Die letzte Bastion der Unkorrektheit. Ein Nachruf auf Prinz Philip

Die letzte Bastion der Unkorrektheit. Ein Nachruf auf Prinz Philip

Dass der Gatte einer Königin mit 99 Jahren stirbt, und das noch auf natürliche Weise: Das ist eher ein Fall für die «Glückspost». Aber Prinz Philip war mehr als ein angeheirateter Adliger. Er war wundervoll unkorrekt. Und stand damit für alles, was heute leider nicht mehr geht.

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von Stefan Millius am 14.4.2021, 14:49 Uhr
Bild: Friedrich Magnussen / Wikimedia
Bild: Friedrich Magnussen / Wikimedia
Diplomatie ist die hohe Kunst, das, was man denkt, nicht auszusprechen. Im Idealfall sogar, das Gegenteil von dem zu sagen, was man denkt. Einfach, damit das Gegenüber zufrieden ist. Kinder würde man dafür mit Hausarrest bestrafen, weil Lügen böse sind. Sobald man sich in höheren Kreisen bewegt, wird die Lüge zum Standard.
Aber nicht für Prinz Philip. Der hat in seinem langen Leben fast immer gesagt, was er gedacht hat. Sehr zum Leidwesen der Krone und ihrem strikten Regelwerk. Vermutlich hätte sich der nun Verstorbene sogar an die Etikette gehalten, wenn er denn gekonnt hätte. Er konnte nicht. Er schaffte es einfach nicht. Und hätte er es getan, wäre er wohl bereits vor 30 Jahren an einem Magengeschwür gestorben.

Schonungslos offen: Wo gibt es das noch?

Deshalb, und nur deshalb, gehört diesem Mann ein ordentlicher Nachruf der anderen Art. Jemanden zu heiraten ist keine besondere Leistung. Verdient hat er sich die Lobrede viel mehr mit seiner schonungslosen Offenheit. Mit seiner einfachen Sicht auf die Welt und indem er sagte, was viele Leute denken.
Hätte man Philip mit unseren hiesigen Debatten rund um den «Mohrenkopf» oder der Frage, ob Pippi Langstrumpf zu einem «Negerkönig» reisen darf, behelligt, er hätte einen wohl nur ungläubig angestarrt. «What the…» hätte er gesagt und vielleicht das letzte Wort wirklich ausgespart. Ausnahmsweise.
Einige seiner denkwürdigsten Zitate in der Übersicht. Bei einer Australienreise erkundigte sich der Prinz bei Ureinwohnern in ehrlicher Neugier:

«Bewerft Ihr Euch immer noch gegenseitig mit Speeren?»

Als er 1997 den damaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl traf, rang sich Philip zu einer herzhaften Begrüssung durch:

«Willkommen, Herr Reichskanzler!»

Der mediale Aufschrei war gross. Und einem Irrtum zu verdanken. Dass Briten mit Deutschen im Allgemeinen nicht so umgehen, ist mehr der Höflichkeit zu verdanken, sind sie unter sich, klingt es anders. Eben ziemlich wie bei Philip.
Beim Besuch in einem Londoner Krankenhaus stellte der Queen-Gatte zielsicher fest, dass ein grosser Teil des Pflegepersonals aus den Philippinen stammte. Was ihn umgehend zur unschuldigen Bemerkung veranlasste:

«Die Philippinen müssen halb leer sein, ihr seid alle hier in unseren Krankenhäusern.»

Diese und weitere Beispiele kamen bei den Medien nicht gut an. Sie verpackten die Bemerkungen in fette Schlagzeilen und regten sich auf. Die Ironie dabei: Das Volk, also die Leser, fand es zum Brüllen. Der Mann sagt ja nur das, was jeden Abend in Pubs quer durchs Land zu hören ist – er ist also einer von uns!
Ein Prinz hat im englischen Königshaus nicht viel zu melden. Er ist eine reine Beilage. Prinz Philip hat das Beste daraus gemacht: Er ordnete sich offiziell unter und nutzte nebenbei jede Gelegenheit, mit einem Nebensatz sichtbar zu werden. Und das mit einer politischen Unkorrektheit, die im Jahr 2021 nur eines ist: Grenzenlos wohltuend.

Die Falschen empörten sich

Ob die Aboriginies selbst wirklich sauer waren, weil er sie mit Speeren in Verbindung brachte? Vermutlich hat es sie eher an ihre Ursprünge erinnert, auf die sie stolz sind. Die Empörung lag nicht bei den Betroffenen, sondern bei den selbsternannten Anwälten der Betroffenen. Wie meistens übrigens.
Hätte Prinz Philip regelmässig Twitter konsumiert, so hätte er sich vermutlich sogar einen etwas früheren Tod gewünscht. Denn Leute wie er sind dort Freiwild. Vielleicht wäre es ihm aber sogar egal gewesen. Er hätte sich durch die Kommentare über sein Verhalten gescrollt und nur gedacht: «What the...»
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