Die Jagd nach den Mutanten in der Kloschüssel

Die Jagd nach den Mutanten in der Kloschüssel

Unser Abwasser ist ein Paradies für Epidemiologen. Denn darin lässt sich unter anderem das Coronavirus nachweisen. Einige Kantone tun das bereits. Nun will selbst das kleine Appenzell Innerrhoden im Klärschlamm wühlen. Doch wie aussagekräftig die Resultate wirklich sind, ist offen.

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von Stefan Millius am 4.8.2021, 17:30 Uhr
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Dass sich das Erbgut des Coronavirus auch in der WC-Hinterlassenschaft von Erkrankten nachweisen lässt, heisst es schon länger. Aber bei einer bereits bekannten Infektion ist das nicht sehr wertvoll. Überprüft man hingegen das Abwasser konsequent, kann man daraus allgemeine Schlüsse ziehen – jedenfalls lautet so die These. Beispielsweise die Erkenntnis, ob das Virus in einer bestimmten Gemeinde auf dem Vormarsch ist oder nicht. Die Virenlast in der Kläranlage soll es anzeigen.
Früherkennung von Mutanten
Zürich und Graubünden betreiben ein solches Abwassermonitoring bereits und entnehmen Proben, die dann im Labor untersucht werden. Konkret hegt man auch die Hoffnung, so mehr über die Verbreitung von Mutationen herauszufinden. Diese lassen sich mit dem entsprechenden Laborverfahren entschlüsseln. Unsere Ausscheidungen sollen auf diese Weise als eine Art Frühwarnsystem dienen darüber, was aktuell kursiert – und wie viel davon.
Das Abwasser als indirekte Testquelle ist global im Kommen. Verschiedene Länder setzen die Methode ein. Mitte Juni wurde dem deutschen Bundestag ein Bericht vorgestellt, in dem das Abwassermonitoring unterm Strich als ergänzende Massnahme zur Beobachtung der Virenverbreitung empfohlen wird. Einige Details sind aber eher ernüchternd. Derzeit fehle noch eine standardisierte Methode, um Ergebnisse vergleichen zu können, heisst es im Bericht. Und weiter: «Selbst bei parallelen Tests kann es in unterschiedlichen Laboren zu verschiedenen Ergebnissen kommen.» Ob eine höhere Virenlast im Abwasser sich zu glasklaren Ansagen über die Ansteckungsgefahr ummünzen lässt, ist also alles andere als gesagt.
Abwasser statt Tests
Den Unsicherheiten zum Trotz will nun auch der Kanton Appenzell Innerrhoden auf den Zug aufspringen. Dort ist man sogar Feuer und Flamme für die Idee, dem Abwasser auf den Grund zu gehen. Das Prinzip besteche durch seine Einfachheit, zudem sei man damit nicht von persönlichen Einwilligungen – also freiwilligen Tests – abhängig, heisst es beim kantonalen Gesundheits- und Sozialdepartement. «Das Testvolumen war in Appenzell Innerrhoden immer schon zu klein, um die Entwicklung der Krankheit zuverlässig verfolgen zu können», sagt Markus Schmidli, stellvertretender Kantonsarzt.
Dass Innerrhoden, sonst eher eigenwillig und nicht unbedingt ein «early adopter», hier so früh einsteigen will, liegt an einem «Luxusproblem»: Es gibt dort seit Wochen kaum mehr Ansteckungsfälle, die Testbereitschaft ist tief. Deshalb brauche der Kanton für die Überwachung der Krankheit ein personenunabhängiges, rasch reagierendes Messsystem.

«Wenn man mit Massnahmen zum Beispiel wartet, bis die Hospitalisationen wieder ansteigen oder – noch ungeschickter – bis die IPS-Betten belegt sind, dann hat man epidemiologisch den Krieg schon verloren.»

Markus Schmidli, stv. Kantonsarzt Appenzell Innerrhoden
Die neue Abwassermethode habe da die Nase vorn – und Innerrhoden wolle dabei sein. Dazu komme, so Schmidli: «Selbst die erbittertsten ‘Coronaskeptiker’ können an einer Untersuchung des Abwassers wohl wenig Anstoss nehmen.»
Noch nicht flächendeckend
Die Kosten für die Pilotphase sind mit 3000 bis 5000 Franken bescheiden, wenn sich alle Hoffnungen des Kantons erfüllen. Das Bundesamt für Gesundheit unterstützt das Verfahren des Abwassermonitorings in der Schweiz zudem finanziell. Auch in Bern hält man das Ganze also für eine gute Idee. Konsequent in der ganzen Schweiz Reagenzgläser mit dem Ergebnis des Gangs zum stillen Örtchen füllen mag man aber im Moment noch nicht. Dass das Abwasser Tests ganz grundsätzlich ablöst, denken auch die Befürworter der Methode nicht. Nur in Appenzell Innerrhoden könnte es unfreiwillig faktisch darauf hinauslaufen.


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