Die WOZ weiss heute schon: Der Sex wird besser

Die WOZ weiss heute schon: Der Sex wird besser

Die Wochenzeitung WOZ wird heute Freitag 40 Jahre alt. Das feiert sie mit einer Sonderausgabe, die sich vor allem um Zukunftsfragen dreht. Aber die aus Sicht der Macher zweifellos grösste Innovation, die auch bleiben soll: Das Binnen-I weicht nach 28 Jahren dem Doppelpunkt.

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von Stefan Millius am 1.10.2021, 04:00 Uhr
Ausriss aus der Titelseitenillustration der Sonderausgabe.
Ausriss aus der Titelseitenillustration der Sonderausgabe.
Am 1. Oktober 1981 erschien die WOZ erstmals mit einer regulären Ausgabe. 40 Jahre: Das ist im Medienzirkus eine schöne Leistung. Das Blatt mit dem Einheitslohn hält bisher jedem Sturm stand. Die Auflage steigt sogar, was die wenigsten Zeitungen von sich behaupten können. Das Modell funktioniert offenbar besser als so manches streng kapitalistisch geführte Medienhaus.
Dafür gebührt ohne jede Ironie echter Respekt. Ebenso für den Beitrag zur Meinungsvielfalt. Mehr jedenfalls als für die Tatsache, dass die WOZ «die grösste unabhängige linke Zeitung der Schweiz» ist, wie es in der Medienmitteilung zum 40-Jahr-Jubiläum heisst. Denn wie viele von der Sorte gibt es eigentlich? Aber klar, das Bundeshaus in Bern ist auch das schönste Bundeshaus der Schweiz, ohne Frage.

Zwischen Epilepsiegefahr und LSD

Die WOZ-Macher feiern den Geburtstag mit einer Sonderausgabe. Die wurde anderen Redaktionen vorab zur Ansicht zugestellt. Allerdings ohne die eigentlich nötige Vorwarnung: Dass Epileptiker die Datei besser nicht öffnen sollten. Die Titelseite knallt schrill in Farben, die man sonst nur dank LSD zu sehen bekommt. Im Innenteil geht es ähnlich weiter. Aber andererseits wird die Halsmuskulatur gestärkt, weil man dem Layout offenbar freie Bahn gelassen hat. Textblöcke werden so schräg gestellt, dass man sich als Passagier auf der Titanic in ihren letzten Minuten wähnt.
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Ausriss aus der Titelseitenillustration der Sonderausgabe.
Zum Inhalt. Der ganze erste Bund der Sonderausgabe ist dem Thema «Zukunft» gewidmet, Gegenwartsfragen wurden in den zweiten Bund verbannt. «Analytisch, fantasievoll und nicht selten witzig» gehe man das Thema an, heisst es in der Information an die Medien. Damit man das auch glaubt, wird später sicherheitshalber nachgeschoben: «Überaus witzig sind die satirischen Kurznachrichten aus dem Jahr 2061.» Was ja im Normalfall eher in der Beurteilung des Lesers und der Leserin liegen sollte.

Besserer Sex ohne Geschlechter

Den sonst vielen Linken eigene Kulturpessimismus will die WOZ bei ihren Zukunftsperspektiven nicht zulassen. Stattdessen möchte sie aufbauend und mit guten Ideen auf das blicken, was die Zeit so mit sich bringt. Wie entwickeln sich Arbeit, Staat, Ernährung? Oder, nun wird es wirklich interessant, der Sex?
Der werde besser, verspricht uns die WOZ-Redaktion. Und zwar, weil es in Zukunft endlich keine Geschlechter mehr gibt. Denn dann müssen Männer, oder wie wir sie dereinst auch nennen werden, endlich nicht mehr dauernd ihre Potenz beweisen. Das führt zu mehr Spass für alle. Das ist sicherlich eine unzulässige Verkürzung der These, aber wer es genauer wissen will, muss eben die Sonderausgabe kaufen (und wer die These verstanden hat, sollte sie in den Kommentaren bitte gleich auch erklären).
Doch den «Big Bang» heben sich die Autoren der Medienmitteilung für den Schluss auf. Die Jubiläumsausgabe bringt nämlich eine Neuerung, die kommt, um zu bleiben. Seit 1983 hat die WOZ das «Binnen-I» benutzt, um männliche und weibliche Form zugleich zu nennen. Dieses verschwindet nun, dafür wird der Doppelpunkt eingesetzt, «um den Geschlechtsidentitäten besser Rechnung zu tragen. Nicht mehr «MitarbeiterInnen» also, sondern «Mitarbeiter:innen». Man sieht auf den ersten Blick, wie grundlegend anders das ist. Der Entscheid sei übrigens «nach einer wie immer basisdemokratischen Entscheidfindung gefallen.»

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