Die Gurke der Woche

Die Gurke der Woche

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von Sandro Frei am 19.3.2021
Quelle: Shutterstock
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Die vermeintliche Impfstofffabrikationslinie des Bundes

Es war der mediale Bumerang der Woche. Kollegin Isabel Strassheim behauptete am 10. März in den Blättern der Tamedia-Gruppe, der Bund habe von Lonza eine eigene Imfstoffproduktion angeboten bekommen und diese abgelehnt. Der Text bekommt unsere «Gurke der Woche», weil er nicht stimmt und als Beispiel dient, was bei der Konkurrenz nicht funktioniert.
Im Text wird suggeriert, dass der Bund ein Angebot hatte, um in Visp bei Lonza eine eigene Fertigungsstrasse für die Produktion eines Impfstoffs aufzubauen und Impfstoff exklusiv für die Schweiz zu produzieren. Weiter wird dann erklärt, der Bund habe unverständlicherweise dieses Angebot nicht wahrgenommen, täte er es, wären wir schon viel weiter in der Bekämpfung der Pandemie. Nur schon der Titel gibt die Stossrichtung des Artikels vor, der nachfolgend zu einer Anklageschrift verkommen sollte.
Von Lonza oder dem Patente-Inhaber Moderna wurde die gesamte Geschichte nicht bestätigt, respektive sie äusserten sich nicht zu den erhobenen Vorwürfen.
Das war gefundenes Fressen für die Redaktorin des Tagesanzeigers. Der Staat hat keine Impfproduktion aufgebaut, wie kann er nur? Es ist für die Redaktion scheinbar selbstverständlich, dass der Staat eine eigene Impfproduktion besitzen sollte. Ausgerechnet der Bund, der nicht gerade wenige Fehler gemacht hat. Trotzdem soll das gleiche Organ nun eine Impfproduktion aufbauen, mitten in der Krise. Scheinbar soll der Staat besser dazu in der Lage sein als die Privatwirtschaft.
Hierzu muss man wissen, Lonza stellt im Wallis Teile des Covid-Vakzins von Moderna her. Patentinhaber ist aber Moderna und die Produktion basiert auf internationalen Lieferketten, wie es heutzutage üblich ist. Lonza produziert nicht abschliessend den Impfstoff und ist auch «nur» einer von vielen externen Produzenten. Das heisst: Selbst wenn der Bund so eine Produktionslinie hätte, spritzen könnte man das, was da rauskommt dennoch nicht. Eine staatliche Impfproduktion mit unbrauchbarem Output notabene.
Der Artikel löste dann bei der FDP die letzten liberalen Beisshemmungen. Populistisch angestiftet galt es, Präsenz zu markieren. So verfasste die Partei kurz nach Veröffentlichung des Artikels eine Medienmitteilung, in welcher der scharfe Ton sofort bemerkbar wird. Von einem «Impf-Gate» ist nun plötzlich die Rede. Von dringendem Klärungsbedarf, gar dem Einsetzen einer PUK (Parlamentarischen Untersuchungskommission). Endlich gab es ein Thema, das man schnell aufgegriffen hat und sich nicht hat wegschnappen lassen.
Doch am 17. März, also eine ganze Woche später, folgte ein Dementi von Tamedia. Die Geschichte habe nicht so stattgefunden, wie im Text dargestellt. Ein kaum erkennbares Korrigendum wurde abgedruckt, von einer Entschuldigung oder dem Eingestehen von Fehlverhalten jedoch keine Spur. «Aufgrund von neuen Recherchen» hätte sich gezeigt, dass die Geschichte sich nicht zugetragen hat, wie zuerst erläutert.
Sofort wurde FDP-Fraktionspräsident Walti gefragt, was er denn nun davon halte, dass sich die Geschichte als falsch herausgestellt hat. Man habe nicht wissen können, dass diese Information so nicht stimmt, war die lapidare Antwort des Zürcher Nationalrats.
Liebe Tamedia, offensichtlich war der ideologische Wunsch nach einer staatlichen Impfproduktion bei der Autorin stärker als ihre journalistische Pflicht, der Sache auf den Grund zu gehen. Checkt doch das nächste Mal, ob Informationen tatsächlich stimmen. Fehler passieren, sie sind menschlich. Wenn euch einer unterläuft, sagt doch einfach sorry.
Unter der Rubrik «Die Gurke der Woche» küren wir die gewagteste Mediengeschichte der Woche. Schauen Sie vorbei, wenn wir jede Woche eine neue Geschichte ehren. Was stimmt, was ist übertrieben, was ist schlicht falsch? Der Nebelspalter spaltet den Nebel.

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