Die Hassliebe der Tessiner zu den «Zücchin»

Die Hassliebe der Tessiner zu den «Zücchin»

Wollen sie nur unser Geld und können uns nicht ausstehen? Sehen sie in uns durchaus auch Landsleute, die aber in der Ballung etwas mühsam werden können? Die Tessiner sind ambivalent, was Deutschschweizer angeht. Und ganz offen: Man kann sie hin und wieder durchaus verstehen.

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von Stefan Millius am 20.7.2021, 06:30 Uhr
Die Piazza Grande in Locarno. (Bild: Pixabay)
Die Piazza Grande in Locarno. (Bild: Pixabay)
Der Kanton Tessin ist ein Coronagewinner. Zwischen Januar und Mai 2021 weist das Bundesamt für Statistik dort über 900’000 Logiernächte aus. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es rund 266’000. Eine Steigerung von – bitte festhalten – über 240 Prozent. Kein anderer Kanton in der Schweiz hat auch nur annähernd so profitiert vom Zusammenbruch des globalen Reisetourismus wie das Tessin. Das kleine Appenzell Ausserrhoden jubelt immerhin über einen Zuwachs von etwa 80 Prozent. Aber die Giganten des Binnentourismus wie Graubünden und das Wallis konnten nur um etwa 2 beziehungsweise knapp ein Prozent zulegen in den ersten Monaten des laufenden Jahres. Auf hohem Niveau, klar, aber der Trend spricht eindeutig Italienisch.

Angst und Werbung gleichzeitig

Was gut und schlecht zugleich ist, wenn man sich ennet dem Gotthard umhört. Im Frühjahr wurde ein kleiner Trommelwirbel der Panik geschlagen: Was, wenn «i Zücchin», wie man die Deutschschweizer im Tessin eher abschätzig als liebevoll nennt, den Süden des Landes über Ostern überrennen und das Coronavirus in Scharen mitbringen? Gleichzeitig taten die Tessiner Touristiker mit Kampagnen alles, um genau das zu schaffen (also, die Touristen zu holen, nicht das Virus). Hier die entsetzten Gesundheitspolitiker, dort die Leute, die zur Kenntnis nehmen, wie wichtig Logiernächste im Tessin sind: Beides ist irgendwie verständlich, nur dass es zueinander im Widerspruch steht.
Das ist eine Ambivalenz, die sich auch im Kleinen zeigt.
Wer beispielsweise durch Locarno streift, merkt schnell: Die vielen kleinen Läden in den putzigen Seitengassen mit ihren Dekoartikeln oder den luftigen Sommerkleidchen überleben kaum dank den einheimischen Konsumenten. Die kennen Amazon und Zalando nämlich auch. Das Gewerbe in den touristischen Ballungszentren ist auf Ferienbesucher ausgerichtet – punkto Sortiment und durchaus auch, was die Preise angeht. Würden sie wegbleiben, wäre das verheerend. Also müsste man sie lieben, die «Kürbisse» – davon leitet sich «zücchin» ab.

Das Schweizer «Malle»

Aber einfach gemacht wird es den Südschweizern damit nicht immer. Denn so manches Klischee wird von der Wirklichkeit übertroffen. Viele Deutschschweizer im Tessin sind so etwas wie Deutsche auf Mallorca: Sie halten das Dargebotene für eine riesige Kulisse, die nur für sie aufgebaut wurde und können sich gar nicht vorstellen, dass man dort nicht nur auf sie gewartet hat.
Am deutlichsten zeigt sich das bei der Sprachbarriere. Die existiert für viele «Zücchin» gar nicht erst. «Man spricht Deutsh» – kein Vertipper, sondern der Originaltitel des Films – wusste schon der Kabarettist Gerhard Polt in seiner brüllend komischen Persiflage auf seine Landsleute in den verdienten Ferien in Italien. Wer zahlt, befiehlt beziehungsweise: Spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.
Ob in der Pizzeria an der Piazza Grande, wo man das vielleicht noch halbwegs tun darf oder im peripheren Miniladen mit Nippes: Viele Touristen versuchen gar nicht erst, ein paar Schulbrocken Italienisch aus der Erinnerung zu kramen. In der grössten Selbstverständlichkeit wird auf Schweizerdeutsch begrüsst, auf Schweizerdeutsch bestellt oder auch ein Spezialwunsch auf Schweizerdeutsch formuliert. Zögert das Gegenüber, zeigen sich die «Zücchin» bass erstaunt. Nur weil da ein Massiv aus Stein dazwischen liegt, soll man plötzlich «Google Translate» zücken müssen? Aus so manchem Gesicht spricht die leicht beleidigte Überzeugung: «Wir sind in der Mehrheit, passt euch an!»
Und das mit der Mehrheit, welche die Deutschschweizer bilden, stimmt natürlich auf die ganze Schweiz bezogen – und saisonal sogar im Tessin.

Was gehört alles zum «Deal»?

Klar: Dass im Zug von Corona manche regionale Tessiner Politiker über die Invasion der Kürbisköpfe schimpften und es dabei schwer an volkswirtschaftlichem Sachverstand vermissen liessen, hat kaum zur Völkerverständigung beigetragen. Aber abseits dieser besonderen Lage gilt: Jeder gibt etwas, jeder nimmt etwas. Das Tessin bietet mediterranes Lebensgefühl bei meistens besserem Wetter, die Deutschschweizer bringen Geld. Es ist ein Deal. Die Frage ist nun, welche Seite welche Zusatzleistungen bringen muss.
Muss es ein Bistrobetreiber fern der typischen Touristenwege beispielsweise wirklich anstandslos verstehen, wenn der Vater einer vierköpfigen Familie im Brustton der Überzeugung sagt: «Mir nehmend diä Wurscht, wo ihr do im Tessin hend, kei Ahnig, wiä sie heisst, zämä mit de Polenta, aber nur, wenn sie vegan zuebereitet isch, und isch de Dessert bim Priis eigentlich debii? Und wo isch do de Wickeltisch?» Natürlich ging diesem Monolog ein saftig-freundliches «Grüezi» voraus, das bekanntlich überall auf der Welt Türen öffnet.

Ein bisschen Respekt würde schon reichen

Erschüttert zeigt sich ein Tessiner Wirt auch bei solchen leicht kolonialistischen Auswüchsen nicht. Er will ja etwas verkaufen. Deshalb sind Speisekarten in aller Regel auch auf Deutsch abgefasst, was es theoretisch sogar ermöglichen würde, allen Mut zusammenzunehmen und die Bestellung danach auf Italienisch durchzugeben – nur eine Zeile weiter oben steht alles im Original, und niemand wird sich über den mangelhaften Akzent beschweren.
Überhaupt, sich beschweren: Das würden sie nie tun, die Tessiner. Sie wissen, dass sie uns brauchen. Aber man wird den Eindruck nicht los, dass sie sich gelegentlich über einen kleinen Schuss Respekt freuen würden. Immerhin sprechen sie nicht Suaheli, sondern eine der vier Landessprachen. Fällt man wirklich tot um, wenn man «Grazie» sagt? Oder, wenn es für «Arrivederci» nicht reicht, beim Gehen immerhin ein leutseliges «Ciao» hören lässt?
Alles in allem kann man als regelmässiger Tessinbesucher unseren Freunden im Süden nur das grösste Lob aussprechen. Sie bleiben in solchen Momenten gelassen. Und so sehr sie ihre eigene Sprache lieben, so klar ist für sie, dass sie beim Besuch in umgekehrter Richtung keinen italienischen Wortschwall loslassen würden, wenn sie in einer Cordon-Bleu-Beiz in Schwamendingen sitzen. Wir könnten also von ihnen lernen – wir Kürbisse.

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Stefan MilliusHeute, 07:46comments

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