Die Gurke der Woche: Der «Blick» und seine 25’000 Tschernobyl-Toten

Die Gurke der Woche: Der «Blick» und seine 25’000 Tschernobyl-Toten

Zur Atomkatastrophe vor 35 Jahren kursieren immer wieder Horrorzahlen. Auch der Blick hat nun wieder eine publiziert.

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von Alex Reichmuth am 30.4.2021, 12:00 Uhr
Bild: Shutterstock
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Vor 35 Jahren ereignete sich in der Ukraine der schwerste Atomunfall der Geschichte. Nach Fehlmanipulationen der Belegschaft explodierte der Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyls. Die freigesetzte Radioaktivität konnte danach in weiten Teilen Europas nachgewiesen werden.
Zu den Auswirkungen der Katastrophe werden seither immer wieder Meldungen über horrende Opferzahlen verbreitet. Das Unglück soll Zehntausende, Hunderttausende oder sogar Millionen Tote zur Folge gehabt haben.
Der «Blick» hat diese Woche nun unter dem Titel «Alle Fakten zur Tschernobyl-Katastrophe» folgende Behauptung aufgestellt: «Amtlichen Schätzungen zufolge starben mehr als 25’000 Menschen, die nach der Katastrophe in der Region um Tschernobyl an Aufräum- und Rettungsarbeiten beteiligt waren.»
Die Aussage ist mehrfach falsch. Unter den Aufräumern und Rettern, die nach dem Unglück zum Einsatz kamen, gab es nur einige Dutzend Todesfälle. Und es existieren keine «amtlichen Schätzungen», die auf eine Opferzahl von 25’000 gekommen wären. Deshalb geht die Gurke der Woche dieses Mal an den «Blick».

28 Einsatzkräfte gestorben

Richtig ist, dass an den Akutfolgen der Strahlung 28 Einsatzkräfte gestorben sind. Bei den stark Bestrahlten unter dem Hilfspersonal muss zudem von einigen weiteren Todesfällen infolge Krebs ausgegangen werden.
Die Strahlung hat zudem dazu geführt, dass in der Umgebung etwa 6000 Personen zusätzlich an Schilddrüsenkrebs erkrankten. Es handelte sich vor allem um Kinder. Schilddrüsenkrebs ist allerdings gut heilbar, sodass «nur» 15 der Krebskranken starben.
Das Tschernobyl-Forum, ein breit abgestütztes Wissenschaftsgremium der UNO zur Untersuchung der Folgen der Atomkatastrophe unter Führung der Internationalen Atomenergiebehörde und der Weltgesundheitsorganisation, kam 2005 zum Schluss, dass es insgesamt «weniger als 50 Tote» gab, die direkt in Verbindung mit dem Unglück standen.
Was allfällige Spätfolgen der Strahlung angeht, hängt es sehr davon ab, welche Annahmen man trifft. Bei der Wirkung von Radioaktivität gehen heute die meisten Behörden davon aus, dass auch geringe Dosen schädlich wirken und es einen linearen Zusammenhang zwischen Strahlung und Todesfällen gibt. Nachgewiesen ist ein solcher Effekt allerdings nicht.

Maximal 9000 Langzeitopfer

Das Tschernobyl-Forum schätzte aufgrund der Annahme, dass auch tiefe Strahlungsdosen schädlich sind, die Zahl der potentiellen Langzeitopfer der Katastrophe unter den Liquidatoren, den Evakuierten und den Bewohnern der Kontrollzone auf 3960. Dazu kommen weitere 4970 Menschen, die in den übrigen kontaminierten Gebieten (namentlich in der Ukraine, in Russland und in Weissrussland) an den Spätfolgen des Unglücks sterben könnten. Diese letzte Zahl bezeichnete die WHO-Gruppe «Health», die zum Tschernobyl-Forum gehörte, jedoch als «ausserordentlich unsicher».
Wären auch tiefe Radioaktivitäts-Dosen schädlich, wie das weitherum angenommen wird, hätte das zur Folge, dass es auch in Gebieten mit erhöhter natürlicher Strahlung regelmässig zu Todesfällen kommen müsste. Das wäre zum Beispiel in den Alpen der Fall, wo das Gestein leicht uranhaltig ist. Ein solch tödlicher Effekt wurde bis heute aber noch nie beobachtet.
Insgesamt hat die Katastrophe von Tschernobyl also maximal 50 direkte Tote und - wenn man von den schlimmsten Annahmen ausgeht - rund 9000 Langzeitopfer gefordert. Seither, also seit über einem Drittel Jahrhundert, hat sich kein weiteres Atomunglück mit Todesfolge ereignet. Auch die Atomhavarie von Fukushima vor zehn Jahren hatte nachweislich keine Todesopfer zur Folge. Die Kernkraft zählt damit zu den Formen der Stromerzeugung, die am wenigsten Tote pro Energiemenge zur Folge hat.
Mitarbeit: Walter Rüegg

Unter der Rubrik «Die Gurke der Woche» küren wir die gewagteste Mediengeschichte der Woche. Schauen Sie vorbei, wenn wir jede Woche eine neue Geschichte ehren. Was stimmt, was ist übertrieben, was ist schlicht falsch? Der Nebelspalter spaltet den Nebel.


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