Die Farbpalette der Susanne Vincenz-Stauffacher

Die Farbpalette der Susanne Vincenz-Stauffacher

Susanne Vincenz-Stauffacher, St. Galler Nationalrätin und FPD-Frauenpräsidentin, bringt Farbtupfer in die freisinnige Politik; vor allem rote und grüne.

image
von Claudia Wirz am 8.6.2021, 10:16 Uhr
Für Susanne Vincenz-Stauffacher von der FDP geht es rasant aufwärts. Bild: FDP St. Gallen
Für Susanne Vincenz-Stauffacher von der FDP geht es rasant aufwärts. Bild: FDP St. Gallen
«Susanne wieviel? Noch nie gehört.» Mit diesen Worten eröffnete das (St. Galler) Tagblatt im Dezember 2018 einen Bericht über Susanne Vincenz-Stauffacher. Es ging um die damals noch weitgehend unbekannte FDP-Politikerin, die eben in den Kantonsrat nachgerutscht war und nun den Ständeratssitz von Karin Keller-Sutter für die FDP halten wollte. Das Rennen machte aber CVP-Mann Benedikt Würth. Für die St. Galler FDP war es kein toller Tag.
Doch dann ging es steil aufwärts mit Susanne Vincenz-Stauffacher. Seit 2019 sitzt sie im Nationalrat, 2020 wurde sie zur Chefin der FDP-Frauen gewählt und medial steht sie so fest im Rampenlicht, als hätte sie schon immer zur Politprominenz gezählt.
Sie selbst würde vielleicht sagen, sie sei endlich sichtbar. Sichtbarkeit ist eines der zentralen Anliegen von Vincenz-Stauffacher. Ein Schelm, der denkt, sie sei deshalb nach ihrer Wahl in den Nationalrat nicht vorzeitig aus dem St. Galler Kantonsrat ausgeschieden, was das Nachrutschen eines Parteikollegen blockiert hat.

Gefühlte Wahrheiten

Der Begriff Sichtbarkeit ist ein beliebter Topos in feministischen und identitären Kreisen. Er insinuiert, dass das machtbesessene weisse Altherrenpatriarchat den Frauen und anderen Gruppen von Nicht-Männern permanent die Show stiehlt.
Von einer solchen Dominanz männlicher Deutungshoheit kann unter dem Eindruck von #MeToo, Frauenstreik und geradezu obsessiver Frauenförderung in Wirtschaft, Bildung und Medien überhaupt keine Rede sein. Das Narrativ von der mangelnden Sichtbarkeit der Frauen wird trotzdem gepflegt, denn so lassen sich allerlei Forderungen durchsetzen. Auf diese Weise hat man uns etwa die Gendersprache aufs Auge gedrückt oder die Frauenquote installiert. Und da wären wir wieder bei Susanne Vincenz-Stauffacher.
Die FDP-Frauenpräsidentin galt einst als vehemente Gegnerin einer Frauenquote. Doch das hat sich gewandelt. Nun steht sie ganz hinter Bundesrätin Sommarugas «Soft»-Quote. Es ging ihr einfach zu langsam vorwärts mit den Frauen in den Teppichetagen. Die Quote zwinge nun die Unternehmen, sich nach Frauen umzuschauen, sagte sie in einem «Republik»-Interview mit Roger de Weck. Nach Freiheit tönt das nicht.

Frauen als Megathema

Die Frauen und die vielbeschworene «Vereinbarkeit von Beruf und Familie» sind das Megathema von Susanne Vincenz-Stauffachers Politik. Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub findet sie nicht übertrieben, die angestrebte Wunschlösung ist allerdings eine 16-wöchige Elternzeit. Überdies müsse man Teilzeit bei Männern fördern. Ob es volkswirtschaftlich wirklich so klug ist, wenn der Staat lange und teure Ausbildungen finanziert und dann die Leute vom Arbeiten abhält? Irgendwoher muss das Geld für all die Subventionen ja kommen!
Doch solche Petitessen sind offenbar kein Thema in diesen Überlegungen. Kinderkrippen dafür umso mehr. Auch hier «sind wir einfach noch nicht da, wo wir sein wollen», sagte Vincenz-Stauffacher zur NZZ. Immerhin – ganz gratis, wie das die SP will, sollen die Krippen nicht sein. Eltern, Staat und Wirtschaft sollen alle ihren Beitrag leisten. So viel Liberalismus muss sein.

Im parteiübergreifenden Gleichklang

Susanne Vincenz-Stauffacher findet sich gleichwohl oft im Einklang mit linken Positionen. Schon im Kantonsrat schmiedete sie Allianzen mit links. Ein Blick auf ihre noch junge Tätigkeit als Nationalrätin zeigt diese Verbindung vielleicht am augenfälligsten in der Gestalt ihrer Motion mit der Nummer 20.4452. Darin fordert die auch in der Opferhilfe tätige Rechtsanwältin ein «24-Stunden-Beratungsangebot für von Gewalt betroffenen Personen gemäss Istanbul-Konvention», und zwar in möglichst vielen Sprachen, auch in leichter Sprache und Gebärdensprache.
Eine exakt gleichlautende Motion mit der fast gleichen Nummer 20.4451 hat am exakt gleichen Tag auch SP-Nationalrätin Tamara Funiciello eingereicht. Es geht wohl darum, dem Anliegen eine Art Überparteilichkeit einzuhauchen.

Kampf gegen Armut

Diese spürt man auch bei der Parlamentarischen Initiative von SP-Nationalrätin Samira Marti mit dem Titel «Armut ist kein Verbrechen». Susanne Vincenz-Stauffacher hat sie mitunterzeichnet. Hier geht es darum, ausländische Sozialhilfebezüger vor einer Wegweisung zu schützen, wenn sie schon längere Zeit hier leben.
Auch beim Sexualstrafrecht sind Susanne Vincenz-Stauffacher und ihre FDP-Frauen auf den Kurs der SP, Grünen und Grünliberalen eingeschwenkt. Sex gilt demnach nur noch dann als einvernehmlich, wenn die Frau explizit zustimmt; ein «Nein» genügt nicht mehr. Auch den Frauenstreik hat Vincenz-Stauffacher besucht, nicht mit Trillerpfeife, aber als solidarisch Interessierte. Und die gängigen Glaubenssprüche der Frauenszene beherrscht sie virtuos, etwa das Dogma von der Überlegenheit von gemischten Teams, das natürlich nicht gilt, wenn es sich um reine Frauenteams handelt. Hier ist man gerne unter sich und pflegt eine schützenswerte «andere Diskussionskultur».
Manchmal verzweifle sie an ihrer Partei, sagte Susanne Vincenz-Stauffacher zu Roger de Weck. Aber vielleicht verzweifelt ja auch so manche FDP-Wählerin an Susanne Vincenz-Stauffacher.

Mehr von diesem Autor

image

Was aus der Kohäsionsmilliarde geworden ist

image

Fairer Wettbewerb ist die beste Entwicklungshilfe

Ähnliche Themen