Verdacht als Verschwörungstheorie. Nun verdichten sich die Hinweise. Die amerikanischen Geheimdienste ermitteln.

image
von Markus Somm am 5.6.2021, 06:15 Uhr
Das Virenlabor in Wuhan, China. Seit Jahren wird hier an der Verschärfung von Corona-Viren gearbeitet. Man erhofft sich davon therapeutische Fortschritte.
Das Virenlabor in Wuhan, China. Seit Jahren wird hier an der Verschärfung von Corona-Viren gearbeitet. Man erhofft sich davon therapeutische Fortschritte.
Vor kurzem hat Joe Biden, der Präsident der Vereinigten Staaten, seine Geheimdienste damit beauftragt, die sogenannte Labor-Leck-Theorie zu untersuchen, also die Möglichkeit, dass das Corona-Virus kein natürliches Virus ist, sondern aus dem Labor stammt. Lange Zeit wurde diese These als Verschwörungstheorie verworfen – zumal sie auch von Donald Trump, dem in gewissen Kreisen verhassten Vorgänger von Biden, vertreten wurde. Was Trump sagte, musste falsch sein.
Umso mehr sorgte Bidens Entscheid für Aufsehen in Amerika. Hätte er keine neuen Hinweise erhalten, so wurde gemeinhin gemutmasst, dann wäre er wohl nie so weit gegangen, sich zugunsten von Trump zu korrigieren.
Tatsächlich gibt es einige neue Hinweise – und Ungereimtheiten. Insbesondere gelang es amerikanischen Medien, an einen grossen Teil der Email-Korrespondenz heranzukommen, die Anthony Fauci letztes Jahr verfasst hatte. Fauci ist der einflussreiche Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases. Als eine Art «Daniel Koch der USA» hat Fauci die Corona-Politik seiner Regierung seit Beginn der Pandemie massgeblich geprägt. Aus diesen Emails geht hervor, dass prominente Virologen schon im Januar 2020 selber argwöhnten, es könnte sich um ein von Menschen manipuliertes Virus handeln: Es habe ein paar «ungewöhnliche Eigenschaften», schrieb Kristian Andersen an Fauci, «man muss ganz genau hinschauen, um zu sehen, dass einige Eigenschaften möglicherweise fabriziert sind». Andersen arbeitet als Professor für Immunologie und Mikrobiologie bei Scripps Research, einer weltweit führenden biomedizinischen Forschungseinrichtung in Kalifornien. Alle in seinem Team, so fuhr er in seinem Email an Fauci fort, «finden das Genom des Virus schwer mit der natürlichen Evolution vereinbar». Mit anderen Worten, Andersen und Fauci hielten die Labor-Leck-Theorie zu jenem Zeitpunkt für durchaus plausibel – zumindest intern.
Denn wenige Wochen später trat der gleiche Andersen an die Öffentlichkeit und behauptete das Gegenteil, obwohl er in der Zwischenzeit unmöglich sehr viel mehr erfahren haben konnte. Nach wie vor hält China wichtige Daten und Forschungsprotokolle unter Verschluss. Und auch Fauci wollte nichts mehr davon wissen, dass das neue Corona-Virus in einem Labor fabriziert worden sein könnte.
Allein diese Diskrepanz zwischen Aussagen in privaten Emails und öffentlichen Wortmeldungen wirkt seltsam, – seltsamer noch, wenn man berücksichtigt, dass die beiden die Labor-Leck-Theorie jahrelang mit einer fast provokativen Selbstsicherheit für Humbug erklärt haben – als wäre schon der Gedanke daran Zeichen eines Hangs zu Verschwörungstheorien. Waren sie zunächst selbst einer Verschwörung aufgesessen? Wohl kaum.
Fauci steht mittlerweile unter starkem Druck. Hat er die Öffentlichkeit bewusst in die Irre geführt? Wie lange er dieser Kritik noch standhalten kann, ist offen.

Vom verblassenden Glanz einer Theorie

Selbstverständlich geht es nicht um Fauci, aber unfreiwillig hat er der Labor-Leck-Theorie, die bereits erledigt schien, neues Leben eingehaucht. Das Interesse, dem Ursprung des Corona-Virus auf den Grund zu gehen, ist in Amerika abermals erwacht.
Das liegt an Trump – oder besser: an der Tatsache, dass er nicht mehr im Amt ist und es deshalb manchem leichter fällt, die Dinge mit frischem Blick zu betrachten.
Das liegt aber auch daran, dass die konkurrierende Theorie an Überzeugungskraft verloren hat: Es handelt sich um die Theorie der natürlichen Herkunft, wie sie von Anfang in China verbreitet wurde. Gemäss diesem Ansatz soll das neuartige Corona-Virus von einer Fledermaus auf ein Tier und dann auf den Menschen gekommen ein, ein Phänomen, das in der Natur durchaus häufig zu beobachten ist.
Was allerdings zunehmend irritiert, ist der Umstand, dass man bis heute diesen Zwischenhändler nicht entdeckt hat, also ein Tier, das von einem Fledermaus-Virus angesteckt wurde, um es dann über Umwege an einen Menschen weiterzugeben. Dass das Virus direkt von der Fledermaus auf den Menschen übertragen worden war, ist zwar denkbar, gilt aber als höchst unwahrscheinlich, zumal die Fledermäuse-Art, von der das Virus vermutlich herrührt, rund 1500 km südlich von Wuhan lebt.
In Wuhan, einer Millionenstadt in der Mitte von China, hat das Corona-Virus zum ersten Mal zugeschlagen.
Wo ist dieser Zwischenhändler des Todes geblieben? Die Chinesen haben inzwischen 80 000 verschiedene Tiere getestet, in der Hoffnung, ihn zu finden, und obwohl nun mehr als ein Jahr verstrichen ist, seit Corona uns im Griff hat, fehlt nach wie vor jede Spur. Das ist ungewöhnlich.
Als zum Beispiel SARS 2002 in Südchina ausbrach, eine ähnliche Krankheit wie Covid-19, suchte man ebenso fieberhaft nach dem Zwischentier – denn auch SARS geht ursprünglich auf die Fledermaus zurück. Damals spürte man es jedoch innert vier Monaten auf, es handelte sich um den Fleckenmusang, eine Schleichkatzenart. Auch dieses herzige, aber bedauernswerte Tier wird in China, dem Land der menschlichen Allesfresser, verspeist – und so gelangte das Virus von der Fledermaus über den Musang wohl zum Menschen. Ein zweiter Fall ist MERS. 2012 breitete sich diese Infektion im Nahen Osten aus; sie wird ebenfalls von Corona-Viren hervorgerufen, die von Fledermäusen stammen. Dieses Mal dauerte es neun Monate, bis man den Zwischenhändler ausfindig gemacht hatte: Es waren Kamele gewesen.
Im Fall des neuen Corona-Virus dagegen, offiziell: SARS-CoV 2, sind nun schon rund 15 Monate vergangen, und alle Welt würde gerne wissen, wem sie diese Pandemie zu verdanken hat, doch nach wie vor tappen die Forscher im Dunkeln.
Gewiss, manchmal dauert die virologische Spurensuche länger. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass die Theorie der natürlichen Herkunft sich bald beweisen lässt. Das ist aber bisher nicht geschehen – weswegen sie nicht als glaubhafter erscheinen muss als jene Theorie, die man vielleicht etwas allzu leichtfertig als Verschwörungstheorie abgetan hat. Für beide Theorien sprechen bislang nur Indizien, es fehlen die Beweise.
So gesehen, ist auch die Labor-Leck-Theorie nach wie vor mit Vorsicht zu betrachten. Vielleicht ist sie falsch. Doch warum soll sie jetzt nicht genauso plausibel sein wie vor einem Jahr?

Ein schrecklicher Verdacht

Die Labor-Leck-Theorie drängte sich von Anfang an auf, weil manche Zufälle allzu zufällig erschienen. In Wuhan unterhält China ein Forschungsinstitut, das sich auf die Untersuchung von Corona-Viren spezialisiert hat, wie sie bei Fledermäusen auftreten. Zu diesem Zweck reisen die Forscher regelmässig in eine Region in China, wo viele Fledermäuse heimisch sind; inzwischen verfügt das Institut über die DNA von mehr als 1000 Fledermausarten.
Zweitens ist dieses Institut ein Hochrisiko-Labor, weil hier daran gearbeitet wird, Viren zu «verschärfen», das heisst, man greift bewusst in den Bauplan dieser Viren ein, um sie noch tödlicher, noch leichter übertragbar, noch unvertrauter zu machen – im Labor wohlverstanden. Niemand denkt daran, sie freizusetzen.
Denn es geht bei dieser Forschung nicht darum, irgendeine menschenverachtende biologische Waffe zu entwickeln, vielmehr erhofft man sich, damit der Natur stets einen Schritt voraus zu sein. Wenn durch irgendeine Mutation wieder ein gefährliches Corona-Virus auftaucht, wie seinerzeit bei SARS, dann sollten wir besser gerüstet sein: mit Impfungen und mit Know-how, weil wir die Viren ja besser kennen als sie sich selber – könnte man etwas zugespitzt sagen.
Diese Forschung ist auch keine chinesische Spezialität, im Gegenteil, entsprechende Institute stehen in Amerika, in Europa, in Japan, ja, in manchen entwickelten Ländern. Wer als Virologe tätig ist, kennt womöglich einen anderen Kollegen, der genau solche Arbeiten vorantreibt. Natürlich erfreut sich diese Forschung eines hohen Prestiges, denn mit diesen Versuchen, Viren zu manipulieren, bewegt man sich an der Spitze des virologischen Fortschrittes, man verspricht sich viel davon. Regierungen interessieren sich dafür. Gelder fliessen.
Längst hat sich eine internationale Forschungsgemeinschaft gebildet, die alles Interesse daran hat, dass diese Forschung weiter betrieben werden kann. Das mag dazu geführt haben, dass so viele Wissenschaftler die Labor-Leck-Theorie so umgehend in Abrede gestellt hatten – obschon sie wohl kaum Gelegenheit hatten, sie selber zu überprüfen.
Es steht viel auf dem Spiel für diese Avantgarde der Virologie. Wenn sich herausstellte, dass das Virus aus dem Labor kam: Wie lange sähe man sie noch als Wohltäter an? Glichen sie dann nicht eher gedankenlosen Zauberlehrlingen? Die Geister, die sie gerufen, werden sie nicht mehr los.
Zumal diese Forschung enorme Risiken birgt. Das wissen die Virologen selbst am besten. Unfälle geschehen immer. Viren sind in der Vergangenheit schon oft aus dem Labor entwichen. Doch der Reiz auf alle Wissenschaftler, nicht nur in China, sondern in Europa und Amerika genauso, muss unwiderstehlich sein.
So unwiderstehlich, dass man die Chinesen auch gerne dabei unterstützt. Ausgerechnet Faucis Behörde hat die Arbeiten in Wuhan wohl indirekt finanziert, indem sie EcoHealth Alliance Gelder zukommen liess. Diese amerikanische Forschungseinrichtung arbeitet eng mit dem Institut von Wuhan zusammen, ja es steht zu vermuten, dass sie die chinesischen Anstrengungen, Corona-Viren zu «verbessern», direkt subventioniert hat.
Fauci bestreitet heute, davon gewusst zu haben. Doch so selbstsicher wie auch schon wirkt er dabei nicht mehr: «Ich kann nicht alles garantieren, was im Wuhan-Labor vor sich geht. Wir können das nicht.»

Mehr von diesem Autor

image

Die Folgen von 9/11: «Liberale Errungenschaften in Frage gestellt» «Zensur auf Social Media ist heute fast schlimmer»

image

9/11: Amerika ist am besten, wenn es ihm am schlimmsten geht

Markus Somm11.9.2021comments13

Ähnliche Themen

image

«Tests zu unsicher»: Zutritt nur für geimpfte oder genesene Kinder