Die Kampagne der EU gegen AstraZeneca

Die Kampagne der EU gegen AstraZeneca

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von Serkan Abrecht am 1.4.2021, 06:09 Uhr
Brexit-Britannien darf keinen Erfolg haben: Boris Johnson und Ursula von der Leyen. Bild: Shutterstock
Brexit-Britannien darf keinen Erfolg haben: Boris Johnson und Ursula von der Leyen. Bild: Shutterstock
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Aus politischen Gründen hat die Europäische Union die Wirksamkeit des Impfstoffs immer wieder infrage gestellt und AstraZeneca fast zeitgleich wegen Lieferengpässen kritisiert.

Seit Beginn des Jahres haben sich die Aussagen der EU und ihrer Mitgliedstaaten zum Impfstoff von AstraZeneca ständig geändert. Zuerst hiess es von der EU, dass man mehr Impfdosen brauche. Dann behauptete beispielsweise Emmanuel Macron, dass der Stoff quasi «ineffektiv» sei, bis er und die EU wiederum sagten, dass die Anwendung bedenkenlos sei, bis einige Staaten begannen ihn wegen eines möglichen Thrombose-Risikos zu boykottieren, was wenige Tage später widerlegt wurde.
Derzeit überlegt sich die EU AstraZeneca zu verklagen, da die Firma nicht genügend Impfstoff lieferte. Dass hinter diesem Manöver politisches Kalkül steckt, weil Brexit-Britannien den Stoff zusammen mit AstraZeneca entwickelte, scheint offensichtlich. Hier ist eine Chronologie der Geschehnisse.


22. Januar

Die britisch-schwedische Firma AstraZeneca gibt bekannt, dass man wegen Produktionsproblemen nur 31 anstatt 80 Millionen Impfdosen bis April an die EU ausliefern könne. Die Europäische Union ist erbost und fordert die gesamte Auslieferung der vereinbarten Dosen. EU-Gesundheitsministerin Stella Kyriakides glaubt an keine Produktionsprobleme und verlangt eine Untersuchung: «Die EU will wissen, wo genau welche Dosen bisher von AstraZeneca produziert wurden und an wen sie geliefert wurden.» AstraZeneca ist seit dem 30. Dezember in Grossbritannien zugelassen. Dort läuft die Impfkampagne bereits auf Hochtouren.


24. Januar

Als Reaktion auf die Produktionsprobleme droht der ehemalige italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte AstraZeneca mit einer Klage. Italien könne wegen der Firma ihren Impfplan nicht einhalten. Laut Conte breche AstraZeneca damit gültige Verträge und schade der Gesundheit der Bürger Italiens sowie der Wirtschaft.

25. Januar

Deutsche Beamten leaken gegenüber der Presse, dass AstraZeneca für die Gruppe der über 65-Jährigen nur zu acht Prozent wirksam sei. Später wird bekannt, dass die Behauptung entstand, weil eine Excel-Tabelle falsch gelesen wurde. Das deutsche Gesundheitsministerium entschuldigt sich daraufhin öffentlich.

28. Januar

Die EU befiehlt eine Inspektion der AstraZeneca-Werke in Belgien, um zu überprüfen, ob tatsächlich Produktionsprobleme herrschen, oder ob Grossbritannien unerlaubte Weise Impfdosen abzweigen lässt. Was die Inspektion ergeben hat, kommuniziert die EU nicht.

29. Januar

Die Ereignisse überschlagen sich: Die EU lässt AstraZeneca für Erwachsene zu. Vier verschiedene Studien bestätigten die Wirksamkeit des Impfstoffes. Sie wurden in Grossbritannien, Südafrika und Brasilien durchgeführt. Wenige Stunden später behauptet Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, dass der Impfstoff für die über 65-Jährigen «quasi ineffektiv» sei. Am gleichen Tag will die Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen den Verkauf des AstraZeneca-Impfstoffs auf die Insel verbieten. Das würde harte Grenzkontrollen zwischen Grossbritannien und Nordirland bedeuten. Grossbritannien läuft dagegen Sturm. Ursula von der Leyen macht den Entscheid wieder rückgängig.

30. Januar

Die EU führt eine Export-Bewilligung für Impfstoffe ein, die in der EU produziert werden. Besonders getroffen soll offensichtlich Grossbritannien werden.
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In der Kritik: EU-Gesundheitsministerin Stella Kyriakides. Bild: Shuttertsock

1. Februar

AstraZeneca macht bekannt, dass man der EU nun 40 anstatt 31 Millionen liefern könne. Südafrika, eines der am stärksten von Covid betroffenen Ländern, erhält seine ersten Impfdosen von AstraZeneca.

2. Februar

Ungarn und Serbien haben vom Geplänkel der EU genug und lassen die in der EU noch verbotenen Impfstoffe aus Russland und China ohne Absprache mit Brüssel zu. Das deutsche Gesundheitsministerium hält sich an Emmanuel Macron und rät, dass AstraZeneca nur an «Jüngere», also an Menschen zwischen 18 und 64 Jahren, verimpft werden sollte.

28. Februar

Ein deutscher Immunologe will Kanzlerin Angela Merkel in die Enge drängen und schlägt vor, dass sie sich im Fernsehen live mit AstraZeneca impfen lassen solle. Die Kanzlerin lehnt ab, weil sie mit 66 Jahren nicht zur Zielgruppe gehöre.

1. März

Wieder eine Kehrtwende: Frankreich empfiehlt, AstraZeneca nun für Personen über 65 Jahren anzuwenden. Dafür gibt es international hämische Presse.

4. März

Brüssel lässt den Impfstreit eskalieren: Die EU-Kommission blockiert eine bereits bezahlte Lieferung des AstraZeneca-Impfstoffes von Italien nach Australien und will die Impfdosen wieder unter EU-Ländern aufteilen.

10. März

Kurz darauf beschuldigt die EU Grossbritannien wieder grössere Lieferungen an die EU zurückzuhalten. Sie bezichtigt Grossbritannien des «Impf-Nationalismus». Denselben Vorwurf muss sich die EU aber wegen ihrer Impfstoff-Blockade nach Australien gefallen lassen, Premierminister Boris Johnson dementiert die Vorwürfe und sein Aussenminister Dominic Raab bestellt die EU-Botschafterin ein. Daraufhin möchte die EU zu diesem Thema keinen Kommentar mehr abgeben.
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Kämpft gegen die EU: Der britische Aussenminister Dominic Raab. Bild: Shutterstock

11. März

Dänemark und Norwegen verbieten vorsorglich den AstraZeneca-Impfstoff, weil es zu Todesfällen wegen Blutgerinnsel gekommen sei, die möglicherweise mit dem Impfstoff zusammenhingen. Als Reaktion auf Dänemark und Norwegen, sprechen sich die EU-Staaten Frankreich und Deutschland für AstraZeneca aus und teilen mit, dass sie den Impfstoff weiterhin benutzen werden. Weltweit herrscht vor allem bei den Frauen Empörung. Hunderte Millionen Frauen nehmen täglich die Anti-Baby-Pille, wo die Thrombose-Gefahr höher ist, als bei der Covid-Impfung.

12. März

Die Europäische Arzneimittelbehörde und mehrere Wissenschaftler geben Entwarnung: Es bestehe keine erhöhte Thrombose-Gefahr bei der AstraZeneca-Impfung. Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) äussert sich kritisch zum Astra-Zeneca-Boykott einiger EU-Staaten. Er bedauere diesen Entscheid und verweist auf die Untersuchung der Europäischen Arzneimittelbehörde.

15. März

Nach drei Tagen kommt die Kehrtwende von Jens Spahn und anderen EU-Staaten: Deutschland, Frankreich und Italien setzen die Impfungen durch AstraZeneca Risiko-bedingt aus. Bei 1,6 Millionen Geimpften in Deutschland kam es bei sieben Personen zu Komplikationen. Gleichzeitig eröffnet die EU offiziell ein Verfahren gegen Grossbritannien, weil dieses den Impfstoff blockiert habe.

18. März

Und wieder folgt eine Entwarnung und eine Kehrtwende: Brüssel sagt, dass der Impfstoff von AstraZeneca unbedenklich sei. Verschiedene EU-Staaten kehren von ihrem Astra-Zeneca-Boykott ab – auch Deutschland.

22. März

Ursula von der Leyen erklärt den Impf-Krieg. «Ich kann europäischen Bürgern nicht erklären, warum wir Millionen Impfstoffdosen in Länder exportieren, die selbst Impfstoff produzieren – und von denen nichts zurückkommt», sagte von der Leyen in einem Interview. «Wir sind offen, aber das muss verhältnismässig sein und auf Gegenseitigkeit beruhen.» Grossbritannien konstatiert, dass man sich an die unterschriebenen Verträge halte. Doch die EU möchte schärfere Export-Beschränkungen einführen. Von der Leyen: «Wir haben die Möglichkeit, einen geplanten Export zu verbieten. Das ist die Botschaft an AstraZeneca: Du erfüllst erst deinen Vertrag gegenüber Europa, bevor du beginnst, in andere Länder zu liefern.» Tatsächlich könnte sich von der Leyen mit diesem Manöver ins eigene Fleisch schneiden. Denn auch Pfizer/Biontech bezieht Produktionsmittel für die Impfstoffherstellung aus dem United Kingdom. Eine Export-Beschränkung würde auch andere Impfstoffhersteller betreffen.


In Grossbritannien gehen die Wogen aufgrund des ständigen Hin und Her hoch. Die englische Presse ist sich unisono einig, dass das ganze Geplänkel um die Beschaffungen und vor allem die Zulassungen des AstraZeneca-Impfstoffes nicht medizinischer, sondern politischer Natur sei. Die EU-Kommission behauptet das Gegenteil: «Der Kommission geht es einzig und allein darum, die öffentliche Gesundheit zu schützen und bestmögliche Vereinbarungen mit den Unternehmen zu erzielen, damit die Impfstoffe erschwinglich, sicher und wirksam sind.» Besonders die Warnungen vor einem möglichen Gesundheitsrisiko der Impfung – der britische «Spectator» macht dafür das deutsche Gesundheitsministerium verantwortlich –, seien an den Haaren herbeigezogen.
Grossbritanniens Impfstrategie basiert mehrheitlich auf dem AstraZeneca-Impfstoff und knapp 17 Millionen Menschen wurden bis Mitte März mit mindestens einer Dose geimpft – ohne nennenswerte Vorfälle. Trotzdem hat der Ruf des Impfstoffs wegen der Kampagne stark gelitten. Eine Mitte März durchgeführte repräsentative Umfrage in Frankreich ergab beispielsweise, dass nur 20 Prozent der Befragten dem AstraZeneca-Impfstoff vertrauen. Zum Vergleich: bei Pfizer/Biontech sind es 52 Prozent. Seit Beginn des Jahres ist die Wirksamkeit von AstraZeneca unbestritten, das gesundheitliche Risiko einer Impfung wird als «sehr gering» eingestuft. Doch der Reputationsschaden ist angerichtet.
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