Die Gletscher schmolzen früher viel stärker ab – Klimageschichte Teil 3

Die Gletscher schmolzen früher viel stärker ab – Klimageschichte Teil 3

Das Schweizer Volk soll mit seiner Klimapolitik die Gletscher retten. Dabei fürchtete es sich noch in den letzten Jahrhunderten vor dem bedrohlichen Eis.

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von Markus Schär am 2.10.2021, 07:00 Uhr
Vorstösse und Rückzüge – Aletschgletscher. Bild: Keystone
Vorstösse und Rückzüge – Aletschgletscher. Bild: Keystone
Klimageschichte Teil 1
«Das Schwinden unserer Gletscher ist ein Weckruf!» So schlagen die Klimaaktivisten Alarm. Mit ihrer «Gletscher-Initiative», über die das Volk wohl nächstes Jahr abstimmt, fordern sie, dass die Schweiz die Ziele des Pariser Abkommens in die Bundesverfassung schreibt, also die Welt vor dem Klimawandel rettet. Damit, wie SP-Nationalrätin Nadine Masshardt als Mitinitiantin hofft, «meine Kinder und hoffentlich Grosskinder dereinst noch Gletscher bewundern können».
Da mögen die Kritiker lästern, wie sie wollen: Dass die Entscheide des Schweizer Volkes nicht das Geringste am Abschmelzen der Gletscher und am Untergehen der Welt ändern, falls dies tatsächlich droht. Und dass es bei der «Gletscher-Initiative» ausser dem Titel gar nicht um die Gletscher geht. Denn diese gelten als «Symbole der Schweiz», wie die grüne Ständerätin Lisa Mazzone schwärmt. Und den Rückzug der Gletscher in den letzten Jahrzehnten sehen alle Besorgten als unwiderlegbaren Beweis, dass sich das Klima erwärmt (was kaum jemand bestreitet).

Aus dem Gletscher taucht eine Leiche auf

Ein Weckruf, «der auf die alarmierende Dynamik des anthropogenen Klimawandels hinweist», schrillt denn auch aus dem neuen Buch von Christian Pfister und Heinz Wanner. Die beiden Berner Professoren im Ruhestand stellen darin eigentlich das Verhältnis von Klima und Gesellschaft in Europa in den letzten tausend Jahren dar. Aber sie fangen ihr Buch mit einem Mord vor 5250 Jahren an: Auf dem Tisenjochpass vom italienischen Vinschgau ins österreichische Ötztal starb ein älterer Mann an einem Pfeilschuss in die Schulter. Schneestürme und Gletschereis begruben seine Leiche; erst 1991 entdeckten Wanderer die Mumie, und der Mann aus dem Eis geniesst seither Weltruf – Ötzi.

Der emeritierte Geologie-Professor Christian Schlüchter traut sich seit zwanzig Jahren, den erzwungenen Konsens zu hinterfragen.


Sein Auftauchen beweist für die beiden Professoren, «dass die Grösse der Alpengletscher unter die Minima der vorangegangenen 5000 Jahre gefallen war», weil vom späten 20. Jahrhundert an das Gletschereis aufgrund der globalen Erwärmung «in einem noch nie dagewesenen Tempo» schmolz. Diese Erkenntnis, getreu der orthodoxen Berner Lehre, verträgt sich allerdings nicht mit früheren Veröffentlichungen von Heinz Wanner und Christian Pfister. Und vor allem widerspricht sie den Befunden eines anderen Berner Kollegen: Christian Schlüchter.

Wo heute Eis liegt, wuchs einst Wald

Der emeritierte Geologie-Professor traut sich seit zwanzig Jahren, den erzwungenen Konsens zu hinterfragen, dass die Gletscher seit dem 20. Jahrhundert so schnell und so stark abschmelzen wie nie zuvor. Denn er untersuchte mit seinen Studierenden einerseits die Moränenwälle, die die Gletscher bei ihren Rückzügen hinterlassen hatten, und anderseits die Baumstämme und Torfstücke, die aus dem Eis herausgespült worden waren. Diese Relikte deuten darauf hin, dass in Höhen, die heute noch unter Gletschern liegen, in früheren Zeiten Pflanzen, ja sogar Jahrhunderte alte Bäume wuchsen.



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Wo am Sustenpass heute noch Eis liegt, wuchsen gemäss dem Gletscherforscher Christian Schlüchter zur Römerzeit jahrhundertelang Bäume.
«Alpen ohne Gletscher?», fragte Christian Schlüchter 2004 in der Zeitschrift des SAC (siehe hier). Er stellte fest, dass sich das Eis während der Hälfte der letzten 10’000 Jahre weniger stark ausdehnte als heute. Und er zeigte am Beispiel der Landschaft am Sustenpass zur Römerzeit, dass die Alpen in diesen Phasen «ein völlig anderes Bild» boten, mit Wald und Wiesen, wo jetzt noch Eis liegt. Die Berner Kollegen, auf die Dogmen des IPCC eingeschworen, bedrängten ihn, er solle den Unsinn vergessen (siehe hier).

Das Eis schmolz auch ohne CO2

Dabei lässt sich auch in ihren eigenen Arbeiten vieles finden, was nicht in die Orthodoxie passt. Klimapapst Thomas Stocker spannte für eine Studie zu den Schweizer Gletschern im Holozän sogar mit Christian Schlüchter zusammen (siehe hier). Die Forscher kamen 2006 zum Schluss: «Der Trend über die Jahrtausende, den unsere Daten zeigen, dürfte von Schwankungen der Sonneneinstrahlung im Sommer bestimmt, also durch die Astronomie verursacht sein.» Dabei klammerte sich Thomas Stocker wohl an das Argument, das Heinz Wanner in Gesprächen zu seinem neuen Buch bringt: «Ich habe immer betont, dass wir heute eigentlich in einem kühlen Klima sitzen sollten, weil die Sonneneinstrahlung auf der Nordhemisphäre im Sommer stark zurückgegangen ist.»

Christian Pfister wies nach, dass die Grindelwaldgletscher auf der ältesten Karte des Berner Staatsgebiets von 1577/78 gar nicht erscheinen.


Allerdings zeigen Studien, dass es trotz dem leichten Abkühlungstrend im letzten Jahrtausend mehrere Phasen gab, in denen die Gletscher schnell abschmolzen – ganz ohne menschengemachtes CO2. So wies Christian Pfister nach, dass die Grindelwaldgletscher auf der ältesten Karte des Berner Staatsgebiets von 1577/78 gar nicht erscheinen: «Der rasche Gletscherschwund zwischen 1550 und 1565/70 lässt sich klimageschichtlich mit überwiegend warmen und trockenen Frühjahrs- und Sommerperioden erklären, die mit jenen der 1860er Jahre vergleichbar sind, als der Untere Gletscher in einem einzigen Jahrzehnt um etwa 600m und der Obere um etwa 300m zurückschmolz.» (siehe hier)

Gegen den Gletscher beten

Nach dieser warmen Phase – mit dem gemäss Christian Pfister schlimmsten Hitzejahr aller Zeiten 1540 (siehe hier) – wuchsen die Gletscher aber schnell; darin stimmen alle Forscher überein. Der Untere Grindelwaldgletscher rückte zwischen 1580 und 1600 fast einen Kilometer vor, also gegen fünfzig Meter im Jahr. Er drückte die zum Schutz vor dem Eis gebaute Petronella-Kapelle nieder und räumte mehrere Wohnhäuser und Scheunen weg. Und ebenso rasch und gewaltig dehnte sich der Grosse Aletschgletscher aus. Seit 1678 durften die Fiescher deshalb mit dem Segen des Papstes gegen das bedrohliche Eis beten.

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Grafik 1: Der Grosse Aletschgletscher gilt als der bestuntersuchte Gletscher der Welt. In den letzten Jahrtausenden zog er sich mehrmals schnell zurück und stiess wieder stark vor.

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Die Prozessionen wirkten Wunder; ab 1678 schrumpfte der Gletscher innert fünfzig Jahren wieder um mehr als einen Kilometer, wie Hanspeter Holzhauser nachwies. Der Zürcher Geograph – mit dem die Berner gerne zusammenarbeiteten, solange er ihrer Theorie nicht widersprach – machte den Grossen Aletschgletscher in den letzten vierzig Jahren zum bestuntersuchten Gletscher der Welt (siehe hier). Seine Grafik zu dessen starken Schwankungen zeigen Christian Pfister und Heinz Wanner noch in ihrem Buch – also auch, dass der Gletscher bis 1859/60 nochmals zu seinem gefährlichen Höchststand vordrang.

Welchen Einfluss hat die Sonne?

Deshalb müssten auch sie sich die Fragen von Christian Schlüchter stellen: «Weshalb beginnen die Alpengletscher um 1850 gehörig zurückzuschmelzen, bevor der Mensch industriell richtig in Fahrt kommt?» Und: Weshalb stiessen sie ab 1979/80 «ohne Ankündigung und Prognose» wieder vor, obwohl damals gemäss IPCC wegen des menschengemachten CO2 die schnellste je dagewesene Klimaerwärmung einsetzte?
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Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts rückte der Grosse Aletschgletscher auf seinen Höchststand vor. Er zerstörte dabei Siedlungen und Wälder.
Könnten die Schwankungen der Gletscher mit der Sonneneinstrahlung zusammenhängen, wie auch Thomas Stocker vor zwanzig Jahren noch einräumte? Und dies nicht nur über Jahrtausende, sondern über Jahrzehnte? «Schnee und Eis schmolzen in den 1940er-Jahren stärker als heute, obwohl die Temperaturen derzeit viel höher liegen», stellte 2009 eine Studie der ETH fest (siehe hier). Und woran das lag, sagte schon der Titel: an der «stärkeren Sonneneinstrahlung».

Für den Gletscher beten

«Die Sonnenaktivität der letzten 70 Jahre war aussergewöhnlich stark, eine Periode mit ähnlich starker Aktivität gab es nur vor mehr als 8000 Jahren», fand 2004 eine Studie in der führenden Fachzeitschrift «Nature», an der auch der Schweizer Spezialist Jürg Beer mitwirkte (siehe hier). Aber die Erkenntnis, dass sich die Schwankungen der Sonnenaktivität mit jenen der Globaltemperatur decken, passte nicht zur Theorie – der IPCC will nichts mehr davon wissen.
Statt dem Forschen nach Antworten auf offene Fragen, was Wissenschaftler gemeinhin tun, ist Glauben gefragt. Die Fiescher beten seit 2012 mit dem Segen des Papstes nicht mehr gegen das Wachsen des Grossen Aletschgletschers, sondern gegen sein Schwinden. Und die Schweizer retten mit der «Gletscher-Initiative» die Welt.
Weitere Informationen:
Christian Schlüchter: Holz statt Eis / Anmerkungen zur heutigen Klimadiskussion. In: Jubiläumsschrift der Schweizerischen Stiftung für alpine Forschung, Zürich 2014.
Christian Pfister, Heinz Wanner: Klima und Gesellschaft in Europa. Die letzten tausend Jahre. Bern 2021, 424 Seiten, Fr. 39.20.
Artikel über Holzfunde beim Morteratschgletscher: siehe hier

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