Die Migros hat's kapiert

Die Migros hat's kapiert

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von Alex Reichmuth am 7.4.2021, 13:55 Uhr
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Genom-Editierung soll in der Schweiz verboten werden. Die grösste Detailhändlerin allerdings hat die Chancen der neuen gentechnischen Methode erkannt.

Es ist ein Witz. Mit der sogenannten Genom-Editierung, einer neuen gentechnischen Methode, lassen sich Nutzpflanzen erzeugen, die auch durch klassische Züchtung entstehen könnten. Es werden keine artfremden Gene eingeschleust, sondern nur bestehende Gene entfernt oder neu geordnet. Das Resultat könnte auch durch herkömmliche Verfahren entstehen, etwa durch radioaktive Bestrahlung oder chemische Behandlung – kein Mensch kann das unterscheiden. Dennoch soll die Genom-Editierung nun der gleichen Verbotskultur unterstellt werden, die bereits seit vielen Jahren für herkömmliche Gentech-Pflanzen gilt.

Die Gentech-Gegner drängen darauf, die Genom-Editierung zu ächten.


Die Genom-Editierung, zu der unter anderem die Nobelpreis-gekürte Genschere Crispr/Cas zählt, hat grosses Potential für eine nachhaltige Landwirtschaft. Dank gezielten Veränderungen entstehen Pflanzen, die mit weniger Pestiziden auskommen, einen höheren Nährwert haben oder resistenter gegen Trockenheit sind.
Doch Gentech-Gegner drängen darauf, die Genom-Editierung zu ächten. Mit Erfolg: Vor drei Jahren hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass Nutzpflanzen, die aufgrund des neuartigen Züchtungsverfahrens entstanden sind, als genetisch veränderte Organismen gelten. Damit sind für sie in der EU die gleichen restriktiven Zulassungsbedingungen wie für herkömmliche Gentech-Produkte massgebend. Und vor kurzem hat der Bundesrat vorgeschlagen, dass genom-editierte Pflanzen in der Schweiz dem Gentech-Moratorium unterstellt werden und damit kein kommerzieller Anbau möglich ist.
Das Gentech-Moratorium wurde 2005 verhängt, nachdem das Volk einer entsprechenden Volksinitiative zugestimmt hat. Dreimal wurde dieses Anbauverbot von Regierung und Parlament seither verlängert, weil ein gentechnikfreier Standort angeblich Vorteile hat – und jetzt soll das Moratorium für vier weitere Jahre bis 2025 gelten. Ursprünglich wollte der Bundesrat die Genom-Editierung zwar liberaler handhaben und das geltende Recht risikobasiert den neuen wissenschaftlichen Entwicklungen anpassen. Doch davon ist keine Rede mehr. In seiner Vorlage vom November unterstellte der Bundesrat die neue Methode dem Gentechnikgesetz und damit dem Anbau-Moratorium - obwohl weit und breit keine gesundheitlichen oder ökologischen Gefahren erkennbar sind, die von der Genom-Editierung ausgehen.
In der Vernehmlassung hat die Regierung viel Applaus für ihren Entscheid geerntet



von den meisten Parteien (angefangen von den Grünen bis hin zur SVP), von der Stiftung für Konsumentenschutz oder vom Bauernverband. Wie die NZZ berichtete, spricht sich aber die Migros gegen die restriktive Haltung des Bundesrats aus.
Zwar ist auch die grösste Detailhändlerin der Schweiz grundsätzlich für die Verlängerung des Gentech-Moratoriums. Das ist keine Überraschung, ist die Migros doch schon immer auf Distanz zur Gentechnik gegangen und verzichtet seit fast zwanzig Jahren auf den Verkauf gentechnisch veränderter Produkte. Doch was den Umgang mit der Genom-Editierung angeht, hat die Migros eine klare Haltung. Durch die angestrebte Reduktion von Pflanzenschutzmitteln und durch die Klimaveränderung wachse der Druck auf die Landwirtschaft, schreibt sie in ihrer Stellungnahme. «Die neuen Züchtungsverfahren könnten hier (...) Lösungen bieten.» Die Migros bedaure darum sehr, dass der Bundesrat davon abgerückt sei, die neuen Methoden einzelfallbasiert zu beurteilen.

Seit Jahren wird den Leuten die Hölle heiss gemacht, was angebliche Gefahren der Gentechnik angeht.


Die Konsumenten seien über die Chancen und Risiken der neuen Züchtungsmethoden kaum bis gar nicht informiert, stellt die Detailhändlerin weiter fest. «Eine zunehmende Akzeptanz gegenüber diesen Methoden ist durchaus möglich, wenn diese für die Konsumentinnen und Konsumenten einen entsprechenden Nutzen (Bsp. Reduktion Pflanzenschutzmittel) bedeuten.»
Seit Jahren wird den Leuten die Hölle heiss gemacht, was angebliche Gefahren der Gentechnik angeht. Die Rede ist von Gesundheitsrisiken oder Bedrohungen für die Umwelt, obwohl das aus wissenschaftlicher Sicht völlig unhaltbar ist. Würde die Bevölkerung endlich mit sachlichen Informationen versorgt, was die Vor- und Nachteile neuer Pflanzenzüchtung-Methoden angeht, könnte sie diese auch nüchterner beurteilen. Die Migros hat es kapiert.
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