Die Schweiz kann Banken, Uhren, Schokolade – und auch Schuhe

Die Schweiz kann Banken, Uhren, Schokolade – und auch Schuhe

Schuhe «made in Switzerland» sind mit Ausnahmen hochpreisige Nischenprodukte, zum Teil sehr erfolgreich. Eine Traditionsmarke kämpfte zuletzt mit einigen Problemen. Und das, obschon selbst Charlie Chaplin Kunde war. Nun soll es mit neuen Besitzern weitergehen – nach wie vor in der Schweiz.

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von Stefan Millius am 31.8.2021, 12:30 Uhr
Charlie Chaplin zusammen mit der Schauspielerin Petula Clark – und mit Kandahar-Schuhen.
Charlie Chaplin zusammen mit der Schauspielerin Petula Clark – und mit Kandahar-Schuhen.
Schuhe aus der Schweiz: Derzeit denkt man da, Roger Federer sei Dank, vor allem an den Sportschuh «On». Eine andere Marke mit Ruf ist «Navyboot». Doch als ausgesprochenes «Schuhland» nimmt man die Schweiz nicht wahr. Es gibt zwar weitere Schweizer Produzenten, die sich aber meist auf Nischen konzentrieren, sei es in einem bestimmten Anwendungsbereich oder saisonal.
Zur letzteren Gruppe gehört «Kandahar». Das Unternehmen, 1932 gegründet, hat sich auf Winterschuhe mit Lammfellfütterung spezialisiert. In guten Jahren werden rund 15'000 Paar Schuhe produziert. Das saisonale Produkt ist hochpreisig und hat nie den Massenmarkt anvisiert. Dafür konnte man in der Firmengeschichte auf berühmte Botschafter verweisen, die Kandahar trugen, beispielsweise Charlie Chaplin.

Nachfolge gesucht

Allerdings: Zuletzt lief es harzig. Die Winter werden wärmer, die Coronamassnahmen haben vieles erschwert, vor wenigen Wochen war die Produktion von «Kandahar» im Berner Oberland von einem Hochwasser betroffen. Das alles hatte Auswirkungen auf die Verkaufszahlen, und Firmeninhaber Manuel von Allmen wurde klar, dass es langfristig schwer sein würde, allein zu bestehen. Er sah sich nach einer Nachfolgelösung um und hat sie nun gefunden. Es ist eine ziemlich schillernde Lösung. Die Ostschweizer Unternehmerfamilie Müller hat das Unternehmen übernommen.
Karl Müller, der einst den Schuhmarkt mit der Marke MBT revolutionierte, die er später verkaufte, ist heute in Sennwald in der Ostschweiz mit «Kybun» erfolgreich; die Marke ist unter anderem Namensgeberin des Stadions des FC St.Gallen. Mit seinem Sohn – im internen Sprachgebrauch sind es Karl Müller III. und Karl Müller IV. – ist längst die nächste Generation mit an Bord und plant die Zukunft. Die beiden erfuhren zufällig von der Nachfolgesuche und kontaktierten von Allmen, nun ist alles in trockenen Tüchern: Die Kandahar-Schuhe werden künftig in Sennwald produziert, sie bleiben damit «made in Switzerland»
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Karl Müller III. und Karl Müller IV. (Bild: Ralph Dietsche)

Es musste die Schweiz sein

Das war dem bisherigen Besitzer wichtig. Es gab mehrere Interessenten, darunter eine chinesische Unternehmensgruppe, was für von Allmen nicht in Frage kam – er wollte, dass Kandahar weiter in der Schweiz hergestellt wird. Warum aber fiel die Wahl auf die Unternehmerfamilie Müller in Sennwald? «Uns wurde gesagt, ein wichtiger Grund sei, dass wir schon mit mehreren Marken bewiesen haben, dass wir Erfahrung mit Nischenprodukten haben», sagt Karl Müller IV. Auch menschlich habe es sofort gepasst, über einzelne Vertragsdetails habe man gar nicht lange sprechen müssen. «Von Allmen wollte Kandahar in der Schweiz behalten und Kontinuität garantiert wissen, und das können wir bieten.»
Karl Müller und sein Sohn sind durch ihre früheren unternehmerischen Aktivitäten dafür bekannt, dass sie Perfektion anstreben. Den Markt mit billigen Produkten zu überziehen ist nicht ihre Sache. Auch deshalb passe Kandahar gut ins Portfolio, sagt Karl Müller IV.; «Die Marke hat über Jahrzehnte bewiesen, dass sie eine eigene DNA hat, es ist eine Fangemeinde und ein Kult um die Produkte entstanden.» Diese DNA wolle man weiterführen.

Ein Schuss Kybun in Kandahar

In einer ersten Phase soll sich deshalb nicht viel verändern. Doch früher oder später werde das Knowhow der unterschiedlichen Marken zusammenfliessen, wie Karl Müller III. sagt. «Wir beginnen mit dem, was da ist, auch um die bestehenden Kandahar-Kunden nicht auf dem falschen Fuss zu erwischen. Aber wir können uns vorstellen, in ein bis zwei Jahren unser Wissen rund um Gesundheitssohlen auch in diese Marke zu integrieren und dann zu schauen, wie der Markt reagiert.»
Der Seniorchef gibt offen zu, dass er das «Abenteuer Kandahar» nicht im Alleingang eingegangen wäre. Dass sein Sohn von der Marke und der Herausforderung fasziniert war, überzeugte ihn aber schliesslich. Mit ihm sei gesichert, dass die Erfolgsgeschichte weitergeschrieben werden könne.
Ein gutes Argument für die Firmenübernahme war auch die Tatsache, dass die Produktionsstätten in Sennwald im St.Galler Rheintal sehr grosszügig dimensioniert sind, aktuell sind sie nur zu etwa 20 Prozent ausgelastet. Er sei damals hierhergekommen, um über Generationen etwas aufzubauen, sagt Karl Müller III. «Wir könnten hier drei bis vier Millionen Paar Schuhe produzieren, und die Erhöhung der Auslastung durch Kandahar erhöht natürlich unsere Wirtschaftlichkeit.»

Das Hochpreisland kann funktionieren

Geplant ist, das neue Produkt mit einem erhöhten Automatisierungsgrad herzustellen, um die Kosten zu reduzieren. Dennoch bleibt «made in Switzerland» ein teurer Spass, wie auch Karl Müller III. zugibt. Er glaube aber an diese Philosophie. «Wir sehen bei Marken wie Victorinox oder Swatch, dass es möglich ist, in der Schweiz zu produzieren, wenn man mit Herzblut dabei ist.»
Müller hat einst in China, Vietnam und Korea grosse Mengen von bis zu zwei Millionen Paar Schuhen pro Jahr produziert, bevor er sich entschied, seine Aktivitäten ganz in die Schweiz zu verlagern. Damals schüttelten viele den Kopf über diesen Schritt. Das Hochpreisland Schweiz eignete sich aus ihrer Sicht nicht für die industrielle Produktion im Textilbereich. Bisher hat die Familie Müller die Zweifler widerlegt. Und deshalb sei das jüngste Risiko kalkulierbar: «Verglichen mit dem damaligen Schritt ist es im Grunde ein Klacks, nun einfach noch eine weitere Marke dazu zu nehmen.»

Angepeilt wird der Weltmarkt

Allerdings will die Unternehmerfamilie Müller das angetretene Erbe nicht einfach verwalten, sondern ausbauen. In einer ersten Phase werde man mit dem bestehenden Fachhandel das Gespräch suchen, langfristig gehe es darum, den Markt auszuweiten. Statt nur in der Schweiz, Deutschland und Österreich präsent zu sein, wird dann die Welt das Ziel sein. «Warum nicht in den arabischen Markt vordringen, wo viel exklusive Kundschaft mit einem Zweitwohnsitz in der Schweiz lebt?», fragt Karl Müller IV. rhetorisch. Auch China oder Russland seien mögliche Märkte, «einfach überall, wo es kalt werden kann und zuverlässige Schweizer Schuhe gefragt sind.»
Für Karl Müller III., der einst mit MBT der Schweiz als Schuhproduzentin neuen Wind verschafft hat, ist die Akquisition mehr als ein einfacher Firmenzukauf. «Der Ausverkauf der Schweizer Marken ist in vollem Gang, wir haben bald nur noch Bürojobs in unserem Land, kaum mehr klassische Industrie.» Er wolle den umgekehrten Weg gehen, «und das ist mein Hauptantrieb.»

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