Die Schweiz und der Booster: Eine Leidensgeschichte

Die Schweiz und der Booster: Eine Leidensgeschichte

Die Boosterimpfung in der Schweiz: Das ist eine Abfolge aus Verzögerung, Verwirrung und Kommunikationschaos. Während das Ausland schon lange Tempo macht bei der dritten Impfung, genoss bei uns die ineffektive Impfwoche erste Priorität. Die Chronologie der Pannen.

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von Stefan Millius am 16.11.2021, 05:00 Uhr
Illustration: Pascal Furger
Illustration: Pascal Furger
Stress, Stephanie Heinzmann und Co. beschallten letzte Woche bis zu maximal ein paar hundert Zuschauer in mehreren Städten der Schweiz. Ein paar Dutzend davon holten sich dort die erste Impfung. Im Zürcher Impfdorf, das für bisher Ungeimpfte gedacht war, standen Senioren Schlange für den dritten Stich. Die ersten erhielten ihn, der Rest wurde schon bald abgewimmelt. Der Booster war nicht das, was der Bund «verkaufen» wollte. Man liess das Personal lieber untätig herumstehen.

Anderswo wird schon lange geboostert

Währenddessen rollt in anderen Ländern die Boosterimpfung seit geraumer Zeit in voller Fahrt. In Israel beispielsweise gibt es die dritte Impfung seit Wochen aus der Erkenntnis heraus, dass die Wirkung bereits fünf Monate nach der grossen Impfoffensive nachgelassen hatte und das Land deshalb trotz hoher Impfquote unter zunehmenden Infektionszahlen litt. In der Schweiz fuhren stattdessen Impfbusse in Innerschweizer Kleinstgemeinden vor, wo sich dann den ganzen Tag lang kein Mensch impfen lassen wollte.
Die Chronologie der Ereignisse zeigt, dass die Schweiz mit ihrer teuren Impfwoche so viele Leute wie möglich zu einer ersten Impfung bewegen wollte –und sich dabei nicht vom Booster ablenken liess. Denn dieser wäre zumindest für bestimmte Bevölkerungsgruppen schon seit dem 26. Oktober zugelassen gewesen. Studien aus Israel liessen bereits im September vermuten, dass das Risiko einer Ansteckung bei einer dritten Impfung um mindestens das Fünffache zurückgeht. Angesichts der Aufregung, mit der n der in der Schweiz eine neue Welle prognostiziert wurde, hätte das ein gutes Argument für schnelles Boostern auch hierzulande sein können.

Gutschweizerisch gemächlich

Doch alles ging bei uns sehr gemächlich. Und vor allem schlecht orchestriert und kommuniziert. Die Chronologie der Ereignisse:
16. September 2021
Pfizer/Biontech und Moderna gelangen mit dem Antrag auf eine Zulassungserweiterung für eine dritte Dosis ihrer Impfstoffe – den Booster – gegen Covid-19 an die Swissmedic. Man werde die eingereichten klinischen Daten «auf Sicherheit und Wirksamkeit» prüfen, lässt die Behörde verlauten. Wie immer bei Covid-19 erfolge diese Prüfung «prioritär, ohne Abstriche bei der inhaltlichen Prüfung zu machen.». Verschiedene Experten fordern schon in dieser Phase, das Tempo zu erhöhen. Die Boosterimpfung sei ein wichtiges Mittel, um eine Zunahme der Fälle auf den Winter hin zu verhindern. Der Neurowissenschafter Dominique de Quervain beispielsweise schrieb auf Twitter: «Die Schweiz muss nachziehen. Die wissenschaftliche Evidenz für den Nutzen der Boosterimpfung kann von der Schweizer Impfbehörde kaum länger ignoriert werden, ohne dass nicht ihre Glaubwürdigkeit Schaden nehmen würde.»
18. Oktober
Christoph Berger, Präsident der Schweizer Impfkommission, spricht davon, dass der Booster für ältere Menschen noch 2021 kommen werde. Die restliche Bevölkerung brauche diesen aber «sicher nicht», sagt er im «Blick». Es gebe keine Hinweise darauf, dass der Schutz der üblichen mRNA-Impfung dort nachlasse. Impfen sei «viel effektiver als Boostern», so Berger. Als Erklärung, warum sich die Schweiz mehr Zeit lasse für den Booster als andere Länder, heisst es, anders als diese reagiere man hier eben nicht einfach auf politischen Druck, sondern kläre sauber ab.
26. Oktober
«Swissmedic genehmigt dritte Impfung für bestimmte Bevölkerungsgruppen»: Mit dieser Nachricht macht Swissmedic den Weg frei für den Booster. Allerdings ist nur die Rede von der Altersgruppe ab 65 Jahren, von besonders gefährdeten Personen und von solchen mit einem schwachen Immunsystem – und nicht etwa von der ganzen Bevölkerung. Der Booster solle zudem frühestens sechs Monate nach der zweiten Impfung erfolgen, erklären das Bundesamt für Gesundheit und die Eidgenössische Kommission für Impffragen einmütig. Auf Nachfragen wird aber auch klargestellt, dass die Impfwoche in der zweiten Novemberwoche Priorität geniesst, mit dem «Boostern» werde man erst danach beginnen. Die Taskforce des Bundes lässt verlauten, mit der Impfauffrischung könne man 10'000 bis 20'000 Spitaleinweisungen verhindern. Aber man müsse vor allem die Ungeimpften von der Spritze überzeugen. Die Strategie ist klar: Impfen vor Boostern. Das Ergebnis: Die Impfwoche bringt ein mageres Resultat; der Booster, den viele vor allem ältere Leute unbedingt wollten, muss aber warten.
Erste Novemberhälfte
Der politische Druck steigt. Sogar der frühere SVP-Präsident Albert Rösti fordert eine schnelle Boosterimpfung. Unterstützung erhält er von der anderen Seite, beispielsweise SP-Ständerat Hans Stöckli. Der Ruf nach einer dritten Impfung wird immer lauter. Der Bund wimmelt die Forderung ab: Man wolle sich nun zuerst einmal auf die laufende Impfwoche und die Ungeimpften konzentrieren. Der Booster sei zwar in Planung, aber eben nur für ausgesuchte Bevölkerungsgruppen.
Doch dann geht plötzlich alles ganz schnell.
14. November
Die Sonntagspresse berichtet, die Eidgenössische Impfkommission werde in den nächsten Tagen die dritte Dosis für alle freigeben, die sie wollen und deren Impfung mindestens sechs Monate zurückliegt. Eine offizielle Bestätigung steht noch aus. Bundespolitiker, aber auch Kantonsvertreter, reagieren pikiert. Was sie seit langem gefordert haben und was noch wenige Tage zuvor ausgeschlagen worden war, soll nun doch kommen – und sie erfahren es aus der Zeitung.
15. November
Die von Swissmedic definierten Bevölkerungsgruppen können sich für den Booster anmelden, das weitere Vorgehen bezüglich allen anderen steht noch aus. Angesichts der kurzen Wege zwischen den grossen Verlagen und dem Bund kann man aber davon ausgehen, dass die Sonntagsblätter eine korrekte Ankündigung gemacht haben und der Booster bald allen offen steht. Die Schweiz verfügt auch über genügend Impfstoff für eine dritte Spritze. Die WHO kritisiert derweil den Trend zum Booster. Man solle damit warten, bis zumindest jedes Land der Welt eine Impfquote von zehn Prozent erreicht habe.

Fazit: Eins nach dem andern…

Die Schweiz macht bald das, was viele schon lange tun, nämlich die dritte Impfung für alle ermöglichen. Die Entscheidung, nur Ältere und Risikogruppen zu «boostern», dürfte noch diese Woche überholt sein, wenige Tage, nachdem diese Strategie als absolut sinnvoll bezeichnet worden war. Und «kommuniziert» wurde dieser Strategiewechsel via Indiskretionen gegenüber der Sonntagspresse. Was, das muss man zugeben, in den vergangenen 18 Monaten schon oft der Fall war und gewissermassen eine bewährte Methode ist.
Sollte sich der Booster als so effektiv auf die Ansteckungsrate erweisen, wie Studien in anderen Ländern gezeigt haben, hat unser Land wertvolle Zeit verloren – weil man zuerst Stress, Baschi und andere in Ruhe singen lassen und ein paar Dutzend Leute zur Erstimpfung treiben wollte.

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Stefan MilliusHeute, 13:30comments

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