Die staatliche Impfwoche startet: Mit Cervelat-Promis für die Solidarität

Die staatliche Impfwoche startet: Mit Cervelat-Promis für die Solidarität

Der Bundesrat will mit Konzerten und mehr oder weniger klugen Sätzchen von mehr oder weniger Prominenten die impfkritischen Jugendlichen überzeugen. Ob das gut geht?

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von Dominik Feusi am 8.11.2021, 17:23 Uhr
Bundespräsident Guy Parmelin, Mitte, posiert mit den Musikern Kunz, Danitsa, Dabu, Stress und Stefanie Heinzmann (von links). Bild: Keystone
Bundespräsident Guy Parmelin, Mitte, posiert mit den Musikern Kunz, Danitsa, Dabu, Stress und Stefanie Heinzmann (von links). Bild: Keystone
Wenn einer Kommunikationskampagne die Argumente ausgehen, dann setzt sie auf sogenannte «Testimonials», also auf Prominente, welche die Botschaften der Kampagne formulieren und denen die Zielgruppe dann glauben soll. Man nennt das «Glaubwürdigkeitstransfer»: Der Prominente stellt seine Glaubwürdigkeit für die Kampagne zur Verfügung. Das funktioniert umso besser, je höher die Glaubwürdigkeit der Absender bei der Zielgruppe ist. So viel zur Theorie.
Für die Impfwoche des Bundes hat die Lobbyagentur FurrerHugi rund 80 Schweizer Promis zusammengetrommelt. Die Agentur macht das oft und gerne, meistens mit nach links lehnenden Kulturschaffenden, letztmals (erfolglos) für das Rahmenabkommen mit der EU.
Es sind die gleichen C-Promis, die schon am letzten Donnerstag auf der Titelseite des «Blicks» zu sehen waren, was unfreiwillig wieder einmal die Staatsnähe des Boulevardblattes (und der Lobbyagentur) offenbart.
Darunter natürlich die Musiker, die an fünf Abenden in fünf Schweizer Städten je 500 Personen ein Konzert geben, an dem man sich dann auch impfen lassen kann (siehe Kasten). Darunter der Rapper Stress, der bekannt wurde, als er einen Song mit dem Titel «Fuck Blocher» (Link zum Text) herausgab. Heute posierte er brav neben Bundespräsident und SVP-Bundesrat Guy Parmelin – man beisst die Hand ja nicht, die einen füttert.

Jahresrückblick der «Schweizer Illustrierten»

Nicht viel besser sieht es bei den nicht-musikalisch eingespannten Prominenten aus. Man fühlt sich unweigerlich an einen Jahresrückblick der «Schweizer Illustrierten» erinnert (wobei dazu noch Monika Kälin und Elisabeth Tessier fehlen, Link). Die C-Liga der Promis führt zu mehreren Problemen beim Glaubwürdigkeitstransfer: Das Zielpublikum, also mehrheitlich jüngere Impfskeptiker, dürften gar nicht mehr wissen, wer Ruth Dreifuss, Kurt Aeschbacher oder Pepe Lienhard sind.
Und dann wären da noch die Botschaften. Meistens werden sie von der PR-Agentur vorgefertigt und zugeteilt. Dem unbekannten Fussballfunktionär schreibt man dann etwas von «Tore schiessen» hinein und dem Schwinger etwas von «Schwung». So viel Flachwitz muss sein, um die gesalzene Rechnung an den Staat zu rechtfertigen. Wenn der Prominente mühsam ist, schreibt er das Sätzli noch eigenhändig um – was immer dazu führt, dass es länger und unverständlicher wird.

Abwesenheit von Argumenten

Bemerkenswert bei den Sätzchen der Impf-Kampagne ist die vollständige Abwesenheit von sachlichen Argumenten, mit denen impfskeptische Junge überzeugt werden könnten. Niemand sagt «die Impfung schützt vor schweren Corona-Erkrankungen» oder «die Impfung schützt das Gesundheitswesen» (löbliche Ausnahme, welche die Regel bestätigt, ist der Sänger Michael von der Heide, der «zur Entlastung des Pflegepersonals» zum Impfen aufruft).
Auffallend oft ist dafür von «Solidarität» die Rede. Die den Promis in den Mund geschobenen Botschaften würden deshalb gut zu einer AHV-Kampagne passen (vermutlich mit mehr Echo bei der Zielgruppe). Solidarität finden alle gut, bloss steht nirgends, wer mit wem solidarisch sein soll. Vermutlich die Ungeimpften mit den Geimpften, sonst wäre es ja keine Impf-Kampagne. Und wie diese Solidarität sachlich begründet ist, warum es exakt achtzig Prozent der 18- bis 65-Jährigen sein sollen, die sich impfen lassen müssen: Man erfährt es nirgends.

Appell als das letzte Mittel

Wer länger in der politischen Kommunikation tätig war, der weiss: Beim Appell an die Solidarität geht es immer darum, jemanden moralisch zu etwas verpflichten, was er eigentlich nicht will und wozu man ihn rechtlich nicht verpflichten kann. Nachdem es weder Bundesrat Alain Berset noch die Zertifikatspflicht und schon gar nicht die Streichung der Gratistests geschafft haben, die Impfquote deutlich zu erhöhen, sollen dies nun die Promis mit ihrem moralischen Appell erreichen. Die unausgesprochene Botschaft der Kampagne ist weniger attraktiv, dafür vielleicht näher an der Wahrheit: Dem Bundesrat sind die Argumente ausgegangen. Er setzt jetzt alles auf eine Karte.
Unfreiwillig komisch ist es, wenn sich Ex-Coop-Chef Hansueli Loosli «unbesorgte Restaurantbesuche» wünscht, die er jetzt wegen der Ungeimpften, die draussen bleiben müssen, offenbar nicht hat. Oder wenn Alt-Bundesrätin Doris Leuthard der ganzen Promitruppe und ihrer Forderung nach Solidarität in den Rücken fällt: «Wir können Solidarität nicht einfordern, aber leben.» Vielleicht ist sie damit näher an der Zielgruppe, als ihr lieb ist.

Bund zahlt für Musik, Impfwerbung der Künstler ist gratis

2.5 Millionen Franken kosten den Bund die Impfkonzerte der «Back on Tour». Verschiedene Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz treten dabei in der Impfwoche auf, weil sie «einen Beitrag leisten möchten, um gemeinsam aus der Pandemie zu kommen.», heisst es von Seiten des Managements von Baschi, Anna Rossinelli und Dabu. Wenn sie für die Kampagne positive Testimonials zur Impfung abgeben, geschehe das aus «persönlicher Überzeugung», eine vertragliche Verpflichtung bestehe nicht. Gratis treten die Musikerinnen und Musiker aber nicht für ihre persönliche Überzeugung auf. Laut BAG erhalten alle Acts eine «branchenübliche Gage». Zahlen wollte zwar niemand nennen, aber Freiwilligenarbeit für die gute Sache leisten die Künstler definitiv nicht. Stutzig macht zudem, dass alle dieselbe Gage erhalten, wo sich doch, branchenüblicherweise, der Marktwert eines Acts in dessen Entlöhnung widerspiegelt. (fo)

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