Die neue Manager-Mode

Die neue Manager-Mode

Was dahinter steckt, wenn Unternehmer und leitende Angestellte sich kleiden wie Praktikanten oder Teilnehmer einer Klimademo. Respektive ein Bankenpräsident schlechte Nachrichten krawattenlos und mit offenem Kragen überbringt.

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von Mark van Huisseling am 21.4.2021, 11:30 Uhr
Wer ist hier die Führungskraft? (Antwort: Früher wär’s der Mann links gewesen, heute kommt ein Chef auch mal so daher wie der Herr rechts.) 
Bilder: «The Sartorialist Man», Prestel Verlag
Wer ist hier die Führungskraft? (Antwort: Früher wär’s der Mann links gewesen, heute kommt ein Chef auch mal so daher wie der Herr rechts.) Bilder: «The Sartorialist Man», Prestel Verlag
Wenn ein CEO oder ein Unternehmer Beachtung sucht, hat er zwei Möglichkeiten: Er kann durch geschäftliche Leistung auffallen, was anstrengend ist. Oder durch die Wahl seiner Kleidung respektive Schuhe. Als Elon Musk erstmals das Tesla-Modell Y zeigte, kam das neue Auto an zweiter Stelle bei manchem Berichterstatter – seine massgefertigten schwarzroten Air-Jordan-1-Nike-Turnschuhe stahlen dem Elektromobil die Show, fand etwa der Berichterstatter von «Business Insider», einer Online-Plattform.
Manchmal liefern Manager gleich beides, geschäftliche Flops und eine kommentierenswerte Optik: Als Urs Rohner vergangene Woche weitere milliardenhohe Verluste der Credit-Suisse nach Anlagefehlentscheiden verbreiten musste, zeigten viele Bilder in Zeitungen und auf News-Webportalen den Noch-Präsidenten im von ihm bevorzugten legeren Aufzug, mit offenem Hemd unter nicht zugeknöpftem Designer-Jackett.
Die Liste von Chef- und Unternehmersichtungen in, so siehts aus, nicht stufengerechter Aufmachung, liesse sich fortschreiben. Was dagegen schwieriger zu finden ist: Eine Antwort, weshalb immer mehr Leistungsträger nicht länger Krawatten-, Anzug- und Budapesterträger sein wollen. «Wir sind hier alle schrecklich dynamisch und locker bis zum geht nicht mehr», ist ein Erklärungsversuch. Ein anderer: Heute ziehe man als Manager nicht mehr wie ein Manager los, sondern wie der Typ von nebenan. Oder marketingtechnisch wolle man lieber für ein cooles Start-up stehen als für einen 100 Jahre alten Traditionskonzern. Solche Deutungen sind nicht falsch, gehen aber zu wenig tief und/oder weit.
Besser zeigt die amerikanische Fernsehserie «Billions», worum es geht: In den ersten Staffeln wurde der Hedgefonds-Milliardär Bobby Axelrod vom zuständigen Staatsanwalt von Manhattan bedrängt (die fünfte Season kann zurzeit auf «Sky Show» geschaut werden). Endlich, meint der Zuschauer, habe der Staatsdiener, im dreiteiligen Anzug und mit Krawatte natürlich, genügend Beweise, um den Superinvestor wegen Insidergeschäften um sein Geld und vielleicht ins Gefängnis zu bringen. Doch immer ist Bobby, im Kaschmirkapuzenpullover von Loro Piana und auf Designerturnschuhen, wendiger und dem Gegenspieler voraus.
Kleidung ist Kommunikation ohne Worte, sagt man. Und die Aussage eines solchen Outfits lautet: Ich bin einer des obersten Einkommensempfänger-Prozents der Welt respektive, wenn es um Hedgefondsmilliardäre geht, des obersten Prozents des obersten Prozents. Ich kanns mir erlauben rumzulaufen wie ein Praktikant oder Teilnehmer einer Klimademo – Sweatshirts mit Kapuze waren die längste Zeit Hobbyanarchisten oder anderen Leuten, die sich plötzlich unkenntlich machen mussten, vorbehalten. Der sogenannte Distinktionsgewinn nach Pierre Bourdieu, einem französischen Soziologen, der seit der Erfindung von Männermode zirka im 17. Jahrhundert von feiner Kleidung und dem damit verbundenen Unterschied stammte, muss heute aus anderer Quelle bezogen werden. Schliesslich kann sich jeder Angestellter auf mittlerer Kaderstufe schicke Stoffe beziehungsweise Designerstücke kaufen.
Im Altertum standen Schuhe für Zugehörigkeit zum Adel, Mitglieder niedrigerer Schichten gingen barfuss durch ihr armes Leben. Heute fällt Stefan Breuer, 61 Jahre alt und 100 bis 150 Millionen Franken reich, (Schätzung «Bilanz») auf, weil er im Sommer ohne Schuhe auskommt. Früher war der Deutsche Automobilzulieferer, jetzt investiert er in Restaurants und Hotels in Ascona – Dresscodes zu befolgen hat so einer nicht nötig. Wer wirtschaftlich unabhängig ist, für den ist casual friday die ganze Woche.
Stilprägend für die neue Manager-Mode waren Alphamänner der Technologiebranche. Die Mischung aus Lage des Silicon Valleys – wenige Meilen von San Francisco, dem einstigen Hippie-Hauptsitz, entfernt – und Geisteshaltung der Technologie-Tüftler, die sich und ihre Start-Ups als Gegenbewegung zu bürgerlich angepassten Grossunternehmern im Nordosten Amerikas sahen, brachte den Downdress-Look hervor. Dieser wurde dankend angenommen von einem Teil der Leistungsträger, gegen die sich die frühzeitigen Anwender eigentlich abgrenzen wollten. Was in der Mode kein Einzelfall ist – die Ästhetik der Punks, die damit Ablehnung von Designern ausdrücken wollten, wurde zum Beispiel durch ebendiese Designer in ihren Kollektionen verwertet.
Der Silicon-Valley-Dresscode, der keiner sein wollte, hat den Vorteil, dass er mehrere Geschichten auf einmal erzählt: Geschäftsmänner, die ihn befolgen, haben es geschafft, das hatten wir schon. Darüber hinaus verbreiten sie ein wenig Gründer- Geruch und Fabrikanten-Flair – es könnte ja sein, dass in einem, der im Rollkragen daherkommt, wie Steve Jobs daherkam, auch ein bisschen Steve Jobs steckt. Dass auch er einer ist, der wahre Werte schafft, nicht bloss Finanzgeschäfte abwickelt, wo einer gewinnt, was ein anderer verliert.
Es könnte sein, tatsächlich… Wenn die Wahrscheinlichkeit auch niedrig ist. Bloss, erfolgreiche Modeunternehmer waren darin schon immer mindestens so gut wie talentierte Designer im Entwerfen schöner Kleider: im Erfinden guter Geschichten.

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Claudia Wirz18.10.2021comments