Die Furcht vor dem eigenen Volk

Die Furcht vor dem eigenen Volk

image
von Nicole Ruggle am 26.3.2021, 16:01 Uhr
Bild: Shutterstock
Bild: Shutterstock
  • Politik
  • Corona
  • Kommentare
  • Gesellschaft

Die Beschneidung von demokratischen Grundrechten drängt den Bürger in die Illegalität. Ein solches Vorgehen ist einer Demokratie unwürdig.

Henry David Thoreau, Mahatma Gandhi, John Rawls und Hannah Arendt hatten etwas gemeinsam: Sie übten sich in der Theorie des friedlichen, aber legitimen Gesetzesbruchs ebenso wie Howard Zinn und Herbert Marcuse.
Die Konklusion war, mit einigen ideologischen Abweichungen, oft dieselbe: Der Ungehorsam gegenüber dem Gesetz kann in bestimmten Situationen zulässig sein, wenn die ausführende Gewalt irrt und Gesetze und Verordnungen erlässt, die andernfalls irreparable Kollateralschäden an der Gesellschaft zu verantworten hätten.
Auch unsere Eidgenossenschaft baut auf einer Art vorsintflutlicher Legende des zivilen Ungehorsams auf; Schillers Tell-Legende. Tell, der kämpferische Widerständler gegen die habsburgische Unterdrückung ging als Schweizer Volksheld in die Nationalgeschichte ein. Er weigerte sich, dem «Gesslerhut» zu salutieren - und wurde prompt verhaftet.
Heute dient der Gesslerhut als Sinnbild jedweder Einrichtung, deren Zweck die erzwungene Unterwerfung unter die jeweilige politische Gewalt ist, sofern diese nicht durch Freiwilligkeit erreicht werden kann. Die Männer aus Uri, Schwyz und Unterwalden wehrten sich laut Legende gegen diese unsägliche Gängelei.
Heute getrauen sich die gleichen Urkantone, die sich im Laufe der Zeit einen Namen als unbeugsame Verfechter eigenständiger föderaler Autonomie und eines unbestreitbaren Freiheitsgedankens verdient hatten, nicht einmal mehr, ihre Restaurant-Terrassen zu öffnen.
Doch es sind nicht nur die Kantone, die einknicken. Das Schweizer Volk hat sich kein besseres Zeugnis verdient.
An jeder Ecke vernimmt man Getuschel und Geflüster. Man sei unzufrieden mit den Entscheidungen des Bundesrats, die Verordnungen seien willkürlich und man sehne das normale Leben herbei.
Allerdings nur hinter vorgehaltener Hand und verschlossenen Türen. Das einst wehrhafte Schweizervolk braucht keine fremden Vögte mehr; es knickt bereits vor den eigenen ein.
Da einem seit Monaten an jeder Ecke die nervenaufreibenden schwarz-roten «Maske auf!», «Hände waschen!», «Abstand halten!»- BAG-Plakate "Gehorsam" entgegenbrüllen, insofern nachvollziehbar.
Und wohlgemerkt: Diese Order stammen von einer Behörde, die sich nachweislich mehrmals selbst widersprach; «Die Bevölkerung könne sich mit Masken nicht wirksam schützen», bis hin zum praktisch allumfänglichen Maskenzwang und dem Befehl, die eigenen Kinder vom Singen unterm Weihnachtsbaum abzuhalten.
Dass das BAG wiederholt falsche Zahlen publizierte und dadurch zahlreiche Fehlschliessungen und Schäden mitzuverantworten hat, nach ein paar lauwarmen Ausreden dennoch keine Konsequenzen gezogen wurden, setzt dem Ganzen lediglich noch die Krone, pardon – den Hut auf.
Das Gleiche mit der Positivitätsrate; erst ein unbestreitbarer Indikator - neuerdings doch nicht aussagekräftig.
Um dem Ganzen die endgültige Narrenkappe aufzusetzen, wurde als Gipfel der Volksgängelung die anstehende Demo im Ur-Kanton Uri untersagt.
Aus rein politischem Kalkül macht diese Order Sinn – die Demonstranten werden entweder gezwungen, ihr demokratisches Recht auf freie Meinungsäusserung und Versammlungsfreiheit unter dem schalen Nachgeschmack von Gesetzesbrechern wahrzunehmen, oder still zu halten und die Entscheidungen einer Exekutive, die die Gewaltenteilung schon viel zu lange unter sich begraben hat, schweigend hinzunehmen.
Die Furcht vor dem eigenen Volk muss demnach gross sein.


Quellennachweise
https://www.swissinfo.ch/ger/maskenpflicht--hin-und-her-des-bundesrates-praegt-noch-heute-die-haltung-vieler-schweizer/45986796
https://www.swissinfo.ch/ger/singen-verboten--gab-es-das-schon-mal--/46230270
https://www.medinside.ch/de/post/die-falschen-zahlen-des-bag


Ähnliche Themen
image

Wir Weltverbesserer, ihr Hinterwäldler. Die Hybris der Städter gegenüber der Landbevölkerung nimmt groteske Züge an

image
Sebastian Briellmann, Heute, 04:00
comments8