Die Weihnachtsgans

Die Weihnachtsgans

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von Thomas C. Breuer am 24.12.2021, 08:00 Uhr
Helmut Jacek
Helmut Jacek
Die Gans ist eine temporäre Erscheinung, die Eintagsfliege unter den Entenvögeln. Die meisten von ihnen haben bei uns eine beschränkte Haltbarkeitsdauer, vor allem, wenn es auf Ende Jahr zugeht – was bei den Gänsen natürlich für Gänsehautfeeling sorgt. Mit der Martinsgans fängt es an, die erreicht ihr Ver­fallsdatum bereits im November, analog zum amerikanischen Truthahn an Thanksgiving oder zum Rentier am schwedischen St.-Luzia-Tag.
Den Höhepunkt der Gänseverehrung erreicht die Gans freilich an Weihnachten, am beliebtesten im Zusammenspiel mit Knödeln und Rotkraut, gerne auch Maronen. Hier wird die Gans «head-to-tail» (resp. «beak-to-tailfeather») verarbeitet, also gansheitlich. In besseren Kreisen reicht man dazu Canapés mit Gänsestopfleber von Sülze & Gabbana, wenngleich der österreichische Zoologe Antal Graf von Festetics-Tolna diese wie folgt beschrieben hat: «Das ist schwer pathologisches Gewebe, aufs Sechsfache metastasiert!» Verdauungsbeschwerden bekämpft man am besten mit Gänsefingerkraut, einem Krampfkraut, das seine heilende Wirkung auch bei lockeren Zähnen entfaltet, wenn man zum Beispiel beim Weihnachtsmahl auf einen Geflügelknochen gebissen hat.
Gänse sind mit circa dreissig Unterabteilungen eine weltweite Unterfamilie verschieden grosser Entenvögel von erstaunlichem Unterhaltungswert. Ob im aargauischen Gänsingen oder im solothurnischen Gänsbrunnen – sie sind aus unserem Alltagsleben nicht wegzudenken, die blöde Gans ist dabei weitaus weiter verbreitet als die dumme Pute. Auch in der Kultur spielen sie eine bedeutende Rolle, man denke nur an Kinderlieder wie «Gänschenklein» oder den Weltbestseller «Mein Name sei Ganterbein» von Georg Friedrich Wilhelm Schlegel.
Seit Beginn der Pandemie trifft man die in Büros weit verbreiteten Erledigänse überwiegend im Homeoffice an. In wärmeren Gefilden (Lugano, Genf) sind die Elegänse 
zu Hause, die auf ihr Gefieder grössten Wert legen. Eine Überzüchtung dieser Abteilung sind die Extravagänse, die nur in den grossen Metropolen wie Zürich anzutreffen sind, und dies ausschliesslich zur Haupt­saison. Beide Arten sind ausgezeichnete Flieger, allerdings nur in der Business Class.
Im Gegensatz zu anderen Wasservögeln – dem Stiebitz beispielsweise – sind Gänse schlechte Schwimmer, vor allem im Kraul- und Butterflybereich. Be­sonders dumme Gänse bedürfen in Feuchtgebieten unbedingt einer Beschwimmreifung, bewegen sie ihre Gänsefüsschen im Wasser doch nur sehr unvollkommen. Eine Ausnahme bildet natürlich der Schwan. Schwan drüber.

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