Die Schweiz – ein wahres Obristen-Regime!

Die Schweiz – ein wahres Obristen-Regime!

Glaubte man den Medien, so ist die Schweiz seit Ausbruch der Pandemie zu einem autoritären Regime geworden. Gerade im regierungsfrommen Mainstream wimmelt es nur so von «obersten» Gesundheitsdirektoren, Lehrerinnen, Gastronomen usw. Das gibt zu denken.

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von Gottlieb F. Höpli am 18.12.2021, 08:58 Uhr
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Kaum hat man die Donnerstag-Ausgabe des «Tages-Anzeigers» (16.12.) aufgeschlagen, wird man mit dem «obersten Steiner-Schüler» des Landes konfrontiert. Thema Impfung, what else. Aber wer oder was ist der oberste Steiner-Schüler? Ein besonders kluger oder doch wenigstens besonders anthroposophischer Schüler aus der obersten Klasse? Oder einfach der grösste auf dem Pausenplatz?
Weder noch! Beim Interviewten handelt es sich um den Leiter des Verbands der Schweizer Steiner-Schulen. Was eher seltsam anmutet, war doch Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, kein Freund des intellektuellen Leistungsdenkens à la Pisa-Studien, sondern legte im Gegenteil Wert auf eine ganzheitliche Pädagogik. Also auf eine seelische Entwicklung, die im Klassenverband eben gerade kein intellektuelles Oben und Unten kennt. So dürfte auch der oberste Steiner-Schüler kaum über beträchtliche hierarchische Kompetenzen verfügen.
In der gleichen Tagi-Ausgabe begegnet uns ein paar Seiten später die «oberste Apothekerin» der Schweiz. Das verwundert schon weniger. Beim Job der Dame wird es sich eher um einen Verbands-Nebenjob handeln, dessen Hauptaufgabe neben der Leitung der Vorstandssitzungen es sein wird, den Medien für Auskünfte zur Verfügung zu stehen.
Nicht anders verhält es sich wohl bei all den anderen «Obersten», die durch die Medien geistern: Den obersten Gesundheitsdirektor des Landes kennen wir alle inzwischen zur Genüge, den obersten Hausarzt, die oberste Lehrerin, den obersten Hotelier der Schweiz ebenso. Würden Bienen oder Kaninchen demnächst zum Medienthema, hätten wir es – wetten? – sogleich mit dem obersten Bienen- oder Chüngelizüchter der Schweiz zu tun. Und würde sich eine politische Bewegung bemerkbar machen, die den Anarchismus auf ihre Fahnen geschrieben hat, käme in den Medien wohl sogleich der «oberste Anarchist» zu Wort. Bakunin würde sich im Grab umdrehen!
Solche sprachliche Macken gab und gibt es im Journalismus zuhauf. Sie kommen und gehen – und werden jeweils stracks durch das nächste Gedankenlosigkeits-Monster ersetzt, das durch das mediale Dorf getrieben wird. Das pandemieartige Auftreten solcher Floskeln, gerne auch mit anglisierter Glasur, entspringt dem journalistischen Herdentrieb in den Redaktionen und Newsrooms. Und reicht bekanntlich weit über die Sprache hinaus: Der Herdentrieb beherrscht auch das Denken, die Wahl der Themen. Wie heisst es doch auf dem Boulevard, wenn ein unappetitliches, aber auflagenträchtiges Thema auf den Tisch kommt? «Eine Million Fliegen können sich nicht irren.»
Trotzdem lohnt es sich, einen Moment beim zeitlichen Zusammenhang zwischen der autoritären Mode des «obersten XXX des Landes» und der Pandemie zu verweilen. Wie kommt es, dass ausgerechnet in einer Seuche wie der jetzigen eine Welle autoritärer Zuschreibungen durch die Medien rauscht?
Das sprachliche Obristen-Regime in den Medien dürfte, so vermute ich, einer unbewusst autoritären Haltung entspringen – auch und gerade bei jenen vielen Journalisten, die sich bekanntlich eher als «obrigkeitskritisch» bezeichnen. Der Ohnmacht gegenüber dem fiesen Virus, das die Welt beherrscht, entspränge also der unbewusste Wunsch nach einer Autorität, welche die Seuche in Schranken zu weisen, ja auszurotten vermag. Ein kindlicher Glaube, dass da jemand ist, der uns vor allem Übel beschützt. Für das Kleinkind ist es die Mutter, der Vater. Für erwachsene Journalisten und «Tages-Anzeiger»-Leser wohl eher nicht mehr, wie einst, der liebe Gott – aber vielleicht doch wenigstens Alain Berset, unser oberster Seuchenbekämpfer.

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