Somms Memo

Die Nagra löst das Abfallproblem. Das wird den AKW-Gegnern nicht reichen

image 15. September 2022, 10:05
Fässer mit radioaktivem Abfall. Kunstwerk der Propaganda.  
Fässer mit radioaktivem Abfall. Kunstwerk der Propaganda.  
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Die Fakten: Die Nagra hat entschieden, dass sie am Standort Nördlich Lägern im Kanton Zürich ein Tiefenlager für radioaktive Abfälle einrichten will.

Warum das wichtig ist: Damit ist das Abfallproblem der Atomkraft eigentlich gelöst. Es wird die Anti-Atom-Religiösen nicht beruhigen.


Mit einer gewissen Erschütterung schilderte der Tages-Anzeiger diese Woche in seinem Newsletter die menschlichen Folgen, die der Standortentscheid der Nagra auslösen wird:
  • «Voraussichtlich 22 Grundbesitzer und ihre Familien müssten ihr Land, ihr Daheim dafür aufgeben.»
  • «Betroffen sind aber auch die übrigen Menschen in der Region. Sie reagieren verständlicherweise mit Resignation und Ärger und machen sich Sorgen

Abgesehen von der Tatsache, dass diese Grundbesitzer zwar Land, aber aller Wahrscheinlichkeit nicht ihr Haus, also ihr «Daheim» der Nagra überlassen müssen, kann ich mich nicht erinnern, dass der Tages-Anzeiger sich je so rührend um die Menschen gekümmert hätte, die in Zukunft vielleicht ihr Land für den Bau von Solaranlagen und Windkraftwerken abzutreten haben.
In diesem Fall reden wir dann von ganz anderen Dimensionen.
  • Die Empa (Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt) hat neulich in einer Studie vorgerechnet, wie viel Fläche mit Solarpanels bebaut werden müssten, wenn wir mit der Elektrifizierung unserer gesamten Energieversorgung ernst machen wollten
  • Um den ganzen Strassenverkehr und alle Heizungen mit Solarstrom zu betreiben, bräuchte es zusätzliche Photovoltaikanlagen, die 13 Prozent der gesamten Siedlungsfläche der Schweiz beanspruchen würden
  • Das sind rund 400 km2, was etwas weniger ist als die Fläche des Kantons Basel-Landschaft (517 km2)

Wer möchte im Baselland die über 100 000 Grundeigentümer und ihre Familien davon überzeugen, dass sich ihr «Daheim» aufgeben müssen – zumal es nicht genügt, bloss die Dächer mit Solarpanels auszustatten?
  • 100 000 Grundeigentümer versus 22 Grundeigentümer

Die Berichterstattung ist symptomatisch. Wenn es um Atomkraft geht, ergreift manche Journalisten und Politiker eine Art religiöse Erweckung, wo Gut und Böse immer leicht zu bestimmen sind:
  • Es gibt die Atom-Hölle, deren Pforten die Höllenhunde der Nagra bewachen
  • Und es gibt den Solarhimmel und das Windparadies, wo glückliche Menschen ihr Leben lang Strom verbrauchen, ohne dass sie je Abfall oder Immissionen zu ertragen haben
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Die Realität ist eine andere.
  • Solarpanels enthalten toxische Stoffe, wie etwa Blei oder Cadmium, die zum Teil auf ewig toxisch bleiben
  • Deren Entsorgung oder Recycling ist sehr teuer, anspruchsvoll – und chaotisch
  • Zur Zeit ziehen es viele Industrieländer vor, ihre ausrangierten Solarpanels in arme Entwicklungsländer zu exportieren. In Afrika werden sie manchmal weiter genutzt, öfter aber zerlegt und unsachgemäss ausgeweidet, nicht selten von Hand. Menschen sterben
Dabei reden wir von Abfallbergen, die alles, was man über den Umfang von Atommüll hört, als Maulwurfshügel erscheinen lässt:
  • IRENA, die Internationale Organisation für erneuerbare Energien, rechnet damit, dass bis 2050 78 Millionen Tonnen Solarmüll anfallen
  • Zum Vergleich: weltweit gibt es aktuell etwa 250 000 Tonnen an hochaktivem Atomabfall, der in diversen Einrichtungen sicher gelagert wird, wobei hier alle Urheber eingeschlossen sind: AKW, aber auch Rückstände aus Nuklearwaffen, von der Medizin, Forschung oder Industrie
Hochaktive Atomabfälle sind tödlich, wenn der Mensch damit in Berührung kommt, kein Zweifel, sie strahlen für Jahrhunderte, wenn sie auch viel schneller und viel deutlicher abklingen, als dies den meisten Zeitgenossen bewusst ist:
  • Schon nach 200 Jahren bleiben bloss noch 0,005 Prozent ihrer ursprünglichen Strahlung übrig
  • Dann verharren sie aber noch Tausende von Jahren im Tiefenlager eingeschlossen, wenn es nach der Nagra geht. Dabei hat die Nagra jedes erdenkliche Risiko berücksichtigt, und jedes Szenario durchgespielt, bis ihre Computer vor Wahrscheinlichkeitsrechnungen glühten
  • 100 Prozent Sicherheit gibt es nicht. Aber reichen vielleicht 99,9 Prozent? Nach menschlichem Ermessen haben wir von unserem Atommüll so gut wie nichts mehr zu befürchten
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Wenn wir den Aufwand betrachten, den wir hier betreiben, um uns vor der Hinterlassenschaft der AKWs zu schützen: Dann ist das nachvollziehbar und vernünftig. Keine Frage. Was aber irritiert, ist die Tatsache, dass uns andere Rückstände des modernen Lebens, insbesondere der Energieproduktion, weit weniger beschäftigen.
Sie kümmern den Menschen – oder auch nicht.
  • Wer würde für sein Solarpanel auf dem Dach ein geologisches Tiefenlager verlangen? In Afrika ruht unser schlechtes Gewissen
Sobald es aber um Atom geht, fallen die Menschen auf die Knie und bekreuzigen sich. Aus moralischen Gründen reden sie der Doppelmoral das Wort:
  • Allein von den Betreibern der AKW wird erwartet, dass sie die künftigen Entsorgungskosten bereits jetzt bezahlen
  • Ob bei Windkraftwerken, Solarkraftwerken, aber auch Wasserkraftanlagen oder den unzähligen Energieproduktionsformen mit Öl oder Gas: Hier wird das nie verlangt
  • Würde man das tun, wäre Solarstrom oder Windenergie sehr viel teurer
Die Nagra hat entschieden. Und ihre Geologen haben sicher recht, wenn sie glauben, «Nördlich Lägern» sei der sicherste Standort. Ob das die AKW-Gegner ebenso sehen, steht auf einem anderen Blatt.
Vielleicht hätte die Nagra auch ein paar Theologen anstellen sollen.
Letztlich sind die Wege des Atomkraftgegners unerforschlich, oder wie es Mark Twain, der amerikanische Schriftsteller und Spötter, einmal formuliert hat:
«Gott hat den Menschen erschaffen, weil er vom Affen enttäuscht war. Danach hat er auf weitere Experimente verzichtet.»
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag Markus Somm

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