Die Kritik an der Qualität des Schweizer Trinkwassers ist unberechtigt

Die Kritik an der Qualität des Schweizer Trinkwassers ist unberechtigt

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von Stefan Bill am 14.5.2021, 04:00 Uhr
Bild: Shutterstock
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Ein 70 Kilogramm schwerer Mensch könnte gemäss WHO von dem Schweizer Grundwasser, das am stärksten mit Bentazon verseucht ist, immer noch problemlos 25’000 Liter am Tag trinken.

«Das Trinkwasser in der Schweiz ist von guter Qualität», ist der erste Satz, den man auf der Webseite des Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) lesen kann. «Eine Million Menschen in der Schweiz konsumieren derzeit Trinkwasser, das die Grenzwerte für Pestizide überschreitet – das gefährdet unsere Gesundheit. Vielerorts ist dadurch eine Versorgung mit einwandfreiem Trinkwasser nicht mehr möglich.» Das ist auf der Webseite der Trinkwasserinitiative zu lesen. Wer hat denn nun recht? Die Initiantin verweist bei ihrer Aussage auf einen Beitrag des SRF und auf Berichte des Bundesamts für Umwelt (Bafu).

Chlorothalonil - der Sündenbock im SRF-Beitrag

Im SRF-Beitrag geht es um das Pestizid Chlorothalonil. Dieses soll krebserregend sein. Das BLV schreibt dazu, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass gewisse Abbauprodukte dieses Fungizids auf lange Sicht negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben können. Daher wurde es als «wahrscheinlich krebserregend» eingestuft. Chlorothalonil ist aufgrund der Einstufung seit dem 1. Januar 2020 verboten. Die Syngenta Group, ein Hersteller von Pflanzenschutzmittel hat gegen das Verbot Beschwerde eingereicht. Sie schreibt auf Anfrage: «Die Experten des Bundes haben Ende 2019 bestätigt, dass die jetzt thematisierten Abbauprodukte von Chlorothalonil nicht relevant seien. Wenige Wochen später ignorierten die Behörden die eigene Expertenmeinung, ohne dass sich an den wissenschaftlichen Erkenntnissen irgendetwas geändert hat.» Das Bundesverwaltungsgericht hat in einer Zwischenverfügung der Syngenta Group recht gegeben. Es schreibt in der Medienmitteilung, dass es befürchtet, die Angaben des BLV könnten zu Medienberichten führen, die auf umstrittenen Annahmen gründen würden. «Es besteht die Gefahr, dass sich die Ansicht verfestigt, der Wirkstoff Chlorothalonil verunreinige das Grundwasser und gefährde die Gesundheit der Trinkwasser-Konsumenten.» Daher müsse das BLV diese Informationen von der Webseite nehmen. Der Hauptentscheid ist noch hängig. Fakt ist momentan jedoch: Chlorothalonil ist bereits verboten und daher kein stichhaltiges Argument für die Trinkwasserinitiative. Somit bleibt noch der Bericht des Bafu.
Für als relevant eingestufte Pestizide und Abbaustoffe der Pestizide gilt im Trinkwasser ein Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter. Die Summe aller relevanten Pestizide darf 0,5 Mikrogramm pro Liter nicht überschreiten. Für nicht relevante Pestizide oder Abbaustoffe gibt es meist keine Grenzwerte. Die genauen Anforderungen an unser Wasser können Sie in der Verordnung des EDI über Trinkwasser sowie Wasser in öffentlich zugänglichen Bädern und Duschanlagen nachlesen.

Bericht des Bundesamtes für Umwelt

In dem Bericht des Bafu steht geschrieben: «An mehr als der Hälfte aller Messstellen treten Rückstände von Pflanzenschutzmitteln (PSM) im Grundwasser auf.» Bei rund zwei Prozent der Messstellen hätten die PSM-Wirkstoffe 2014 den Grenzwert von 0.1 Mikrogramm überschritten. Abbauprodukte der PSM hätten die Grenzwerte sogar an rund 25 Prozent der Messstellen übertreten. Wichtig für die Trinkwasserdiskussion ist das deshalb, weil 80% unseres Trinkwassers in der Schweiz aus Grundwasser stammt.
Die drei Wirkstoffe, die bei den Messungen regelmässig den Grenzwert von 0.1 Mikrogramm pro Liter Wasser überschritten sind Bentazon, Metolachlor und Atrazin. Da die Zulassung für Atrazin bereits 2007 aufgehoben wurde und die Konzentration seither rückläufig ist, sollte auch dieses nicht als Argument für die radikale Initiative herhalten können. Dafür setzen wir noch Chloridazon auf die Liste der Trinkwassergefährder, da gemäss Bafu auch Abbauprodukte dieses Rüben-Herbizids grossflächig das Grundwasser verschmutzt.
Wir haben also noch Bentazon, Metolachlor und Chloridazon, die unser Trinkwasser verschmutzen und gegen die noch nichts unternommen wurde. Nun stellt sich die Frage: Wie gross ist die Gefahr, die davon ausgeht? Denn darauf sollte auch der Handlungsbedarf ausgerichtet sein.

Bentazon

Gemäss dem Monitoring von PSM-Rückständen im Grundwasser des Bafu ist Bentazon der Wirkstoff, der am häufigsten den Grenzwert überschreitet. Bentazon wird für den Anbau von Getreide, Kartoffeln, Mais und diversen Hüslenfrüchten verwendet. Sein Einsatz ist bereits reglementiert. In der Pilotstudie «Screening» von der Nationalen Grundwasserbeobachtung NAQUA von 2019 ist Bentazon das PSM, das bei den Messungen des Grundwassers die höchste Konzentration aufwies. Der höchste gemessene Wert lag bei 0.26 Mikrogramm pro Liter.
Die WHO schreibt in ihrem Bericht über Bentazon im Trinkwasser, die akzeptable tägliche Einnahme liege bei 900 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht. Auf diesen Wert stützt sich auch die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit. Er wird abgeleitet von dem Wert, bei dem in verschiedenen Studien noch keine negativen Nebeneffekte auftraten. Dieser liegt bei 9000 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Wenn also ein 70 Kilogramm schwerer Mann von dem am meisten mit Bentazon vergifteten Grundwasser in der Schweiz trinkt, müsste er für einen feststellbaren negativen Effekt jeden Tag knapp zweieinhalb Millionen Liter Wasser trinken. Die WHO schreibt daher in ihrem Bericht: «Es wird nicht als notwendig erachtet, einen Richtwert für Bentazon festzulegen, da dieser normalerweise in Trinkwasserquellen oder Trinkwasser in Konzentrationen auftritt, die weit unter denen liegen, die gesundheitlich bedenklich sind.» Sollte regelmässig Bentazon im Trinkwasser nachgewiesen werden, schlägt die WHO einen Richtwert von 500 Mikrogramm pro Liter vor. Also immernoch fast 2000 mal höher als der höchste gemessene Wert in der Schweiz.

Metolachlor

Betrachten wir als nächstes das Herbizid Metolachlor. Dieses wird überwiegend beim Anbau von Mais und Rüben angewendet. Die WHO rechnet mit einem Wert von 3,5 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht als akzeptable tägliche Einnahmemenge. Die errechnete Zahl aus Studien liegt eigentlich noch tausendmal höher. Da die Studien aber an Tieren und nicht am Menschen durchgeführt wurden, rechnet die WHO mit einem Unsicherheitsfaktor von 1000. Der höchste gemessene Wert in der NAQUA-Studie ist bei diesem Pflanzenschutzmittel 0,016 Mikrogramm pro Liter. Das kann also nicht das Problem sein. Hier betreffen die übertretenen Richtwerte die Metaboliten, also die Abbaustoffe, dieses Mittels. Im Bericht des Bafu, auf das die Initiantin verweist steht: «An 6% der Messstellen lagen die Konzentrationen von Metolachlor-ESA über 0,1 Mikrogramm pro Liter. Der Höchstwert betrug 0,64 Mikrogramm pro Liter.» Dieser Metabolit ist am weitesten verbreitet in der Schweiz. Seine Verbreitung ist vor allem auf das Verbot von Atrazin zurückzuführen. Denn seither hat sich der Einsatz von Metolachlor verdoppelt. Der Metabolit wird allerdings als nicht-Trinkwasser-relevant eingestuft.

Chloridazon

Bleibt uns noch das Rüben-Herbizid Chloridazon als möglicher Übeltäter für die Vergiftung unseres Trinkwassers. Denn Metaboliten dieses Stoffes treten ebenfalls «grossflächig in Konzentrationen von mehr als 0,1 Mikrogramm im Trinkwasser auf», wie das BAFU schreibt. Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit errechnet für dieses Pflanzenschutzmittel eine unbedenkliche Einnahme von 100 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Der höchste von der NAQUA gemessene Wert des PSM selbst lag bei 0,008 Mikrogramm pro Liter. Der höchste Wert eines Metaboliten dieses PSM lag bei 1,8 Mikrogramm pro Liter. Dieses Mal dürfen Sie die Rechnung selber machen. Kleiner Spoiler: Tod durch Ertrinken ist wahrscheinlicher als eine Vergiftung. Abschliessend kann man sagen, dass das Trinkwasser in der Schweiz tatsächlich von überdurchschnittlicher Qualität und nicht gesundheitsschädigend ist. Somit fällt zumindest dieses Argument gegen Pestizide weg.
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