Die brave Ostschweiz wird zum Mekka des Jugendaufstands

Die brave Ostschweiz wird zum Mekka des Jugendaufstands

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von Stefan Millius am 31.3.2021, 05:00 Uhr
  Polizeinaufnahme nach der Krawallnacht in St.Gallen. (Bild: Kapo SG)
Polizeinaufnahme nach der Krawallnacht in St.Gallen. (Bild: Kapo SG)
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Eine einzige Nacht reichte dafür aus: Das biedere St.Gallen ist plötzlich das Zentrum des jungen Widerstands gegen die Coronamassnahmen. Für Ostern sind geballte Aktionen geplant. Aus der ganzen Schweiz werden Leute erwartet, die mit einer «Party» ein Signal setzen. Wie kam es so weit?

Die St.Galler Kantonspolizei macht in diesen Tagen fleissig «Lagebeurteilungen». Sie ist in Alarmbereitschaft. Seit die ganze Schweiz darüber berichtet hat, wie am letzten Wochenende eine an sich friedliche Feier in einem Stadt-St.Galler Naherholungsgebiet ausartete, rechnet man im tiefen Osten der Schweiz mit allem. Und zwar bald.
Eine dreistellige Zahl Jugendlicher hatte sich am Samstag in St.Gallen zunächst zur gemeinsamen Party mit viel Alkohol getroffen. Nicht etwa trotz der geltenden Schutzmassnahmen, die das untersagen, sondern genau deshalb. Sie wollten feiern, aber auch provozieren, wie Chats im Vorfeld zeigen, weil sie genug von den Einschränkungen ihrer Freiheit haben.
Die Provokation gelang, die Polizei reagierte, und das nicht deeskalierend wie sonst so oft, sondern in voller Montur. Das alles mündete in einem Saubannerzug der Partygemeinschaft durch die St.Galler Innenstadt mit Dutzenden von kaputten Schaufenstern.

500 statt 100

Für die beschauliche Stadt ein Ereignis. Davon soll es angeblich bald mehr geben, und deshalb ist die Polizei im Vorbereitungsmodus. Alle Zeichen stehen auf Sturm. Nicht einmal halbwegs versteckt wird in den sozialen Medien für eine Neuauflage der «St.Galler Krawallnacht» geworben, dieses Mal aber mit verstärkten Mitteln. Denn auch aus anderen Landesteilen kündigen Jugendliche an, ab Karfreitag über Ostern jeden Tag nach St.Gallen zu pilgern. Selbst Zürcher, die sonst die Existenz der Ostschweiz kaum zur Kenntnis nehmen, wollen dazu stossen.
Der Versuch der Polizei, die renitenten Partywilligen mit voller Härte präventiv in die Schranken zu weisen, hat sich ins Gegenteil verkehrt: St.Gallen wird plötzlich zum Symbol für den jugendlichen Widerstand gegen die Coronapolitik mit ihren Folgen und dient nun für Neuauflagen. Statt 100 bis 200 sollen es schon übermorgen bis zu 500 Beteiligte sein.

Erwünschte Schlagzeilen

Warum gerade die Gallusstadt? «Für mich zuerst zufällig, jetzt wegen der Schlagzeilen», sagt ein Jugendlicher aus der Zürcher Agglomeration. Er war am Wochenende dabei, weil ihn ein Sportkollege aus der Ostschweiz angefragt habe und will weitermachen. Die Eskalation mit Sachbeschädigungen habe er zunächst «als kontraproduktiv» wahrgenommen, weil er ein friedliches Zeichen setzen wollte. Doch dass es ausgeartet sei, habe im Nachhinein betrachtet geholfen, die Anliegen zu transportieren, wie er sagt:

«In Zürich wäre das Ganze wohl untergegangen, die haben an jedem 1. Mai kaputte Schaufenster. Aber in St.Gallen rotieren alle, wenn so etwas passiert. Das hilft uns, weil jetzt darüber berichtet wird. Jetzt wissen es alle.»

Schauplatzwechsel, weg von der Ostschweiz. Thomas Hänggi mag 43 Jahre alt sein, aber er ist näher am Puls der Jugend als manch anderer. Er ist der Gründer des «V.I.R.U.S»-Festival im Berner Jura, einer Bewegung, die junge Menschen anzieht. So weit weg, wie man von der Ostschweiz nur weg sein kann.
Hänggi bestätigt: «Ich kenne einige Solothurner, die am Samstag nach St.Gallen gefahren sind und es bald wieder tun werden.» Der Musikproduzent hat vorab mit vielen Jugendlichen gesprochen – und er versteht sie.

«Meine Generation konnte tun, was sie wollte, dorthin gehen, wo sie wollte, und die aktuelle Generation darf seit einem Jahr fast nichts mehr.»

Thomas Hänggi
Die Jugend von heute sei nie von Beizen angezogen gewesen, ihre Partyzone war stets draussen an der frischen Luft. «Dort herrscht bekanntlich keine Ansteckungsgefahr, und dennoch werden sie vertrieben, irgendwann ist der Druck zu gross, und sie wollen sich ausleben.» Empfinden würden das viele so, lange sei die Jugend dennoch passiv gewesen. Die Ereignisse in St.Gallen seien für viele im Rest der Schweiz eine Art «Weckruf» gewesen, das sehe er in den Debatten auf Gruppen auf der Nachrichtenplattform Telegram.

Keil zwischen den Lagern

Was über Ostern passieren wird in der Ostschweiz, bleibt abzuwarten. Ironischerweise können die gewalttätigen Ausschreitungen den Befürwortern der aktuellen Einschränkungen jedenfalls nur recht sein. Denn sie treiben einen Keil zwischen das leidende Gewerbe und die Massnahmenkritiker.
Lädelibesitzer, die schwere Zeiten hinter sich haben aufgrund der Politik des Bundesrates, standen am Sonntag vor eingeschlagenen Scheiben. Und wussten plötzlich nicht mehr, wer Freund und wer Feind ist. Die einen – die Landesregierung – verfügen Zwangsschliessungen, die anderen – jugendliche Partygänger – zerstören ihr Eigentum. «Ich habe kein Verständnis für diese blinde Zerstörungswut», sagt eine Ladenbetreiberin im «St.Galler Tagblatt».
Noch vor wenigen Tagen hätte sich ihr Unverständnis beim Thema Corona wohl einzig gegen den Bundesrat gerichtet. Jetzt hat die Wut eine neue Richtung. Die Jugend, die aufbegehrt.
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