Die Hoffnung auf bessere Storys

Die aktuellen Debatten um die Lex Netflix sind geprägt von monetären Interessen, Macht und Marktansprüchen. Dabei gerät das eigentliche Thema, das Geschichtenerzählen, in den Hintergrund.

image 5. Mai 2022, 18:00
Die Hoffnung auf gut erzählte Geschichten stirbt zuletzt. Bild: Keystone
Die Hoffnung auf gut erzählte Geschichten stirbt zuletzt. Bild: Keystone
Geschichten haben der Menschheit einen evolutionären Vorteil verschafft. Ohne das Weitergeben von Lebenserfahrung über Generationen hinweg hätte unsere Spezies ganz einfach nicht überlebt. Das Vermitteln von Prozessen, Wissen und Inhalten war nicht nur Teil einer Überlebensstrategie, sondern bildete Tradition und kulturelles Erbe.
Unsere evolutionbedingte Empathiefähigkeit ermöglicht uns erst, fiktive Geschichten zu erleben, zu reflektieren und das Leben und die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Alles das lässt in uns anklingen, was uns als Mensch und somit ein guter Film ausmacht: Emotionen, Angst, Zuversicht, Sehnsucht, Verzweiflung und Hoffnung.

Streaming-Plattformen sind die logische Weiterentwicklung

Seit den Wandbildern in Lascaux – über die Gebrüder Lumière bis hin zu Alfred Hitchcock, welcher mit dem Film «Das Fenster zum Hof» einen kritische Hommage auf das ach so verwerfliche Fernsehen realisierte – war das Geschichtenerzählen mittels bewegter Bildern immer einer stetigen Entwicklung unterworfen. So sind die heutigen Streaming-Plattformen die logische Weiterentwicklung.
Im Konglomerat von Bewegtbildern war der Kinofilm lange eine Königsdisziplin. Und wie in jedem Königreich gibt es auch in der Filmwelt Machtverhältnisse, die sowohl eine positive wie eine negative Entwicklung fördern. Dass die Schweizer Filmförderung überaus erfolgreiche Filmprojekte ermöglicht hat, steht ausser Frage. Und neben den oben angeführten soziologischen und psychologischen Punkten ist Kultur und Filmförderung auch immer als Standortpromotion und Wirtschaftsförderung zu verstehen.
Sofern die Streamingplattformen sich zu einer weitere Förderinstitution zusammen finden würden, eröffnet das neue Filmgesetz mit ihrer Vier-Prozent- Reinvestion in der Streaminganbieter nicht nur den Produzenten zusätzliche Töpfe, sondern stellt diesen die Aufgabe, sich nicht über administrative Fähigkeiten für Fördergelder bei Bund und Kanton zu legitimieren, sondern sich wieder vermehrt auf die Kernbotschaft des Film zu konzentrieren, nämlich Geschichten zu erzählen, die uns durch schwere und glückliche Zeiten tragen.

Originäres wirtschaftliches Interesse von Netflix & Co.

Denn im Gegensatz zur gesetzlich zu recht liberal gehaltenen Kultur- und Filmförderung von Bund und Kantonen haben Unternehmen wie Netflix, Amazon Prime oder Disney+ ein originäres wirtschaftliches Interesse, hochwertige Geschichten zu erzählen, welche ein breites zahlendes Publikum erreichen – und dies über die Schweizer Grenzen hinaus.
So wäre ein Ja zum Filmgesetz nicht nur ein Zeichen in Richtung der Streaming-Plattformbetreiber, sondern eine Aufforderung an die Schweizer Filmproduzenten, in der Entwicklung neuer Inhalte für den Zuschauer attraktiver zu denken und Geschichten zu entwickeln, welche das Publikum neben Kino und Fernsehen schon vor dem Filmstart online erreichen. Denn die zukünftigen Businessmodelle der Streaminganbieter werden eine kommerzielle 360°-Auswertung nach sich ziehen.

Konkurrenz belebt den Markt

Und diese Ausgangslage könnte bestenfalls auch Einfluss auf die zukünftigen neuen Förderregularien bei Bund und Kanton haben. Denn auch bei den Förderern gilt: Konkurrenz belebt den Markt. Vor dem Markt der Eitelkeiten sind auch die Förderinstitutionen nicht gefeit. Dass es sich bei dem Filmfördergestz nicht um eine Steuer handelt, zeigt die Anwendung der Vier-Prozent-Klausel bereits bei den Schweizer Fernsehsendern. Auch wenn dort noch zugunsten der Zuschauer und Produzenten der Verteilmechanismus zu optimieren wären.
Somit hätte der Schweizer Stimmbürger nicht nur Anrecht auf die Hoffnung nach einer dem zukünftigen Filmmarkt angepassten Gesetzgebung, sondern zugleich die Chance, langfristig bessere Geschichten erzählt und diese in qualitativ hochstehender Umsetzung zu Gesicht zu bekommen. Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt - und ist nicht Hoffnung einfach eine gute erzählte Geschichte…?

Ditti Bürgin-Brook, geboren 1965 in Chur, ist TV- und Filmproduzent. 1995 übernahm er das Tournee-Management von DJ Bobo. Seit 2015 unterrichtet er an der renommierten Filmuniversität Babelsberg. Bürgin-Brook produzierte unter anderem die Filme «Schellen-Ursli» und «Als Hitler das rosa Kaninchen stahl». Zudem ist er CEO der La Siala Entertainment GmbH.

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