Die Klassiker der Literatur sind nun Werbung fürs Impfen

Die Klassiker der Literatur sind nun Werbung fürs Impfen

Die APG stellt die Flächen zur Verfügung, die Werbeagentur «Ruf Lanz» hat ihre Kreativität beigesteuert. Das Resultat: «Kein Besuch der alten Dame» und «Viren vom Winde verweht». Damit wird nicht fürs Lesen, sondern für die Impfung geworben. Satire? Nein. Höchstens Realsatire.

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von Stefan Millius am 30.12.2021, 13:00 Uhr
Bild: Pixabay
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«Aus dieser Geschichte kommen wir nur gemeinsam raus: Jetzt impfen lassen.» So lautet die Botschaft einer gemeinsamen Aktion des Plakatflächenvermittlers APG und der Werbeagentur «Ruf Lanz». Das Wort «Geschichte» ist dabei doppeldeutig. Gemeint ist damit einerseits die anhaltende Coronasituation und zum anderen das Wort im literarischen Sinn. Abgeänderte Titel von bekannten Büchern der Weltliteratur dienen dazu, «um die breite Bevölkerung im Sinne des BAG zum Impfen aufzurufen», wie es in einer Mitteilung heisst.
Was dann folgt, darüber liesse sich angesichts der Erfahrungen der letzten Monate trefflich streiten. APG und «Ruf Lanz» tun, was sie tun, weil die Impfung einen wichtigen Beitrag dazu leiste, «dass die Rückkehr in einen normalen, mobilen Alltag bald wieder möglich ist». Bisher tut sie das nicht, im Gegenteil, bereits scheint es nötig, die Impfung demnächst im Abo zu beziehen. Aber Werbung ist dafür bekannt, dass sie nicht die Wahrheit transportieren, sondern einfach ihren Zweck im Sinn des Auftraggebers erfüllen muss.

Von Michael Ende bis zu Dürrenmatt

Seit dem 27. Dezember sind nun «sechs prägnante Sujets» im öffentlichen Raum zu sehen, auf «eBoards und ePanels in der Deutschschweiz». Das sieht dann beispielsweise so aus:
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Bilder: Ruf Lanz / APG
Man sieht: Da waren Profis am Werk. Im Handumdrehen wurden aus den Klassikern von Michael Ende und Erich Maria Remarque aufrüttelnde Statements zugunsten der Impfung. Wobei die Botschaften etwas widersprüchlich sind. «Die unendliche Corona-Geschichte»: Wir dachten, sie sei dank der Impfung eben durchaus endlich? Und «Im Westen nichts Neues»: Bleibt der Osten unangetastet vom Virus? Und ist der Untertitel «Steigende Fallzahlen im Winter» nicht der Beleg für das, was man beim Bund auf keinen Fall hören will, dass Corona wie jede Atemwegserkrankung in erster Linie eine saisonale Sache ist?
Schauen wir die nächsten beiden Beispiele an:
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Bilder: Ruf Lanz / APG
Nun wildert «Ruf Lanz» direkt vor der eigenen Haustür, bei Friedrich Dürrenmatt. Angespielt wird damit auf die Tatsache, dass Menschen in Altersheimen über Monate allein vor sich hinvegetierten und Verwandte und Bekannte ausgesperrt wurden. Nur: Ist das nicht in erster Linie dem seit Beginn mangelhaften Schutz der Risikogruppen zu verdanken? Und den Schutzmassnahmen, die auch die Nicht-Risikogruppen erfassen, also den Entscheidungen der Politik? Was hat es mit der Impfbereitschaft zu tun, dass junge, kerngesunde Leute ihre Verwandten im Altersheim nicht besuchen dürfen?

Die tödliche Nähe

Margaret Mitchell hatte beim Schreiben von «Vom Winde verweht» definitiv keine Viren vor dem geistigen Auge. Aber auch sonst wirkt das Beispiel leicht deplatziert. Quer durchs Land versuchen viele Leute verzweifelt, sich das Virus einzufangen, um als «genesen» zu gelten, aber noch so viel menschliche Nähe zu ihren Geliebten schenkt ihnen diese Gnade nicht, sie fangen sich das Ding einfach nicht ein oder merken nichts davon, wenn sie es doch tun. Glaubt man hingegen «Ruf Lanz», dann steckt hinter jeder Umarmung und jedem Kuss die tödliche Gefahr.
Und die letzten beiden Sujets:
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Bilder: Ruf Lanz / APG
Wieder müssen zwei veritable Klassiker dran glauben. «100 Jahre Einsamkeit» heisst das Original von Gabriel García Márquez. Die Einsamkeit wird in Anlehnung an die Dauer der Quarantäne nun eben auf zehn Tage verkürzt. Aus der Sicht einer zunehmenden Zahl von Experten sind diese zehn Tage übrigens viel zu lang und völlig sinnlos, weil sie länger andauern, als typische Symptome anhalten und man die Betroffenen auch nach drei bis fünf Tagen ohne Gefahr «freilassen» könnte. Aber solche Details müssen einen kreativen Werber nicht irritieren.
Antoine de Saint-Exupérys «Der kleine Prinz» ist globales Allgemeingut. Hier wird der Prinz kurzerhand durch eine Spritze ersetzt. Ob sich das der französische Schriftsteller gewünscht hätte, als er sein wunderbar poetisches Kunstmärchen verfasste, lässt sich natürlich nicht mehr überprüfen. Im Sinn hatte er es damals kaum. Aber für Werbung gilt eben dasselbe wie für Satire: Sie darf alles. – Fragen an die Agentur «Ruf Lanz» blieben bisher unbeantwortet.

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