Die Urlaubsparadiese sind die Coronahöllen

Die Urlaubsparadiese sind die Coronahöllen

Fidschi? Neuseeland? Die Dominikanische Republik? Immer eine Reise wert. Es sei denn, es herrscht Corona. Denn diese Länder sind in den Top 10 der Staaten, die ein rigoroses Massnahmenregime aufgezogen haben. Europa spielt in der Rangliste eine untergeordnete Rolle.

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von Stefan Millius am 26.11.2021, 19:00 Uhr
Illustration: Clemens Ottawa
Illustration: Clemens Ottawa
Es ist ein Rating der anderen Art: Die Oxford University erhebt regelmässig, welche Länder die striktesten Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus erlassen. Untersucht werden 180 Staaten. Massgebend für die Berechnung sind die politischen Schritte, die ein Land gegen die Pandemie einleitet. Dazu gehören Reisebeschränkungen, die Impfpolitik oder Schulschliessungen. 100 Indexpunkte sind das Maximum.
Ganz reizt diesen Wert kein Staat aus. Einige kommen ihm aber ziemlich nahe. Aktueller Spitzenreiter ist Fidschi mit über 90 Punkten. Dort leben etwas über 900'000 Menschen, 70 Prozent davon haben mindestens eine erste Impfung erhalten, knapp 64 Prozent sind vollständig geimpft. Bisher wurden etwa 700 Todesfälle registriert.
Sogar Einheimische brauchen eine Genehmigung
Die Besonderheit: Fidschi erlebte ein ruhiges Jahr 2020. Es wurden gerade mal ein paar Dutzend Ansteckungen rapportiert. Im April 2021 schossen die Zahlen in die Höhe, und die Inselgruppe im Südwestpazifik zog die Schraube an. Wer per Flugzeug einreisen wollte, brauchte eine Genehmigung – Einheimische inklusive. Ab dem Sommer galt eine Ausgangssperre: Man durfte nur noch zur Arbeit, einkaufen gehen oder sich medizinisch versorgen lassen, zwischen 18 und 4 Uhr musste jeder zuhause bleiben.
Der Inselstaat verknüpft allfällige Lockerungen mit der Impfquote. Die nächtliche Ausgangssperre werde gekoppelt an die Zahl der Geimpften nach und nach verkürzt, liess der Premierminister verlauten. Für Gäste bleibt das südliche Paradies eine Herausforderung: Wer nach Fidschi reisen will, muss vollständig geimpft sein, einen aktuellen Covidtest präsentieren – und nach Ankunft dennoch sieben Tage in Quarantäne verbringen. Viel konsequenter kann man nicht mehr sein.
Coronafrei – und dann doch nicht mehr
Auf Platz 3 – hinter Myanmar, dem früheren Burma, das derzeit als Reiseland auch aus anderen Gründen ziemlich unattraktiv ist – liegt Neuseeland. Das beliebte Ferienziel vieler Schweizer ist in den vergangenen Monaten von Lockdown zu Lockdown getaumelt. Mit zweifelhaftem Resultat. Im Frühsommer 2020 machte das Land zwei Monate lang praktisch alles dicht und erklärte sich am 8. Juni für «coronavirusfrei». Eine Woche später war das Virus wieder da. Sogar die Parlamentswahlen im Herbst wurden aufgrund von Covid-19 verschoben. Erstaunlich, wie genau die Schuldfrage geklärt werden konnte: Zwei britische Touristinnen hätten das bis dahin coronafreie Neuseeland wieder verseucht, hiess es.
Direkt hinter Neuseeland auf Platz 4 liegt Griechenland. Dort gilt bis voraussichtlich Ende März 2022 die 2G-Regel: Nur wer geimpft oder genesen ist, darf in in den Innenbereich von Restaurants, Clubs und Bars. Dasselbe in den meisten Kinos, Theater und Museen. Selbst im Aussenbereich der Gastronomie ist ein negativer Test Voraussetzung. Ohne aktuelles Testresultat wird man nur in Supermärkte, Apotheken und Tankstellen eingelassen – und immerhin in Tierhandlungen. Die 80 Punkte im Index der Oxford University sind wahrlich verdient.
Wie radikal die Massnahmen in Ländern in anderen Hemisphären sind, zeigt die Tatsache, dass es Italien nur auf Platz 13 im Ranking schafft. Dabei gilt dort inzwischen ein faktisches Arbeitsverbot für Ungeimpfte, wenn sie sich nicht dauernd testen lassen – auf eigene Kosten.
Die Schweiz auf Platz 77 von 180
Und die Schweiz? Die holt 46,3 Punkte auf dem Index und liegt damit auf Platz 77. Stolze 15 Ränge vor Deutschland, das knapp 44 Punkte erreicht. Das lässt ein bisschen zweifeln am Berechnungsmodus, denn zumindest aufgrund der Nachrichtenlage konnte man vermuten, unsere nördlichen Nachbarn seien bisher um einiges strikter als wir. Österreich hingegen hat sich seine rund 60 Punkte auf der 100er-Skala inzwischen redlich verdient mit dem Lockdown für Ungeimpfte. Und mit der angekündigten allgemeinen Impfpflicht dürften unsere Nachbarn noch mehr Plätze gut machen.
Wer die Nase voll hat von Massnahmen, sollte sich für die Zentralafrikanische Republik entscheiden, die gerade mal auf 5,5 von 100 Punkten kommt. Auch Tansania und Nicaragua bleiben unter der 10-Punkte-Hürde. Ebenfalls weit hinten in der Rangliste, inmitten einer Phalanx von afrikanischen oder südostasiatischen Staaten ohne grosse staatliche Intervention, liegen auch einige europäische Länder: Schweden, Norwegen und Dänemark.
So interessant die Erhebung der Oxford University ist, eine Frage blendet sie aus. Sie zeigt zwar auf, welche Länder am härtesten durchgreifen, lässt aber offen, ob diese Massnahmen auch etwas bringen.

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