Die Folgen von Extremwetter schwächen sich ab - Schlumpfs Grafik 35

In der Schweiz nimmt die Zahl der Todesfälle wegen Naturgefahren ab. Auch die Anzahl der Extremereignisse sinkt. Zudem werden die dadurch verursachten Schäden immer kleiner. Klimaaktivistische Kreise nehmen diese Fakten aber nicht zur Kenntnis.

image 14. März 2022, 13:30
Teures Einzelereignis: Hochwasserkatastrophe 2005 (im Bild Madranertal, UR). Bild: Keystone
Teures Einzelereignis: Hochwasserkatastrophe 2005 (im Bild Madranertal, UR). Bild: Keystone
Vor kurzem hat der UNO-Klimarat den zweiten Teil seines sechsten Sachstandsberichts veröffentlicht, in dem es um die Folgen des Klimawandels geht. Eindringlich warnt er darin, dass bei Überschreitung des 1,5-Grad Ziels unabsehbare Schäden auf uns zukämen, die bis zur Gefährdung unserer Existenz führen könnten. Als Schadensursache spielt dabei Extremwetter eine zentrale Rolle.
Stellen wir also die Frage, wie stark diese Befürchtungen in der Schweiz bereits Realität geworden sind. Wie weit also beispielsweise das verstärkte Auftreten von Starkregenfällen zu zusätzlichen Überschwemmungen geführt hat, veränderte Wintertemperaturen mehr Lawinen gebracht haben, oder das Abschmelzen des Permafrostes mehr Felsstürze und Murgänge verursacht hat. Wie aber kann man die Bedrohung durch solche Ereignisse überhaupt messen?

Erstes Kriterium: Todesfälle durch Naturgefahren

Das Gefährdungspotenzial all dieser sogenannten «Naturgefahrenprozesse» wird im Eidgenössischen Forschungsinstitut für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) auf zwei Arten gemessen. Erstens werden alle Ereignisse aufgezeichnet, bei denen mindesten ein Mensch gestorben ist. Diese Daten reichen bis ins Jahr 1946 zurück, bieten also einen genügend langen Zeitraum, um daraus klimarelevante Aussagen machen zu können.
In der folgenden Grafik habe ich anhand der entsprechenden Datenbank des WSL die Gesamtzahl der Todesfälle wegen Naturgefahren aufgezeichnet. Dabei sind folgende Prozesse eingeschlossen: Hochwasser, Murgänge, Rutschungen, Felsstürze, Blitzschläge, Windstürme, Lawinen und weitere Prozesse (wie Eislawinen und Erdbeben).

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Quelle: WSL / Martin Schlumpf

  • Schlumpf Grafik 35a.png

Die Zahlen dieser Grafik stammen aus einer Studie des WSL von 2017 (siehe hier), in der mit grosser Akribie nur unverschuldete Todesfälle bis 2015 erfasst wurden – also beispielsweise keine Lawinenopfer abseits der Pisten. Der Hauptautor dieser Studie, Alexandre Badoux, hat mir freundlicherweise das gesamte Material mit den Ergänzungen bis 2020 zur Verfügung gestellt.

Signifikanter Rückgang der Todesfälle wegen Naturgefahren

Auffällig sind die teilweise sehr grossen Schwankungen zwischen den Jahren: Im Lawinenwinter 1951 gab es allein wegen mehreren Lawinenunglücken insgesamt 95 Todesopfer, und 1965 war eine Eislawine im Sommer für den Tod von 88 Menschen verantwortlich. Im Gegensatz dazu war 2018 nur ein einziger Todesfall im ganzen Jahr zu beklagen. Die rot-gestrichelte Trendlinie zeigt einen signifikanten Rückgang der Todesfälle in diesen 75 Jahren: Von gut 26 sinkt der Wert auf unter 2, was einer Reduktion von fast 94 Prozent entspricht. Was ich hier umgangssprachlich als Trend bezeichne, ist in Wirklichkeit das Resultat einer linearen Regressionsanalyse.

Berücksichtigt man die Bevölkerungszahl, sind die Todesfälle wegen Unwettern in der Schweiz seit 1946 um fast 97 Prozent gesunken.


In dieser Grafik nicht mitberücksichtigt ist aber der starke Anstieg der Schweizer Bevölkerung in dieser Zeit. 1946 wohnten hier 4,27 Millionen Menschen, 2020 waren es 8,64 Millionen, gut doppelt so viele. Normalisiert nach der Bevölkerungszahl sind die Todesfälle wegen Unwettern seit 1946 sogar um fast 97 Prozent gesunken.
Grund für diese erstaunliche Geschichte ist sicher in erster Linie die fantastische Fähigkeit der Menschen, sich an Gefahren anzupassen. Allein im Lawinenbereich, in dem es insgesamt am meisten Tote gegeben hat, sind seit 1951 unzählige Verbauungen und Waldschutzmassnahmen realisiert worden, die das Lawinenrisiko fast ganz eliminiert haben. Tatsächlich ist in diesem Bereich der Rückgang der Opferzahlen am ausgeprägtesten.

Auch die Zahl der Ereignisse sinkt deutlich

Nun kann man zu Recht einwenden, dass aus diesem Rückgang der Opferzahlen nicht auf den Rückgang der Ereignisse geschlossen werden kann. Eben weil die Menschen in der Lage sind, sich so gut anzupassen, ist es denkbar, dass die Zahl der Ereignisse in diesem Zeitraum doch gestiegen ist. Um das beurteilen zu können, muss man wissen, unter welchen Bedingungen ein Ereignis gezählt wird. Für die WSL-Forscher ist das die erwähnte Grenze von mindestens einem Todesfall. Dies ist für eine Gefährdungsabschätzung die einzig sinnvolle Metrik.
In der nächsten Grafik ist die Anzahl der Naturgefahrenereignisse mit tödlichem Ausgang pro Jahr seit 1946 zu sehen – wiederum aufgrund der detaillierten Untersuchungen von Alexandre Badoux und Kollegen.

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Quelle: WSL / Martin Schlumpf


Wie man sieht, gibt es auch da eine klar absteigende rot-gestrichelt Trendlinie (Regressionsgerade): Die Zahl tödlicher Naturgefahrenereignisse ist in den letzten 75 Jahren insgesamt um 88 Prozent zurückgegangen.

Zweites Kriterium: Die Unwetterschäden

Nun kommen wir zur zweiten Methode, mit der die Forscher des WSL das Gefährdungspotenzial messen: anhand der Schäden. Denn nicht nur vorzeitig verstorbene Menschen stellen eine Belastung dar, sondern auch die materiellen Schäden, die von solchen Naturereignissen verursacht werden. Auch dazu gibt es zuverlässige Zahlen des WSL, gesammelt in einer Unwetterschadens-Datenbank (siehe hier). Der erfasste Zeithorizont reicht hier bis 1972 zurück, und es sind darin nur Schäden wegen Hochwasser, Murgängen, Rutschungen und Felsbewegungen erfasst. Die folgende Grafik stammt von der Webseite des WSL.

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Quelle: WSL / Martin Schlumpf


Die gezeigte jährliche Verteilung der Schäden geschieht zuerst nominal (blau), also mit realen Zahlen. Danach müssen die Werte aber normalisiert werden. Das heisst, sie werden ausgehend von 2016 so korrigiert, dass das Bevölkerungswachstum, die Teuerung und die Wirtschaftsentwicklung (also das BIP) miteinbezogen werden. Nur so sind die Kosten vergleichbar.

Normalisiert nehmen auch die Schäden ab

Mit diesen normalisierten Werten sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Jahren hier sogar noch grösser als bei den Todesfällen. Im Hochwasser-Katastrophenjahr 2005 gab es Gesamtschäden von mehr als 3,5 Milliarden Franken, während sie 2020 nur 40 Millionen ausmachten. Zur Trendentwicklung dieser normalisierten Kosten schreibt das WSL unter der Grafik, dass es keinen signifikanten Trend gäbe. Eine Regressionsanalyse dieser Daten widerspricht aber dieser Aussage klar: Die von mir eingezeichnete grüne Trendlinie weist über den ganzen Zeitraum einen Rückgang der Schäden um 51 Prozent aus.
Zwar sind die nominalen Kosten der Schäden seit 1972 durchschnittlich etwas gestiegen, aber in der vergleichbaren Form der normalisierten Kosten sinken sie offensichtlich. Dies ist auch augenfällig, wenn man die letzten 13 Jahre seit 2008 betrachtet, in der sich sämtliche Werte klar unterhalb des langjährigen Mittelwerts von 299 Millionen Franken bewegen.
Kommen wir zum Fazit: Auf die eingangs gestellte Frage, wie weit sich die negativen Folgen des Klimawandels, verursacht durch Extremwetter, in der Schweiz bereits gezeigt haben, gibt es eine klare Antwort: In den letzten Jahrzehnten ist sowohl die Zahl der Ereignisse als auch diejenige der Todesopfer wegen Unwettern signifikant gesunken, und auch die dadurch verursachten Schadenssummen haben deutlich abgenommen.

Wie reagiert die Klimawissenschaft darauf?

Während der Recherche zu diesem Beitrag wollte ich wissen, wie die wichtigsten Exponenten der Klimawissenschaft an der ETH Zürich auf diese Schlussfolgerungen reagieren. Deshalb habe ich Sonia I. Seneviratne, Andreas Fischlin und Reto Knutti per Mail darauf angesprochen. Die ersten beiden haben nicht reagiert, von Professor Knutti kam postwendend eine lange Antwort, in der er auf verschiedene Verfahrensprobleme hinweist.

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ETH-Kllimaforscher Reto Knutti. Bild: Keystone

In meiner Antwort darauf habe ich deshalb präzisiert, dass es mir um das Messen der bisherigen Auswirkungen geht, dass das nur mit einer Analyse der Todesfälle, der Zahl der Ereignisse und der Schäden möglich ist, und dass bei all diesen drei Kriterien klare Trends vorhanden sind. So habe ich ihn abschliessend gefragt: «Sind Sie mit meinen Kriterien zur realen Analyse einverstanden? Sind Sie mit der Trendauswertung der WSL-Daten/Studien einverstanden?»
Seine Antwort darauf: «Ich bin nicht sicher, was Sie von mir wollen. Die Trends sind wie sie sind. Die Frage ist, was man daraus schliessen kann, und was nicht. Aber ich habe weder Zeit noch Interesse, Ihnen in langen Ausführungen die Zusammenhänge zu erklären, damit Sie dann im Nebelspalter neue sinnlose Behauptungen und verzerrte Fakten publizieren (wie kürzlich zu den Gletschern).»

Reto Knutti gibt auf keine Frage eine Antwort

Inhaltlich beantwortet er also keine der beiden Fragen. Überall weicht er einer konkreten Stellungnahme zu meinen Schlussfolgerungen aus. Vielleicht hat das damit zu tun, dass sich Klimaforscher bei Trendfragen hauptsächlich mit zukünftigen Trends beschäftigen, die sie aus ihren Modellen ableiten, und ihnen deshalb Entwicklungen der bisherigen Realität eher im Wege sind. Aber auch seine Anschuldigungen bezüglich meinem letzten Beitrag zu den Gletschern (siehe hier) entbehrt der Grundlage, weil wir uns darüber gar nie ausgetauscht haben.
Wenn wir bisher in der Schweiz trotz überdurchschnittlicher Erwärmung von 2 Grad Celsius eine durchwegs positive Geschichte der Folgen aus Unwettern beobachten können, scheint es angebracht, den teilweise schrillen Warnungen der Klimaaktivisten für die Zukunft mit einer guten Portion Skepsis zu begegnen. Niemand kann die Zukunft voraussagen, aber eine solide Verankerung in der bisherigen Realität würde gut tun.
Der Weltklimarat besinnt sich auf Anpassungen an den Klimawandel: siehe hier
Die wichtigsten Fakten zum Klimawandel: siehe hier

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