Die eingesperrte Nation

Die eingesperrte Nation

Wer zurzeit in Konstanz die deutsche Grenze – unkontrolliert – überquert, fährt in ein gespenstisches Niemandsland. Berichte aus einer grossen Depression.

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von Gottlieb F. Höpli am 7.5.2021, 06:00 Uhr
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Vor ein paar Tagen wollte eine liebe Freundin in Konstanz eine Uhr abholen, die sie im Januar zum Reparieren gebracht hatte. Ich war skeptisch: Ob die überhaupt jemanden reinlassen? Ihr Bericht überraschte mich: «Der grosse Autobahnzoll eine Geisterstätte. Nichts und niemand, keine Sperre und keine Kontrolle». Dann: leerer Parkplatz, leere Strassen, mit Gittern zugesperrte Läden. Ausgestorben: so stellt man sich eigentlich eine deutsche Stadt im Jahr 1945 vor. Als Geisterstadt.
Die Fassaden stehen zwar noch. Aber wieviel Leben ist dahinter kaputtgegangen? Der Juwelier, der die Uhr durchs abgesperrte Türgitter reichte, wollte kein Geld für die Reparatur: «Das Geschäft geht sowieso den Bach runter. Ich habe im Februar meine letzte Uhr verkauft.» Aber kann er dem strengen deutschen Lockdown mit nächtlicher Ausgangssperre wenigstens etwas abgewinnen? «Im Gegenteil,» sagte er, «die Leute feiern jetzt einfach drinnen statt draussen. In den Häusern geht was ab, die wollen ja nicht völlig verzweifeln.» So der Bericht der vom Erlebten ziemlich mitgenommenen Rückkehrerin.
Ein Freund, eingesperrt in einer grossen Berliner Altbauwohnung, berichtet von einer zunehmenden Reizbarkeit der Deutschen – die aber nicht zum Widerstand, sondern nur zu zunehmender Resignation führt. Nicht zuletzt angesichts unzähliger widersprüchlicher, oft kafkaesker Massnahmen und Vorschriften wie etwa, beim Joggen im Grunewald oder an der Spree Maske tragen zu müssen.
Eine eingesperrte Nation. Was für ein Kontrast zu 2015, als Angela Merkel den Hunderttausenden, die über die Grenzen strömten, ihren optimistischen Willkommensruf «Wir schaffen das!» entgegenrief. Jetzt sind die Grenzen wieder offen, aber niemand scheint in das trostlose Land einreisen zu wollen, dem es coronamässig nicht schlechter geht als der Schweiz. Die ängstliche Frage ist berechtigt, wie die deutsche Politik aus ihrem derzeitigen Vollzugswirrwarr, und wie die Deutschen aus ihrer depressiven Gereiztheit wieder herausfinden wollen. Immerhin stehen dem Land im Herbst entscheidende Wahlen bevor.
Ob es in der linientreuen DDR-Jugendorganisation FDJ, der die deutsche Bundeskanzlerin einst angehörte, den Witz auch gab, den man sich über die Pfadfinder im Westen erzählt? Da fragt der Pfadiführer nach der guten Tat, die ein Pfader ja jeden Tag getan haben sollte. Worauf Fritzli erzählt: «Ich habe meinem kleinen Bruder auf den Kopf gehauen.» Aber was soll daran gut sein? «Er ist dann immer so froh, wenn der Schmerz nachlässt,» lautet die Antwort.
Vielleicht rechnet Angela Merkel ja auch damit, dass die Deutschen demnächst froh und befreit aufatmen werden, wenn sie die engen Fesseln des Corona-Lockdowns ein ganz klein wenig lockert. Na ja, jedenfalls jene, die dann noch atmen können.

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