Die grosse KV-Reform: So sieht der Unterricht der Zukunft aus – Teil 3

Die grosse KV-Reform: So sieht der Unterricht der Zukunft aus – Teil 3

Was ändert sich in Zukunft für die KV-Lehrlinge? Einiges. Peter Kaeser, Direktor am KV Bern und Befürworter der Reform, will für Klarheit sorgen.

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von Sebastian Briellmann am 7.6.2021, 07:41 Uhr
KV-Schüler werden mit grossen Veränderungen konfrontiert werden. Foto: Shutterstock
KV-Schüler werden mit grossen Veränderungen konfrontiert werden. Foto: Shutterstock
Peter Kaeser muss seine Ausführungen immer wieder kurz unterbrechen, in seinen Ordnern auf dem Computer das richtige Dokument, die passende Präsentation suchen. Er kann natürlich nichts dafür, dass Gespräche momentan häufig online stattfinden, dass er die Fragen, die ihm gestellt werden, noch nicht kennt, dass er also gar noch nicht wissen kann, welches Material er braucht – aber die Sucherei hat etwas Bezeichnendes: Es wird einem bewusst, wie umfangreich die KV-Reform «Kaufleute 2022» daherkommt. Konzepte und Leitfäden, Grafiken und Tabellen. Wer blickt da noch durch?
Kaeser will für Klarheit zu sorgen. Er ist Direktor der Wirtschafts- und Kaderschule KV Bern (WKS), ein Bildungsprofi, wie man das heute nennt, stark involviert bei der Umsetzung der Reform. Er soll erklären, wie das KV in Zukunft aussehen, wie der Unterricht gestaltet werden soll. Das ist gar nicht so einfach – aber Kaeser nimmt sich viel Zeit für seine Ausführungen.

Die grosse KV-Reform

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Konkret wollen wir uns dem klassischen Grundlagenfach Finanz- und Rechnungswesen widmen. Dieses wird heute unter dem Dach «Wirtschaft und Gesellschaft» unterrichtet. In Zukunft wird es in die fünf Handlungskompetenzbereiche (die die Schulfächer ersetzen) eingegliedert. Überall ein bisschen – und nirgends richtig? Kaeser sagt: «Das ist ein Vorurteil. Vielen ist nicht klar, dass die Grundlagen weiterhin wie bisher unterrichtet werden – bei der Vertiefung gibt es dann Unterschiede. Und das ist gut so. Für das Finanz- und Rechnungswesen ändert sich nur der Dachname.»

Der Umfang

Was Kaeser hier anspricht, soll folgendermassen aussehen: Bisher hatten Lehrlinge in ihren drei KV-Jahren insgesamt 133 Lektionen Finanz- und Rechnungswesen. Neu sollen es in den ersten zwei Jahren je 50 Lektionen sein. Je nach Ausbildung und Interesse, kann ein Lehrling im dritten Jahr optional eine Vertiefung belegen – was weitere 120 Lektionen bedeuten. Kaeser sagt: «Sehen Sie: Die ersten beiden Jahre wird für die Grundlagen aufgewendet, ganz klassisch. Danach geht es ums Vertiefen dieses Wissens, was für einige Sinn macht, für andere eben nicht. Das ist ein grosser Vorteil und wird von den Betrieben gewünscht. Wer sich spezialisieren will, hat am Ende also mehr Lektionen als vorher.»

Der Inhalt

Die KV-Reform orientiert sich auf Vorgabe des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) am System der Output-Optimierung. Kaeser sagt: «Das Finanz- und Rechnungswesen zeigt gut auf, dass auch in Zukunft klares Grundlagenwissen gefragt ist. Man muss konkret rechnen und buchen – und es wird auch überprüft, ob dies beherrscht wird.» Klar ist aber auch, dass der Umfang der klassischen Buchungssatz-Aufgaben weniger werden wird.
Ob das sinnvoll ist? Kaeser sagt: «Über die vom SBFI explizit vorgegebene Handlungskompetenzorientierung kenne ich keine Grundlagenforschung. Sicher ist, dass Berufe die bereits seit zehn Jahren so unterrichten, gute Berufsleute ausbilden, die danach optimale Anschlussmöglichkeiten finden.»

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Schöne neue Welt? Handlungskompetenzenbereiche statt Schulfächer.

Ein Beispiel: Auf der Tabelle (vgl. oben) sieht man die Handlungskompetenz «c5»: Finanzielle Vorgänge betreuen und kontrollieren. Kaeser versteht, dass das einem «schwammig formuliert» vorkomme. Er weist auf die detaillierten Leistungsziele hin. Aber auch hier wird nicht wirklich ersichtlich, was die Schüler nun genau können müssen.

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Schwammig: Optimierungsmassnahmen statt Buchungssätze. Wer blickt da noch durch?

Klar ist hingegen: Für die neue Unterrichtsform braucht es neue Schulbücher. Dass die alten, die über Jahre an den KVs für wenig Kritik gesorgt haben, nun nicht mehr zu gebrauchen sind: Das ist schwer verständlich.

Der Unterricht

Auf den ersten Blick ist nicht klar, wie die Reform in der Praxis umgesetzt werden soll. Im sogenannten Themencluster «Wirtschaft und Gesellschaft» gibt es aktuell eine Struktur: Der Lehrer kommuniziert, wann Finanzwesen, wann Rechnungswesen oder wann Staatskunde auf dem Stundenplan steht. Nehmen wir hier wieder das Beispiel Rechnungswesen: Bis anhin hat ein Lehrer wöchentlich drei Lektionen zur Verfügung. Er baut das Wissen kontinuierlich auf und immer wieder gibt es Prüfungen für die Erfahrungsnote. In Zukunft dürfte es verwirrlicher sein. Von den drei Lektionen könnten dann zum Beispiel eine für die Basics verwendet werden und die restlichen zwei für einen sogenannten Transferunterricht. In diesem soll das vernetzte Wissen gefördert werden. Welche Inhalte diese genau umfassen sollen: schwammig.

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Transferaufteäge: Aus verschiedenen «Lernfeldern» müssen Schüler Wissen anwenden.

«So kompliziert ist das nicht», widerspricht Kaeser und sagt: «Es wird auch künftig klar getrennt Grundlagenwissen in Wirtschaft, Technik und Sprachen unterrichtet und aufgebaut. Im letzten Semester wird der Fokus auf die Vernetzung gelegt, aber auch weiterhin Grundlagenwissen erarbeitet.»
Der Einwand, dass dieses praxisnahe Wissen ja im Betrieb – von dem jeder Lehrling ebenfalls Lernziele erhält – vermittelt wird, verfängt bei Kaeser nicht: «Es ist wichtig, dass die Lehrlinge künftig Wissen aus allen Bereichen abrufen können.

Die Lehrer

Kaeser will gleich festhalten: «Es ist natürlich unerlässlich, dass das Grundlagenwissen weiterhin an erster Stelle steht. Dem muss Sorge getragen werden. Wird das nicht umgesetzt, kommt es tatsächlich nicht gut.» Selbst wenn dies gelingt, stellt sich die Frage, wie ein Wirtschaftslehrer künftig diese Transferaufträge begleiten will – wenn es zum Beispiel um technische oder sprachliche Handlungskompetenzen gehen soll. Da dürfte doch ironischerweise gerade die Kompetenz fehlen.
Kaeser sagt: «Das müssen wir gut koordinieren. Wenn wir unser Beispiel nehmen, soll sich der Schüler auf Rechnungswesen fokussieren und das Fachwissen wird immer von der jeweiligen Lehrperson begleitet.»
Die Gefahr, dass unter der goldenen Regel des selbstorganisierten Lernens (SOL)» – in Schülerkreisen als «Schüler ohne Lehrer» verspottet – und den vielen gruppenbezogenen Transferaufträgen in den Schulhäusern Sodom und Gomorrha herrschen wird: Das hält Kaeser für eine komplett falsche Vorstellung. Auf die Lehrer sieht er aber durchaus eine Umstellung zukommen, die mehr «mentaler Art» sein dürfte. «Es ist die Haltung, die ändert – nicht der Inhalt.»

Die Prüfungen

Wie bis anhin werden in den ersten fünf Semestern für die Erfahrungsnoten die Lernziele abgefragt. Das wird im Finanz- und Rechnungswesen – wie bereits heute – auch in Zukunft sehr klassisch ablaufen. Das Vorgehen bestimmen die Schulen. «Einige Schulen und Lehrpersonen koordinieren sich da, andere gar nicht. Diese Freiheit ist sehr wichtig und gut», sagt Kaeser.
Im letzten Semester wird dann nach Handlungskompetenzen geprüft. Die Erstellung der Erfahrungsnoten im letzten Semester ist stark abhängig von der Art und Weise des Qualifikationsverfahrens (QV). Es kann also nicht pauschal gesagt werden, wie diese Prüfungen ausschauen werden.
Kaeser sagt: «Je nach Art kann dies gut von den Lehrpersonen direkt erstellt oder in Lehrpersonenteams angegangen werden.» Ein Beispiel: Für die Prüfung dient ein Projekt als roter Faden. In einer Aufgabe wird die finanzielle Seite abgefragt, in der nächsten Aufgabe eine Aufgabenplanung vorgenommen. Und im Anschluss muss ein Abschlussbericht auf Englisch oder Französisch verfasst werden.
Für die Lehrabschlussprüfungen wird dieses «interdisziplinäre Vorgehen» besonders wichtig werden.

Die Notenausweise

Ebenfalls eine gravierende Änderung gibt es bei den Notenausweisen. Das allerdings hat nichts mit der KV-Reform zu tun, sondern ist eine Vorgabe des SBFI. Die Fächer werden nicht mehr einzeln ausgewiesen. Künftig werden nur noch Erfahrungsnoten und die drei Qualifikationsbereiche Praktische Arbeit (dies ist das betriebliche QV), Berufskenntnisse und Allgemeinbildung (dies ist das schulische QV) sowie der Durchschnitt aller Erfahrungsnoten aller drei Lernorte ausgewiesen.

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Die Fächer verschwinden: So sieht in Zukunft ein Zeugnis aus.

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