Die Wissenschaftsjournalisten sind die Schamanen der Gegenwart

Die Wissenschaftsjournalisten sind die Schamanen der Gegenwart

Niemand betet die Katastrophenszenarien der Klimawissenschaftler andächtiger nach als die Wissenschaftsjournalisten. Wer trommelt diesmal lauter? Die Antwort auf die Frage gibt es wieder ab nächsten Sonntag. Dann tagt die Weltklimakonferenz in Glasgow.

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von Gottlieb F. Höpli am 29.10.2021, 10:00 Uhr
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«Am Himmel schwellen gigantische Wassermassen an,» las man am Mittwoch im «Tages-Anzeiger». Über unseren Köpfen rollen unsichtbare Atmosphären-Flüsse, schreibt die Wissenschaftsjournalistin, «27-mal so gross wie der Mississippi». Durch den Klimawandel könnten sie noch viel mächtiger werden und Fluten verursachen, wie sie die Menschheit seit der Arche Noah nicht mehr erlebt hat. An der Yale-Universität hätten Forscher eine Entwicklung «modelliert», die zu einer besonders schnellen Erwärmung der Arktis führen könnte. In den Leserkommentaren wurde die aufregende Story sogleich weitergesponnen: In 20-25 Jahren würden 50 Prozent der Menschen von der Erde verschwunden sein, rechnete ein Leser weiter.
Nur ein Beispiel. Nur eine Stimme aus dem medialen «Panikorchester», das uns täglich in Endlosschlaufe in den Ohren dröhnt. So nennt der emeritierte Medienprofessor Stefan Russ-Mohl die aktuelle Performance der Medien in Pandemiezeiten. Derweil der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Uni Zürich in seinem Jahrbuch «Qualität der Medien» diesen gerade jetzt ein gutes bis hervorragendes Zeugnis ausstellt. Die «Einordnungsleistung» der traditionellen Medien sei – im Gegensatz zu allen anderen Kanälen – geradezu bewundernswert. Nur 0,3 Prozent aller Beiträge hätten die Behördenarbeit im Pandemiejahr 2020 «sehr positiv» gewertet, zu deutsch: als Lautsprecher der Behörden gedient. Der ganze Rest kritischer, hinterfragender, relativierender Journalismus?
Da müssen sie an der Uni Zürich andere Medien gesehen haben als wir. Wir haben, mit Russ-Mohl, ein permanentes, alarmistisches Getrommel vernommen, das jede Katastrophenprognose dankbar weiterverbreitete. Gerne auch jene von UNO-Generalsekretär Guterrez, der vor Glasgow wieder einmal den Ton vorgab: Vor uns liege eine Zukunft voller «apokalyptischer Feuer und Überschwemmungen». Oder kurz gesagt: «Unser Planet ist kaputt». Weshalb dann 200 Delegationen überhaupt noch nach Glasgow fliegen (vermutlich die wenigstens in der Economy-Class), um das Klima zu retten, hat der professionelle Alarmist nicht verraten.
Zurück zu den Atmosphären Flüssen des Tages-Anzeigers: Auch dieser psychologisch-biblischen Drohkulisse, einem seriösen wissenschaftlichen Fachorgan entnommen, würde der fög gewiss ein gutes Zeugnis ausstellen. Weil: wissenschaftlich, keine Fake-News, sauber wiedergegeben. Dass es keine Einordnung in die Erfahrungswelt eines normalen Zeitungslesers gab, sondern nur immer weiter Weltuntergangs-Ängste schürt – geschenkt: Die Wahrheit darf man den Medienkonsumenten schliesslich nicht vorenthalten. Auch wenn es sich hier nur, wie bei den Prognosen der Klimaforscher, um Modelle handelt. Also um Berechnungen aufgrund von Hypothesen, die zum Teil auf sehr wackligem Boden stehen.
So, wie es schon beim Waldsterben war, als niemand die alarmierenden Sanasilva-Berichte gläubiger nachbetete als die Wissenschafts- und Fachjournalisten. Auch später: Rinderwahn, Sars, Schweinegrippe – es waren nicht die Nachrichtenjournalisten, welche den katastrophalen Pandemieszenarien den Weg in die Hauptnachrichten ebneten, sondern die Fachjournalisten. Sie sind die eigentlichen Schamanen des Medienbetriebs und haben inzwischen auch die entsprechende Reputation bei ihren Kollegen.
«Schamane» heisst in der mandschu-tungaischen Sprachgruppe übrigens «Jemand der weiss». Und der, das weiss man spätestens seit dem neuesten Asterix-Band, die Trommel schlägt, um mit den Göttern und Geistern zu kommunizieren. Damit ist die Funktion der Wisssenschaftsjournalisten im Unterschied zu ihren gewöhnlichen Kollegen ganz gut umschrieben: Sie wissen mehr als diese, und wissen auch, wie man die Trommel bedient. Auch wenn die heute bloss aus einem Telefonanruf auf die Privatnummer der Götter – Professor Knutti und alle anderen – besteht.

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