Die Erwärmung der Schweiz kommt auch aus dem Computer – Klimageschichte Teil 6

Die Erwärmung der Schweiz kommt auch aus dem Computer – Klimageschichte Teil 6

Die Schweiz hat sich seit der vorindustriellen Zeit um 2,5 Grad erwärmt, doppelt so stark wie die Welt. Warum? Der Temperaturanstieg rührt auch daher, dass die Forscher von Meteo Schweiz seit zwanzig Jahren eifrig an ihren Archivdaten herummachen.

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von Markus Schär am 23.10.2021, 07:00 Uhr
Heisse Tage – Temperaturaufzeichnungen von 1947. Quelle:  Meteo Schweiz
Heisse Tage – Temperaturaufzeichnungen von 1947. Quelle: Meteo Schweiz
Den Journalisten gehen die grossen Buchstaben für die Schlagzeilen aus. Am 31. Mai schon schiesst das Thermometer in Zürich nach einer heissen Woche über 30 Grad, bis am 3. Juni gar auf 33,5 Grad. Und die Hitze plagt die Zürcher weiter: Bei mehr als 30 Grad schwitzen sie vom 25. bis am 29. Juni, vom 23. Juli bis am 4. August sowie vom 14. bis am 21. August und sogar nochmals vom 11. bis am 19. September. Auf die Rekordmarke für alle Zeiten klettert das Thermometer am 29. Juli: fast unerträgliche 37,7 Grad.
Hitzig ginge es in den Schweizer Redaktionen zu, wenn im nächsten Sommer solche Temperaturen herrschen würden – als ultimativer Beweis für die menschengemachte Klimaerwärmung. Doch 1947, als die Meteorologen diese Rekordwerte massen, kündeten noch keine Medien mit grossen Buchstaben und fiebrigen Schlagzeilen von Sensationen.
Die Schweizer litten genug unter der Dürre (siehe hier): In diesem Jahr fiel nicht einmal die Hälfte der normalen Niederschläge, von April bis Oktober gab es nur seltene Regenspritzer. Die Flüsse trockneten aus, und auf den Feldern und den Wiesen wuchs kaum etwas. Aber immerhin fürchteten die Menschen, von Schlagzeilen unbehelligt, nicht den Weltuntergang.

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Im Jahr 1947 gab es in Zürich 98 Tage mit mehr als 25° (gelb), davon 38 mit mehr als 30° (rot). Quelle: Meteo Schweiz

Das tönte 2003 ganz anders: «Im Sommer herrschte eine unvergleichliche Hitze», verkündete Meteo Schweiz im Jahresbericht (siehe hier). «Der Rekordsommer 2003 passt mit seinen hohen Temperaturen nicht in die bestehenden Klimaaufzeichnungen.» Und solche Sommer, warnten die Meteorologen, würden wegen der Klimaerwärmung bis Ende des 21. Jahrhunderts eher zur Regel denn zur Ausnahme.

Meteo Schweiz macht Vergleiche unmöglich

Aber war die Hitze in diesem Rekordsommer tatsächlich einzigartig? Der interessierte Laie kann es nicht überprüfen. Denn Meteo Schweiz stellt zwar im Schweizer Wetterarchiv alle Jahresberichte online zur Verfügung; diese lassen sich allerdings nicht mehr vergleichen. Bis 1995 finden sich in den Annalen die täglichen Messungen aller Wetterstationen, ab 1996 fehlen aber diese – wie 1947 als Beispiel zeigt – aufschlussreichen Daten. Und seit 2011 gibt es den ganz anders aufgebauten Klimareport.
So finden sich nur noch spärliche Daten, die sich gegenüberstellen lassen: 2003 fielen im Mittelland zwischen 65 und 90 Prozent der normalen Niederschläge, 1947 in Bern 69 und in Basel gar nur 63 Prozent. Und: 2003 zählte man 74 bis 83 Sommertage mit mehr als 25 Grad, 1947 in Zürich jedoch 98. Unvergleichlich?

Forscher schrauben an ihren Archivdaten

Warum fallen das katastrophale Dürrejahr 1947 und die fast so heissen Jahre 1943, 1945 und 1949 auf Grafiken zur Klimaerwärmung in der Schweiz heute kaum mehr auf? Warum gelten die Jahre zu Beginn der Messungen, 1864 bis 1875, unter denen es gemäss den Annalen von 1947 «nicht weniger als vier bedeutend zu warme Sommer» gab, jetzt als eher kühl? Und warum bleibt anderseits der Hitzerekord in Zürich von 1947 immer noch unerreicht? Die Antwort ist einfach: Meteo Schweiz lässt diese Daten nicht mehr gelten.

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Die heissen 1940er-Jahre sind auf heutigen Temperaturgrafiken nicht mehr zu sehen. Quelle: Meteo Schweiz

Die Erklärung dafür ist etwas komplizierter. Die fleissigen Meteorologen, die seit 1864 an ihren Wetterstationen mehrmals täglich Temperaturen und Niederschläge massen, trugen zwar einen einzigartigen Datenschatz zusammen. Aber die Klimatologen von heute, die eine menschengemachte Erwärmung beweisen wollen, trauen ihren Aufzeichnungen nicht mehr. Dafür gibt es teils gute Gründe: Beobachter machten Fehler, Stationen kamen an andere Standorte, automatisierte Messinstrumente lösten die Wetterhütten ab. Deshalb wollen die Forscher von Meteo Schweiz sicherstellen, dass die Messungen seit 1864 tatsächlich einheitlich sind – sie müssen die Daten homogenisieren.

Noch 1997 zeigte sich kaum eine Erwärmung

Einen ersten Effort leisteten drei junge Wissenschaftler, als in den 1990er-Jahren das Nationale Forschungsprogramm 31 zu Klimaänderungen und Naturkatastrophen lief. Einer von ihnen schrieb an der Uni Bern seine Dissertation über die Homogenisierung langer Klimareihen am Beispiel der Lufttemperaturen, betreut von Professor Heinz Wanner (siehe hier). Er entwickelte eine Methodik und bereinigte damit die Daten von ausgewählten wichtigen Stationen. Nach der aufwendigen Arbeit kam er zum Schluss, der «ausnahmslos zufriedenstellende Homogenitätsgrad» gestatte es, «die im Projekt bereinigten Klimareihen für künftige Klimastudien vorbehaltlos zu verwenden». Und für die bereinigten Stationen, so etwa Genf, zeigte er für das 20. Jahrhundert kaum eine Erwärmung.

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Die Temperaturen stiegen im 20.Jahrhundert in Genf kaum an. Quelle: Baudenbacher

Schon 2003, sechs Jahre nach Abschluss des millionenschweren Forschungsprogramms, brachte Meteo Schweiz aber eine weitere Studie zur Homogenisierung der Daten heraus (siehe hier). Denn: «Für Klimaänderungsfragen genügten die vorhandenen langen NFP 31 Temperatur- und Sonnenscheindauerreihen nicht». Die Forscher stellten nicht nur wie bisher auf die Geschichten der einzelnen Messorte ab, um Inhomogenitäten wie Stationsverschiebungen oder Instrumentenwechsel zu finden, sondern wandten auch neue statistische Verfahren an – neben der «subjektiven Beurteilung des Bearbeiters», wie sie offen zugaben.

Die Vergangenheit wurde abgekühlt

Gestützt darauf, bogen sie die Temperaturkurven teils massiv. So senkten sie die aufgezeichneten Daten vor 1980 schlagartig um 0,4 Grad und zurück bis 1880 nochmals schrittweise um 0,4 Grad. Dies offen deklariert: Der Temperaturanstieg seit 1864, räumten die Forscher ein, «würde bei der Verwendung von Originalwerten im Mittel nur etwa halb so gross ausfallen». Erst so zeigte sich, was heute auf allen Grafiken zu sehen ist – ein starker Temperaturanstieg seit den 1980er-Jahren. Die drei Autoren der NFP-Studie von 1997, die noch wenig Wandel sahen, arbeiten übrigens seither nicht mehr in der Klimatologie. Auf Anfrage wollten sie sich nicht dazu äussern.

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Die Forscher senkten die Temperaturen im Archiv um bis zu 0,8° ab. Quelle: Meteo Schweiz

Was sich für die einzelnen Stationen änderte, lässt sich in einer Publikation von 2010 besichtigen (siehe hier). Die Korrekturen führten an den meisten Orten zu spektakulären Ergebnissen: Bei der Messstation der Schweizerischen Meteorologischen Zentralanstalt in Zürich nahm die Erwärmung seit 1864 (gemäss den Originaldaten 0,7 Grad) aufgrund der Homogenisierung auf 1,6 Grad zu, in Basel von 0,9 auf 1,9 Grad und in Sion gar von 0,2 auf 2,1 Grad. In Genf lagen in der Zeit vor 1960 vor der Bearbeitung 62 warme Jahre über dem Mittel der Periode 1961 bis 1990, nachher noch 25.

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Nach weiterem Homogenisieren ist die Zeit vor 1960 in Genf deutlich kühler. Quelle: Meteo Schweiz

Auf die gleiche Art wie Meteo Schweiz schraubte die Nasa zwischen 2010 und 2012 an den Daten ihres weltweiten Messnetzes seit 1880 herum. Der deutsche Geologie-Professor Friedrich-Karl Ewert wies mit einer aufwendigen Analyse der Messreihen von 120 zufällig ausgewählten Stationen nach (siehe hier): Wie die Schweizer senkten die Amerikaner vor allem die Jahresmittelwerte im 19. Jahrhundert und in der warmen Phase zwischen 1930 und 1950 ab – so zeigte sich wirklich eine menschengemachte Erwärmung.
Aber auch Meteo Schweiz lässt die Computer immer noch mit den alten Daten heiss laufen. In einer international publizierten Studie von 2018 (siehe hier) stellte derselbe Hauptautor wie schon 2003 fest, der Jahresmittelwert der Temperatur sei «ein eher hypothetischer Wert»: Er lasse sich nicht «gemäss einem naiven Verständnis aus Tausenden von gleichmässig verteilten Thermometer-Messungen ermitteln».

«Es wäre wünschenswert, dass die Daten in den globalen Archiven regelmässig aufdatiert würden, damit sie die laufenden Homogenisierungsprozesse besser reflektieren.»

Meteo Schweiz 2018

Stattdessen tüftelten die Klimatologen immer weiter an ihren statistischen Methoden herum. Und sie fragten sich nicht, weshalb sie in der Schweiz damit eine viel stärkere Erwärmung machten als ihre Kollegen rund um den Globus, sondern forderten diese auf, es ihnen beim Massieren der Daten gleichzutun: «Es wäre wünschenswert», hielt Meteo Schweiz in der Studie von 2018 fest, «dass die Daten in den globalen Archiven regelmässig aufdatiert würden, damit sie die laufenden Homogenisierungsprozesse besser reflektieren.» Wohlverstanden, «Daten aufdatieren» heisst hier: Die eineinhalb Jahrhunderte überlieferten Wetteraufzeichnungen nach Gutdünken «verbessern».
Solange dies nicht geschieht, zeigt sich das Bild aus einer Studie von 2019 (siehe hier): Die Schweiz erwärmte sich seit der vorindustriellen Zeit – wie immer diese definiert wird – mehr als doppelt so stark wie der Rest der Welt. Warum, will niemand so recht diskutieren.

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Die Schweiz hat sich doppelt so stark erwärmt wie der Rest der Welt. Quelle: Meteo Schweiz

«Wärmstes Jahrzehnt seit Messbeginn», vermeldete Meteo Schweiz denn auch Anfang Jahr, nicht weniger als 2,5 Grad wärmer als die Referenzperiode 1871-1900. Zur Erinnerung: Bis 1864, als die Wetterbeobachtung begann, herrschte eine der kältesten Phasen der Kleinen Eiszeit; 1865 und 1868 gab es aber, bei immer noch tiefen CO2-Werten, die beiden bis 1947 heissesten Sommer – die unerklärbar warmen 1860er-Jahre fallen jetzt weg.
Was soll der Laie, der im Schweizer Wetterarchiv über Hitzesommer und Dürrejahre vor 70 oder gar vor 150 Jahren staunt, von diesem unablässigen Datenmassieren – pardon: diesen «laufenden Homogenisierungsprozessen» – halten? Er muss der Wissenschaft folgen, also den Forschern glauben, dass es nicht nur an ihren immer sophistizierteren Methoden liegt, wenn die Resultate endlich die Theorie bestätigen. Immerhin können sich alle auf eine Erkenntnis einigen: Die Klimaerwärmung ist menschengemacht.

Weitere Informationen:
Meteo Schweiz: Das Schweizer Wetterarchiv: siehe hier
Klimageschichte Teil 1: siehe hier
Klimageschichte Teil 2: siehe hier
Klimageschichte Teil 3: siehe hier
Klimageschichte Teil 4: siehe hier
Klimageschichte Teil 5: siehe hier

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