Somms Memo

Die Mayflower segelt nach England zurück. Die Puritaner bleiben. (Gemälde von Newell Convers Wyeth, 1941).

image 24. November 2022, 11:00
Die Mayflower segelt nach England zurück. Die Puritaner bleiben. (Gemälde von Newell Convers Wyeth, 1941).
Die Mayflower segelt nach England zurück. Die Puritaner bleiben. (Gemälde von Newell Convers Wyeth, 1941).
Die Fakten: Amerika feiert heute Thanksgiving. Der Brauch geht auf die Pilgerväter zurück, strenge Calvinisten, die Neuengland kolonisiert haben. Warum das wichtig ist: Ohne Schweiz kein Amerika. Die Pilgerväter kannten keinen Bischof, sondern verfassten ihre Kirche demokratisch. Das prägte die Amerikanische Revolution. Das Vorbild kam aus der Schweiz.
Am 21. November 1620 erreichte ein Schiff den weitgehend unbekannten Kontinent Amerika, das Schiff hiess Mayflower. Niemand wusste, dass es, benannt nach einer Blume, in die Geschichte eingehen würde. An Bord befanden sich 101 Puritaner, Glaubensflüchtlinge aus Europa, humorlose, aber optimistische, vor allem tiefgläubige Protestanten, die mit der Church of England nichts zu tun haben wollten – und deshalb in England verfolgt worden waren. Man nannte sie auch «Separatisten». Als sie endlich, nach zwei Monaten auf unruhiger See, Land betraten, fielen sie auf ihre Knie und beteten. Gott hatte ihnen ein neues Land zugewiesen, glaubten sie, ein «neues Jerusalem» sollten sie hier aufbauen, besser und frömmer als was sie in Europa, dem sündigen Kontinent hinter sich gelassen hatten – wo es sogar noch römische Katholiken gab, Geschöpfe des Antichrist schlechthin. Nach einigen Wochen der Erkundung kamen die Puritaner zum Schluss, dass sie an der Küste des heutigen Massachusetts ihre Kolonie begründen wollten, zumal sie hier ein Dorf vorfanden, wo kurz zuvor noch Indianer gelebt hatten. Jetzt stand es leer, weil alle Einwohner an einer Seuche gestorben waren. Ihre Gräber sahen noch frisch aus. Die Puritaner nannten das Dorf nun Plymouth, weil Plymouth in England der Hafen war, von dem aus sie aufgebrochen waren. Bereits war es Dezember – und wer Neuenglands Winter kennt – viel Schnee, sehr, sehr kalt –, kann sich ausmalen, was den Siedlern bevorstand. Wenn man Menschen für ihren Mut bewundern muss, dann diese Puritaner, die alles aufgegeben hatten auf der Suche nach einem gottgefälligeren Leben.
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Ein Siedler, der als Kind in Amerika angekommen war, schrieb später: «Was erblickten sie denn ausser einer abscheulichen und gottverlassenen Wildnis, voll von wilden Tieren und wilden Menschen, deren Zahl sie nicht abschätzen konnten? Wohin sie auch ihre Augen richteten (es sei denn in den Himmel), sie sahen wenig Tröstliches»
  • Der erste Winter war brutal. Die Hälfte der Siedler starb, besonders die Frauen
  • Man kam nur durch, weil Indianer ihnen zeigten, wie man hier Nahrung fand und zubereitete
  • Die Puritaner lernten den Mais kennen, vielleicht auch den Truthahn, den Turkey

Jedenfalls pflanzten sie bald eigenen Mais an, nachdem endlich der Frühling gekommen war (er kommt spät in Neuengland). Und als sie im folgenden Herbst ihre erste Ernte einfuhren, feierten sie ein Fest, um Gott zu danken
  • Thanksgiving
  • Weil sie sich aber bewusst waren, dass sie ihr Überleben nicht allein Gott verdankten, sondern auch den Indianern, luden sie diese zu ihrem Fest ein. Vielleicht gab es einen Turkey?

90 Indianer vom Stamm der Pokanokets kamen, womit sie die Siedler in Unterzahl versetzten, denn bis zu diesem Herbst waren nur noch 51 von ihnen übriggeblieben:
  • 22 Männer
  • 4 Frauen
  • 25 Kinder und Jugendliche
  • Sowie 2 Hunde, die aus England mitgekommen waren, ein Mastiff und ein Springer Spaniel

Wenn wir die USA heute betrachten, das Land, das am Ende auch aus dieser Plymouth Colony hervorgegangen ist, dann haben sich die Mehrheitsverhältnisse auf den Kopf gedreht, um es gelinde auszudrücken. Heute leben 332 Millionen Menschen in Amerika.
  • Nach wie vor stammen die meisten aus Europa
  • Während sich die Zahl der Indianer noch auf schätzungsweise 4 – 7 Millionen beläuft

Bevor die Siedler die Mayflower verliessen, hatten sie sich eine Art Verfassung gegeben. Noch auf dem Schiff unterzeichneten sie den sogenannten Mayflower Compact, worin sie festhielten, dass sie sich eigene Regeln auferlegen wollten, um sich selber zu regieren. Wenn dabei auch keineswegs explizit von Wahlen oder Demokratie gesprochen wurde, war dennoch klar, dass es darauf hinauslief. Schon die Plymouth Colony kannte Wahlen, wo die Mehrheit entschied. Das ergab sich nicht aus Zufall.
Puritaner waren Calvinisten, das heisst, ihre theologischen und kirchlichen Überzeugungen stammten im Wesentlichen aus der Schweiz, genauer: aus Genf und Zürich. Zwar hatte der Deutsche Martin Luther die Reformation seinerzeit, 1517, ausgelöst, doch es waren die Schweizer Reformatoren Huldrych Zwingli in Zürich und vor allen Dingen Jean Calvin in Genf (ursprünglich ein Franzose), die den Protestantismus weltweit verbreiteten. Das begann schon im 16. Jahrhundert. Diese protestantische Version, auch «reformiert» genannt, übte sehr viel mehr Einfluss aus als die lutherische Variante, die kaum über Deutschland hinauskam:
  • Natürlich formte Calvin die Hugenotten, die französischen Protestanten, die schliesslich ihre Heimat verlassen mussten
  • Von Genf aus gelangte der Calvinismus nach Holland, Schottland, Polen, Ungarn, sowie nach England
  • In England beeinflussten die Reformierten die Church of England. Vor allem aber beriefen sich jene auf Calvin, Zwingli und Heinrich Bullinger (ebenfalls aus Zürich), die weiter gehen wollten, die radikaler, noch reiner sein wollten: eben die Puritaner
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Deren schweizerische Prägung drückte sich nicht nur in der Theologie aus, sondern insbesondere in der Kirchenorganisation:
  • Reformierte Kirchen kannten keinen Bischof, sondern organisierten sich demokratisch, (wobei man das Wort nicht zu sehr strapazieren soll)
  • Worauf es vielmehr ankommt: Die Kirchgemeinde regierte sich selbst, ob durch einen Rat der Ältesten (Presbyter) oder eine Art Parlament (Synode, Kongregation). Man ernannte seine Pastoren und Minister selbst, man einigte sich auf das gemeinsame Bekenntnis, man liess sich weder von einem Bischof (noch von einem König) hereinreden

Dass es dazu gekommen war, lag an der Eidgenossenschaft. In Zürich regierte zu jener Zeit kein Fürst, sondern der Stadtrat und die Zünfte. Es wurde gewählt und abgestimmt, Mehrheiten beschlossen, auch wenn lange nicht alle Einwohner teilnehmen durften, waren es doch sehr viel mehr als überall sonst im damaligen Europa. Das bestimmte auch die Reformation an der Limmat, die ab 1519 einsetzte. Als Zwingli den neuen Glauben einführen wollte, wurde abgestimmt. Die Mehrheit der Zürcher Bürger entschied sich für Zwingli.
  • Zürich war faktisch eine Republik, ebenso die alte Eidgenossenschaft
  • so dass auch die protestantischen Kirchen in Bern, Basel, St. Gallen oder eben Genf republikanisch, sicher nicht hierarchisch oder monarchisch aufgebaut wurden. Es wurde abgestimmt, es wurde gewählt

So gelangte der eidgenössische Geist des anti-monarchischen Widerwillens, das synodale, republikanische Modell in die reformierte Kirche; er durchdrang den Calvinismus, wo immer er sich ausbreitete, und so landete dieser eidgenössische Geist des demokratischen Widerspruchs am 21. November 1620 auch in Neuengland.
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Ein Turkey nimmt an Thanksgiving teil. Familientradition in Amerika seit 1621.
Das hatte Folgen, besonders politische: Der britische Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch schreibt: «Das synodale Modell erhielt besondere Relevanz, als die Führer der Amerikanischen Revolution 1776 sich von der eigenen Erfahrung in ihren reformierten Kirchen inspirieren liessen, um neue Formen der politischen Regierung zu schaffen.» Who invented America? The Swiss, stupid! Ohne Schweiz kein Amerika. Immerhin haben sie Thanksgiving selber erfunden. Ich wünsche Ihnen einen Tag voller Demut Markus Somm

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