Die Gurke der Woche

Die Gurke der Woche

Die Gurke der Woche geht diese Woche an Kollegin Nina Fargahi von der Zeitung «Schweiz am Wochenende».

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von Sandro Frei am 2.4.2021, 09:30 Uhr
Quelle: Shutterstock
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Der diese Woche gekürte Artikel trägt den Titel «Fünf Männer prägen die Gleichstellungspolitik» und erschien in der Ausgabe vom 27.3.21.
Der Artikel behandelt ein Urteil des Bundesgerichts, das vor Kurzem für Furore sorgte. Die wegweisenden Urteilssprüche halten fest, dass eine geschiedene Frau grundsätzlich selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen hat. Dies sei ein wichtiger Schritt der Emanzipation, meinen die Richter. Nicht so Frau Fargahi, die gleich zu Beginn des Texts aufgreift, was sie stört: Die Urteile wurden von Männern getroffen. Von fünf älteren, weissen Männern. Skandal! Wie kann das nur sein? Die Autorin stellt gleich die alles in den Schatten stellende Frage: Wie legitim sind Urteilssprüche, die das Leben von Frauen betreffen, aber von Männern gefällt wurden?
Die Richter sind der Meinung, es könne einer Frau zugemutet werden, sich nach einer Scheidung eine Arbeitsstelle zu suchen. Frauen könnten für sich selbst sorgen. Im Umkehrschluss muss nicht mehr der Mann für den Unterhalt aufkommen. Neu kann also Frauen nach Scheidung einer Ehe, auch wenn diese länger als zehn Jahre Bestand hatte, oder ein Kind daraus entstand, zugemutet werden, eine Arbeitsstelle anzutreten. Neu auch, wenn die Frau die 45 Lebensjahre überschritten hat. Im liberalen Lager wurde dies als Fortschritt in der Familienpolitik gefeiert.
Dies scheint in Einklang mit dem Zeitgeist zu sein. Vieles wird individualisiert. So gesehen ist es unverständlich, wieso Frauen dann weiter als Anhängsel ihres Ehemanns gelten sollen. Dies sind Errungenschaften der feministischen Bewegungen, die ab Mitte des 20. Jahrhunderts aufkamen.
Hier ist plötzlich eine Grenze gezogen, männliche Richter können nicht für Frauen entscheiden. Frauen können sich nur von weiblichen Richtern vertreten lassen. Sind die aufgeklärten Frauen etwa nicht bereit, Urteile über Männer zu fällen? Dürfen im Umkehrschluss Männer auch Urteile kritisieren, die Frauen getroffen haben? Muss man für jedes Geschlecht eigene Richter ernennen?

In den USA Trumpismus — hier normal

Ähnliches wurde in den USA erlebt, als der Ex-Präsident Donald Trump sich über die vermeintliche Nationalität eines Richters echauffierte, der ein Urteil gegen seine Einwanderungspolitik fasste. Trump ging davon aus, dass der Richter aufgrund eines spanischen Nachnamens mexikanischer Herkunft sein müsse. Doch weit gefehlt. Der Richter war schon seit Generationen Amerikaner, sein Name ein Überbleibsel für seine ursprüngliche hispanische Herkunft, die aber keine Rolle in der Entscheidfindung gespielt haben dürfte. Bei Trump war die Episode eine Eskapade, die die Linken in ihrem Denken bestätigte. In der Schweiz ist es die Linke, die dasselbe abzieht.
Richter sollen für alle sprechen, dies ist einer der Grundpfeiler des Rechtsstaats. Gerade weil sie versuchen sollten, für eine gewisse Objektivität zu sorgen. Es ist normal, dass eine gewisse persönliche Färbung des Richters in die Entscheidfindung hineinfliessen wird, trotz allem ist es nicht legitim, Entscheidungen so scharf zu kritisieren, nur weil sie von Richtern eines anderen Geschlechts gefällt wurden.
Man stelle sich nur vor, was für Reaktionen gekommen wären, hätte die SVP gleich argumentiert, da es eigentlich eine Entscheidung gegen das traditionelle Familienbild ist, und die Gleichstellung der unterschiedlichen Lebensformen vorantreibt. Wieso soll ein Ehepaar anders behandelt werden als unverheiratete Personen? Wieso sollen Frauen anders beurteilt werden als Männer?
Entfaltet für mich als Mann ein Richterspruch weniger Gültigkeit, wenn er von einer Frau kommt, als wenn mich ein Mann verurteilt? Sollten Richter nicht in der Lage sein, über alle Verurteilten zu urteilen? Sind Gesetze anders gültig, wenn sie vom anderen Geschlecht geschrieben sind?
Für diese Episode überreichen wir gerne die Gurke der Woche. Bis zum nächsten Mal!
Unter der Rubrik «Die Gurke der Woche» küren wir die gewagteste Mediengeschichte der Woche. Schauen Sie vorbei, wenn wir jede Woche eine neue Geschichte ehren. Was stimmt, was ist übertrieben, was ist schlicht falsch? Der Nebelspalter spaltet den Nebel.


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