Die Freude, Dinge nicht zu brauchen

Die Freude, Dinge nicht zu brauchen

Der Philosoph Sokrates ging jeden Tag mit seinen Schülern auf den Markt. Doch er kaufte nie etwas. Das ärgerte die Händler: Eines Tages fragten sie ihn: «Warum kommst du täglich, aber kaufst nie etwas?» Da antwortete Sokrates: «Ich freue mich, dass es so viele Dinge gibt, die ich nicht brauche.»

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von Mathias Binswanger am 7.9.2021, 10:00 Uhr
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Diese kurze Episode aus dem Leben des Sokrates, zeigt auf, dass er offenbar mehr Freude am Konsumverzicht als am Konsum empfand. Mit dieser Haltung ist er allerdings kein typischer Vertreter der heutigen Gesellschaft. Wer geht schon auf den Markt, um sich darüber zu freuen, dass er oder sie nichts zu kaufen braucht? Doch in Wirklichkeit war Sokrates ein Glückspionier. So richtig dämmert uns dies aber erst heute, etwa 2500 Jahre später. Denn nie zuvor war die Welt so voll von Gütern oder Dienstleistungen, die wir nicht brauchen.
Wir leben heute in einer Multioptionsgesellschaft und werden permanent mit unzähligen Optionen für Konsum und Investitionen bombardiert. Aus der Freude der Wahl ist bereits eine Qual der Wahl geworden, welche den Konsum- oder Investitionsentscheid zur Last macht. Ständig sind wir gezwungen, Entscheide zu treffen, die uns überfordern und für die wir keine Zeit und vor allem auch auf die wir keine Lust haben. Schon ein Autokauf kann einen wochenlang lahmlegen. Ich muss entscheiden, welches Modell für mich das richtige ist, ob ich einen Neuwagen, oder eine Occasion kaufe, wo ich das gewünschte Modell am besten kaufe, ob ich weiterhin auf einen klassischen Verbrennungsmotor setze oder doch besser bereits auf einen Elektroantrieb umstelle. Und am Schluss zweifle ich vielleicht daran, ob ich überhaupt noch ein Auto kaufen soll.
Doch ich muss auch entscheiden, ob ich meinen Rasen jetzt von einem Roboter mähen lassen soll, ob ich dieses Jahr in die Karibik oder doch wieder nach Thailand fliegen soll, ob ich bereits dieses Jahr wieder ein neues Smartphone kaufe, oder noch bis nächstes Jahr warte. Damit habe ich aber erst den klassischen Konsum von Produkten angesprochen. Es geht auch um die Frage, ob ich jeden Tag die News auf gewissen Internetportalen lesen soll, ob ich mich neben Twitter jetzt auch verstärkt auf Instagram in Social Media engagieren soll, ob ich nicht endlich mein permanent unterdiversifiziertes Portfolio von Finanzanlagen mit weiteren Anlagen in Emerging Markets anreichern soll, oder ob ich jetzt doch noch eine Lebensversicherung abschliessen soll.
Viele der eben beschriebenen Situationen empfinden wir als Zeitfresser, die uns daran hindern, ein glückliches Leben zu führen. Und da wird Sokrates plötzlich zum modernen Ratgeber: In Wirklichkeit kann ich auf vieles verzichten. Ist es nicht wunderbar, dass es so viele Reiseangebote gibt, die ich nicht wahrnehmen muss? Ist es nicht grossartig, dass ich die Tierfutterabteilungen von Supermärkten ignorieren kann, weil ich keine Haustiere habe? Ist es nicht toll, das jeden Tag so viele News, Newsletters, Tweets und Messages geschrieben werden, die ich nicht lesen muss? Habe ich nicht Glück, dass ich seit langer Zeit vollständig fernsehabstinent lebe, und mich deshalb weder um digitale Programmanbieter, Geräte oder Serienangebote kümmern muss? Habe ich mein Leben nicht dadurch erleichtert, dass ich mich nicht täglich um die Entwicklung der Finanzmärkte kümmere, sondern mein Geld seit Jahren traditionell in ein paar wenigen Anlagen steckt?
Sie sehen also schon, in welche Richtung es geht. Je grösser die Vielfalt an Optionen, desto grösser ist die Erleichterung, dass ich viele von ihnen in Wirklichkeit gar nicht brauche. Das hat uns Sokrates schon vor 2500 Jahre vorexerziert.

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