Gleichstellung in der Schweiz: Eine Erfolgsgeschichte. Zahlen und Fakten

Gleichstellung in der Schweiz: Eine Erfolgsgeschichte. Zahlen und Fakten

Im Bundeshaus findet vom 29. bis 30. Oktober die «Frauensession» statt. Es ist die zweite derartige Veranstaltung nach 1991. Ziel sei es, die Frauen in der Politik zu stärken. Die Frage ist nur, wie sehr braucht es das noch?

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von Maria-Rahel Cano am 29.10.2021, 18:00 Uhr
Die Frauensession im Jahr 1991 (Bild: Keystone/Alessandro della Valle)
Die Frauensession im Jahr 1991 (Bild: Keystone/Alessandro della Valle)
Mitarbeit: Nicole Ruggle und Claudia Wirz
Das Jahr 2021 ist für die diesjährige Frauensession etwas Besonderes. Denn es ist genau fünfzig Jahre her, dass Frauen in der Schweiz das Stimm- und Wahlrecht erhielten. Bei den Organisatoren der Frauensession herrscht aber immer noch Unzufriedenheit. Auf ihrer Website schreiben sie: «Bis heute stellen Frauen* in fast allen politischen Entscheidungsgremien eine Minderheit dar, die Schweiz ringt weiterhin um tatsächliche Gleichstellung in Wirtschaft und Gesellschaft.» Wie gut oder – gemäss der Frauensession – schlecht es den Frauen in der Schweiz geht, soll mit nachfolgenden Einblicken gezeigt werden:
Beginnen wir mit der Politik. Wie sieht die Gleichstellung dort aus? Seit 1984 Elisabeth Kopp als erste Frau in den Bundesrat gewählt wurde, kamen über die Jahre weitere Frauen dazu. Im Jahr 2008 waren erstmals für kurze Zeit mehr Frauen als Männer im Bundesrat. Heute sind drei von sieben Bundesräten Frauen.
Ein starkes Wachstum der Frauenquote ist auch im National- und Ständerat ersichtlich. Anfang der 70er Jahre befanden sich nur genau zehn Frauen im Nationalrat. Um die Jahrtausendwende waren es schon fünfmal so viele und seit den Wahlen 2019 machen die Frauen insgesamt 42 Prozent aller Parlamentarier aus. Ein weniger starker Anstieg der Frauenquote ist im Ständerat zu verzeichnen. Seit der Einführung des Frauenstimmrechts 1971 hat sich der Anteil der Frauen von 2.3 Prozent auf einen aktuellen Stand von 26.1 Prozent gesteigert.
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Quelle: BfS / Statistik: Nicole Ruggle
Auch in den kantonalen Regierungen ist die Anzahl der Frauen seit 1983 stetig gewachsen. Aktuell sind 26.6 Prozent der Ämter durch Frauen besetzt. Ähnlich verhält es sich mit den kantonalen Parlamenten. Eine positive Entwicklung bezüglich des Frauenanteils zeichnet sich auch dort ab. Waren es im Jahr 1975 mit 175 knapp 0,6 Prozent Frauen, sind sie im Jahr 2021 mit 31.8 Prozent in kantonalen Parlamenten vertreten.

Bildung

Besonders gut schneiden Frauen in der Bildung ab. Sind doch 57.6 Prozent aller gymnasialen Abgänger im Jahr 2019/20 Frauen gewesen. Ein rasanter Anstieg, wenn man bedenkt, dass 1990 noch mehr Jungen als Mädchen auf das Gymnasium gingen. Die Frauenquote hat sich im Ganzen bei den «Allgemeinbildenden Ausbildungen» (Link), von 2000 bis 2020 von 53 auf 57 Prozent erhöht. Zu beachten ist, dass die Maturitätsausbildung einer der am häufigsten gewählten Zugangswege zu den universitären Hochschulen, den Fachhochschulen oder der pädagogischen Hochschulen ist. Die Zahl der Maturitätsabschlüsse gibt somit einen Aufschluss darüber, welche Personen Zugang zu den Hochschulen haben.
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Quelle: BfS – Statistik der Bildungsabschlüsse (SBA) 2021

Tertiäre Abschlüsse

Absolute Spitzenreiter sind die Frauen bezüglich der Bachelorabschlüsse in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Ganze 71.9 Prozent aller Abgängerinnen auf Bachelorstufe waren im Jahr 2020 Frauen. Auch in der Medizin und Pharmazie ist eine Mehrheit weiblich (65.1 Prozent), ebenso in den Rechtswissenschaften (60.9 Prozent). Untervertreten sind die Frauen dafür in den technischen Wissenschaften mit nur 35.1 Prozent sowie bei den interdisziplinären und «Anderen» Wissenschaften (38.5 Prozent). Zu guter Letzt sind sie in den Exakten- und Naturwissenschaften mit 40 Prozent ebenfalls leicht untervertreten. Es verwundert unter dem Strich nicht, dass insgesamt mehr als die Hälfte der Bachelor- (54%) und Masterabschlüsse (52%) von Frauen erworben werden. Erwähnenswert ist aber, dass der Frauenanteil mit jedem weiteren Karriereschritt nach dem Masterstudium wieder zu sinken beginnt, weil Frauen aus dem Berufsleben ausscheiden. Man nennt dieses Phänomen auch «Leaky Pipeline».
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Quelle: BfS / Statistik: Nicole Ruggle

Erwerbstätigkeit

Die Erwerbstätigenquote der Frauen im Unterschied zu derjenigen der Männer ist seit 1991 um das Dreifache gestiegen. Das hat vor allem mit der Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit zu tun. Die Erwerbstätigkeit von Männern ist dafür leicht rückläufig. Bei der Abgeltung gibt es immer noch deutliche Unterschiede zu Lasten der Frau. Eine Verbesserung ist trotzdem ersichtlich: Betrug der Lohnunterschied im privaten Sektor 1994 noch satte 23.8 Prozent, so waren es 2018 noch 14.4 Prozent.
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Quelle: BfS – Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE), Schweizerische Lohnstrukturerhebung (LSE)
Dieser noch bestehende Unterschied ist allerdings nicht auf das Geschlecht, sondern darauf zurückzuführen, dass Frauen in schlechter bezahlten Berufen arbeiten. Dies erstaunt nicht, wenn wir uns an die 71 Prozent Frauenanteil bei den Bachelorabschlüssen in den Geistes- und Sozialwissenschaften zurückerinnern. Eine vom Bund angeforderte Studie kam 2019 zum Schluss, dass es nicht möglich sei, den unerklärbaren Lohnunterschied als Lohndiskriminierung zu interpretieren.

Kriminalität

«Besser» schneiden die Frauen auch bezüglich Kriminalität ab. Im Jahr 2019 waren rund 56.1 Prozent Männer Opfer von Gewaltstraftaten. Ganze drei Viertel (74.7 Prozent) aller Opfer von schwerer Körperverletzungen waren männlich. Unter den 46 vollendeten Tötungsdelikte in der Schweiz (2019) befanden sich 19 Frauen. Frauen werden nicht nur weniger Opfer von Gewalt, sie begehen auch weniger Gewaltstraftaten. Im häuslichen Bereich sind beispielsweise 75.2 Prozent aller Beschuldigten männlich.
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Quelle: BfS – Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS)
Wie gut (oder schlecht) es den Frauen in der Schweiz geht ist Ansichtssache. Die hier aufgeführten Statistiken weisen starke Verbesserungen oder sogar Vorteile bezüglich der Position der Frau in der Gesellschaft auf. Wie Zielführend aber eine Frauensession für die Gleichstellung beider Geschlechter ist, wird sich zeigen.

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Maria-Rahel Cano7.12.2021comments

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