Die erstaunliche Erholung des Tropenwaldes

Die erstaunliche Erholung des Tropenwaldes

Die Abholzung des Regenwaldes gehört zu den drängendsten Umweltproblemen. Doch neue Studien zeigen, dass sich tropischer Wald schneller regenerieren kann, als man bisher angenommen hat.

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von Alex Reichmuth am 6.1.2022, 09:00 Uhr
Karikatur: Jürg Kühni
Karikatur: Jürg Kühni
Jedes Jahr werden in den Tropen rund 158’000 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt – eine Fläche, die fast viermal so gross ist wie die Schweiz. Das Verschwinden des Tropenwaldes bereitet weltweit Sorgen, denn ohne ihn sind weitreichende klimatische Veränderungen zu befürchten. Zudem gehen unzählige Tier- und Pflanzenarten verloren.
Laut der norwegischen Rainforest Foundation ist von den einstigen uralten Regenwäldern heute nur noch ein Drittel intakt. Gerodet wird meist, um Ackerfläche und Weideland zu gewinnen. Oft kann der neugewonnene Boden aber nur einige Jahre genutzt werden. Dann ist er ausgelaugt. Die Bauer und Farmer ziehen weiter.

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Die Abholzung tropischer Wälder ist eines der grössten Umweltprobleme. Bild: Keystone

Was aber passiert mit den zurückgelassenen Parzellen? Die Befürchtung ist, dass Erosion einsetzt und dadurch der Humus weggeschwemmt wird. Doch diese Befürchtung ist unnötig. Denn in den meisten Fällen wächst wieder Wald.
Dieser Sekundärwald hat schon nach wenigen Jahrzehnten die gleiche biologische Qualität wie der ursprüngliche Naturwald. Neue wissenschaftliche Studien zeigen, dass der Regenwaldes sich deutlich rascher erholt, als man bisher angenommen hat.

Sekundärwald schon nach 20 Jahren weitgehend intakt

Im letzten Dezember erschien im renommierten Wissenschaftsblatt «Science» die Studie eines internationalen Teams. Die 90 beteiligten Forscher hatten 2275 ehemals abgeholzte Parzellen an 77 Waldstandorten in Mittel- und Südamerika sowie in Westafrika unter die Lupe genommen. Das Resultat war nicht nur, dass an diesen Standorten von selber Wald nachgewachsen war, sondern dass dieser schon nach kurzer Zeit auch wieder eine hohe biologische Qualität aufwies (siehe hier).

«Das ist ungeheuer schnell – überraschend schnell.»

Wissenschaftler Lourens Poorter von der niederländischen Universität Wageningen zum Tempo der Erholung des Regenwaldes

Konkret haben die Sekundärwälder bereits nach 20 Jahren 78 Prozent ihrer Merkmale wiedererlangt, die die ursprünglichen Wälder auszeichneten. «Das ist ungeheuer schnell – überraschend schnell», kommentierte Erstautor Lourens Poorter von der Universität Wageningen in den Niederlanden. Insgesamt beurteilten die Forscher den Sekundärwald nach zwölf biologischen Kriterien.
Demnach regeneriert sich vor allem der Boden erstaunlich rasch. Schon nach zehn Jahren hat er 90 Prozent der Fruchtbarkeit wiedererlangt. Nach 25 Jahren können die nachgewachsenen Wälder auch viele Funktionen des Ökosystems, wie etwa die Stickstoffbindung, zu 90 Prozent wieder erfüllen.
Mittels Modellierungen schätzte das Forscherteam die weitere Entwicklung des nachwachsenden Waldes ab. Es kam zum Schluss, dass nach 80 bis 100 Jahren gleich viel Kohlenstoff gebunden wird wie im ursprünglichen Wald. Etwas länger dauert es, bis die volle Artenvielfalt zurückgekommen ist: 120 Jahre.

Gepflegter Wald speichert 50 Prozent mehr Kohlenstoff

Der Wald erholt sich rascher als gedacht: Das ist auch das Resultat einer Untersuchung von Sekundärwald im malaysischen Teil der Insel Borneo. Dort wurde der Tropenwald in den 1980er-Jahren weitgehend gerodet. Der nachwachsende Wald wurde dann aber vor weiterer Abholzung und Übernutzung geschützt. Forscher von 13 Institutionen, darunter der ETH Zürich, hatten die Erholung des Waldgebietes während 25 Jahren begleitet und ihre Erkenntnisse im August 2020 ebenfalls in «Science» publiziert (siehe hier).
Das Hauptaugenmerk dieser Studie galt der Fähigkeit von Sekundärwald, oberirdische Biomasse aufzubauen. Und hier zeigte sich, dass aufgeforsteter und gepflegter Wald besser abschneidet als solcher, der ohne Eingriffe des Menschen nachgewachsen ist: Flächen, wo einheimische Baumarten angepflanzt sowie Unkraut und Lianen zurückgeschnitten werden, bauen jährlich rund 50 Prozent mehr Kohlenstoff auf als Flächen, die der natürlichen Regeneration überlassen werden.
Bereits im Mai 2019 hatte eine andere Studie im Fachblatt «Nature Ecology and Evolution» die eindrückliche Erholung des Regenwaldes unter Beweis gestellt. 85 Wissenschaftler aus 16 Ländern hatten die Erholung von Tropenwäldern auf 1400 Parzellen an 50 Standorten in Lateinamerika untersucht (siehe hier). Es handelte sich um ehemalige Rinderweiden und landwirtschaftlich genutzte Flächen. Die Forscher stellten auch hier fest, dass die Tropenwälder von alleine nachwachsen, wenn die Felder verlassen werden. Dabei schwankte die Dichte von Holz im Sekundärwald stark, was vor allem auf klimatische Unterschiede zurückzuführen ist.

Nach 45 Jahren sind noch nicht alle Froscharten zurück

Zu einem scheinbar gegensätzlichen Resultat kamen drei deutsche Wissenschaftler im letzten Oktober im Fachmagazin «Forest Ecology and Management». Sie hatten die natürliche Regeneration von Regenwald in der afrikanischen Elfenbeinküste erforscht, in dem bis vor 45 Jahre Bäume gefällt worden waren.

Die Tatsache, dass grossflächig Bäume nachwachsen und den ursprünglichen Wald schon nach wenigen Jahrzehnten ersetzen, ist eine gute Nachricht.


Die Forscher fokussierten dabei auf die Artenvielfalt und kamen zum Schluss, dass sich das Waldökosystem noch nicht vollständig regeneriert hat. Insbesondere sind einige Froscharten bis heute nicht zurückgekehrt. Es brauche wohl bis zu 60 Jahre statt der angenommenen 30 Jahre bis zur umfassenden Erholung, betonten die Forscher (siehe hier).
Auch wenn die Qualität von Sekundärwald aus biologischer Sicht da und dort noch nicht zu überzeugen vermag: Die Tatsache, dass grossflächig Bäume nachwachsen und den ursprünglichen Wald schon nach wenigen Jahrzehnten ersetzen, ist eine gute Nachricht. Denn immerhin macht Sekundärwald gemäss Wissenschaftler Lourens Poorter heute mehr als die Hälfte aller Tropenwälder aus.

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