Die Bumsbox

Die Bumsbox

Von einem typischen Frauen-WG-Konflikt: Die eine knattert gerne, die andere nicht.

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von Dominique Feusi am 9.8.2021, 09:08 Uhr
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Im Nachbarhaus, gleich neben Herrn und Frau Maus – Sie erinnern sich? Die Zwangsheirat: «Sonst ändert sich nichts!» –, im Nachbarhaus sind vor ein paar Monaten neue Mieter eingezogen. Genauer gesagt: Mieterinnen. Jung, schön und frisch vom Land. In den ersten Wochen ist der halbe Aargau angereist, um zu sehen, wie man in Zürich so haust. Die Eltern, die Grosseltern, die Geschwister, die Cousins und Cousinen und jede Menge Freundinnen. Es war ein halbes Volksfest.

Manchmal ist das Karma ein sensationeller Vermieter.


Die jungen Damen hätten Olympiagold verdient in der Disziplin: «Wie viele Menschen kriegt man in eine Zweizimmerwohnung?» Und ja, man verspürte eine gewisse Genugtuung. Denn raten Sie mal, wo die bis anhin lautesten Menschen des Quartiers wohnen? Richtig, genau unter den jungen Damen. Huh, bitter! Manchmal ist das Karma ein sensationeller Vermieter.
Der bestellte Mann
Für diese Kolumne ist der Neuzugang ebenfalls Gold, denn wie beflügelnd, wenn die Inspiration gleich gegenüber wohnt. Denn über diesen zwei Musen, das sah man auf den ersten Blick, hing wie ein Damoklesschwert ein typischer Frauen-WG-Konflikt: Die eine knattert gerne, die andere nicht.
Und so war die Idylle schnell dahin, denn schon bald klingelte es an der Tür und das kurze Glück wurde heimgesucht vom gemeinen Frauen-WG-Fluch: Donnergrollen, Männerbesuch! Denn während die eine Dame, sie erinnert ein wenig an Schneewittchen, nicht die sieben Zwerge, sondern stets ihre Eltern beherbergt, bestellt die andere Dame Männer wie manche Menschen Pizza. Zum Hauptgang. Und für den kleinen Hunger zwischendurch. Und man muss sagen: Wow, die junge Frau hat einen beeindruckenden Appetit!
Schneewittchen und Donnerlüttchen
Nun gut, was weiss ich schon, vielleicht spielen sie auch gemeinsam Akkordeon. Oder stricken. Oder kategorisieren Pinguine. Was man eben so tut. Aber wenn ein Mann herausgeputzt vor der Haustür steht, immer wieder aufgeregt aufs Telefon sieht, sich hektisch durch die Haare fährt und Aftershave durch die Veloständer weht, riecht das schon eher nach Tinder-Date.
Und wenn die Dame dann die Tür aufmacht und ihn anlacht, als hätte sie ein Geschenk ausgepackt, dann ist das Akkordeon-Spiel als Option wohl vernachlässigbar. Vor allem, wenn Schneewittchen kurz nach Ankunft des Herrenbesuchs fluchtartig das Haus verlässt. Tja, wenn in einer sehr schlecht isolierten Zweizimmerwohnung im einen Zimmer voll die Post abgeht, hört man im zweiten Zimmer entweder sehr laut Musik oder geht eben weg. Ich glaube, Schneewittchen hat sich das Zusammenleben gänzlich anders vorgestellt.

Wenn Aftershave durch die Veloständer weht, riecht das schon eher nach Tinder-Date.


Die Dame mit dem soliden Appetit scheint hingegen ausserordentlich ausgeglichen und glücklich damit. Der Herrenbesuch darf übrigens nie lange bleiben. Die Devise lautet: liefere statt lafere! Neulich hat ein junger Mann nach getaner Arbeit dann vor der Haustür doch zu schwafeln begonnen. Von alten Möbeln. Ja, wirklich. Er erzählte irgendwas von Antiquitäten. Und sie so staubtrocken: «Vielleicht später.» Zack, Türe zu. Und er ging mit einem Gesichtsausdruck davon, als hätte er Holzwurm.
Die Bumsbox
«Wir hatten in den Ferien eine Bumsbox!», ruft die A. und strahlt übers ganze Gesicht, während sich der Rest des Restaurants mit fragendem Blick nach unserem Tisch umdreht. Die A., Ende 50, verheiratet, Mutter einer erwachsenen Tochter, ist ein Sonnenschein auf zwei Beinen. Sie redet viel, laut, und das holländisch-italienische Temperament fügt dem Züritüütsch laufend neue Wortkreationen zu.
«Ich brauche eine Bumsbox daheim!», lacht sie und ich kenne die A. und ihre Liebe zur Musik lange genug, um zu wissen, dass sie garantiert einen tragbaren Bluetooth-Lautsprecher, eine Boombox, meint.
Doch der Begriff passt perfekt zum nachbarlichen Einzimmerspass in der Zweizimmerwohnung. Und da uns eh schon das halbe Restaurant belauscht, sage ich laut:
«Das glaubst du nie, wir haben jetzt eine Bumsbox vis-à-vis!»

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