Die Ärztin, der die Medien leider vertrauten

Die Ärztin, der die Medien leider vertrauten

Sie wurde mit einem einzigen Beitrag auf Facebook zur Ikone: Brytney Cobia, Ärztin aus den USA. Ihre dramatische Schilderung von schwerkranken Covid-Opfern ging um die Welt. Die Story ist irgendwie zu gut, um wahr zu sein. Was sie eben vermutlich auch nicht ist, wie zahlreiche Indizien zeigen.

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von Stefan Millius am 17.8.2021, 10:00 Uhr
Die amerikanische Ärztin Brytney Cobia.
Die amerikanische Ärztin Brytney Cobia.
Eine an sich sehr glaubhafte Zeugin – immerhin Ärztin –, die direkt von der Front am Krankenbett von ihren Patienten berichtet und dabei höchste Dramatik entfesselt: Das mögen Medien. Und deshalb lieben Zeitungen Brytney Cobia aus Birmingham im US-Staat Alabama. Auf Facebook berichtete sie vor einigen Wochen in dramatischen Worten, wie sie junge Coronapatienten intubieren musste, und bevor sie das tat, hatten diese Patienten nur einen einzigen Wunsch: Sie bettelten um die Impfung. Cobia musste ihnen aber sagen, dass es dafür zu spät sei.
Die Meldung ging um die Welt, und bis heute kursiert der dramatische Pro-Impfung-Appell quer durch Twitter.
Der Satz der Ärztin, der die Medien förmlich elektrisierte, lautet in der Übersetzung:

«Eines der letzten Dinge, die sie tun, bevor sie intubiert werden, ist, mich um den Impfstoff zu bitten. Ich halte ihre Hand und sage ihnen, dass es mir leid tut – aber es ist zu spät.»

Brytney Cobia
Auch in der Schweiz wurde die Meldung ungeprüft weiter verbreitet. Der «Blick» sprang auf und verwies auch auf die rekordtiefe Impfrate im Bundesstaat, in dem Cobia lebt.
Die apokalpytischen Zustände in Alabama, wo eine schwergeprüfte Ärztin offenbar im grossen Stil junge Covidopfer bis zum bitteren Ende begleiten musste, klang einfach zu gut. Und hätten sie sich doch nur impfen lassen!

Wo sind diese «Opfer»?

Nur gibt es ein paar Probleme mit der Story. In Alabama lassen sich nicht nur besonders wenig Menschen impfen. Es gab dort auch seit Monaten keinen rapportierten Fall von Coronatodesopfern unter 40 gemäss der Statistikplattform der Behörde CDC. Schon gar nicht von sehr jungen Patienten. Schwere Erkrankungen in dieser Altersgruppe, die eine Hospitalisierung nötig machen, sind dort ebenfalls überaus selten, aber offenbar landeten alle bei Brytney Cobia.
Doch was noch mehr ins Gewicht fällt: Die Frau, deren Mann Miles Cobia gemäss den Berichten ebenfalls Arzt ist, mag es dramatisch. Und sie mag es noch viel mehr, wenn sie es damit in die Medien schafft.
Denn auf den Tag genau ein Jahr vor dem Facebookpost über die dahinsiechenden jungen Coronaopfer, die um die Impfung bettelten, hatte Brytney Cobia es bereits einmal geschafft, in die Medien zu kommen. Nicht mit der Impfung, sondern mit der Maskenpflicht. Sie drängte in die Schlagzeilen mit einer berührenden Geschichte, die zunächst in einem medizinischen Journal landete und von dort aus weitere Kreise zog.

Partygäste angesteckt

Es geht dabei um ein verlängertes Wochenende der Familie Cobia, die diese an einem See in Alabama verbrachte; der geplante Trip nach Florida wurde storniert, weil es dort einfach zu viele Coronafälle für den Geschmack von Brytney und Miles gab. Im Wochenendhäuschen empfingen die Cobias einige Gäste, aber natürlich nur engere Verwandte, keine Halbfremden. Gefeiert wurde an der frischen Luft und unter Einhaltung der Distanz, danach hatten alle getrennte Zimmer.
Nur auf eines verzichtete die Partygesellschaft völlig fahrlässig: Schutzmasken.
Was dann geschah? Keine Frage: Acht der elf Gäste waren nach diesem Wochenende infiziert. Brytney Cobia identifizierte sich selbst – auch wenn es ihr ein völliges Rätsel war, woher das kam – kurzerhand als «Patient Zero», also als Auslöser des Ganzen. Sie musste sich in Spitalpflege begeben, wobei sie sich hartnäckig weigerte, zu sagen, um welches Spital es sich handelte. «She didn't want to name the hospital», heisst es in dem Magazin ohne weitere Begründung. Ein Spital, in dem Erkrankte behandelt werden, scheint nun nicht gerade unter der Geheimhaltungspflicht zu stehen.

Alle 365 Tage eine Story

Mit dieser Schilderung verband Cobia einen dringenden Appell an die Allgemeinheit, immer und überall eine Maske zu tragen, auch im Freien und im Kreis der Familie. So wie sie auf den Tag genau ein Jahr später dazu aufforderte, sich impfen zu lassen, weil unter ihren Händen gerade junge Coronaopfer starben. Es ist, als wenn sich im Leben der jungen Ärztin exakt alle 365 Tage etwas Ausserordentliches ereignet.
Das alles klingt irgendwie gar nicht nach Alabama. Eher nach Hollywood.

Zweifelnde Journalisten

In den USA selbst wuchs nach dem ursprünglichen Facebookbeitrag langsam das Misstrauen. Zahlreiche User auf Twitter versuchten beispielsweise, Cobia im Verzeichnis des von ihr als Arbeitgeberin angegebenen Spitals zu finden, aber ohne Ergebnis. Die Frau, die quer über den Globus Schlagzeilen gemacht hat, ist ziemlich unauffindbar. Andere rätseln, wieso junge Patienten, die in der Lage sind, einen Dialog zu führen und um die Impfung zu «betteln», überhaupt intubiert werden.
Auch Journalisten hinterfragten die Sache mehr und mehr. Alex Berenson, einst Reporter bei der «New York Times», wies darauf hin, wie selten eine Hospitalisierung von Menschen unter 40 aufgrund von Covid-19 ist, während es bei Cobia klang, als würden sie busweise ins Spital gekarrt. Sein Kollege Jerry Dunleavy vom «Washington Examiner» befand, eine Aussage wie die von Brytney Cobia müsse zwingend verifiziert werden, bevor eine Zeitung sie verbreitet. Und der Publizist Caleb Hull meinte, er selbst habe sich für die Impfung entschieden, «aber ich kann auch sagen, dass die Alabama-Story dieser Ärztin so weit hergeholt ist, dass es klingt wie Fiktion. Ich verstehe nicht, wie jemand auf so etwas hereinfallen kann.»
Diese Stimmen sind allerdings in unseren Breitengraden wirkungslos. Abseits von den USA hat keiner Lust, das Ganze zu hinterfragen, die Schlagzeile hat geknallt, der Mist ist geführt. Und der Impfkampagne auch in der Schweiz hat sie wohl kaum geschadet. Dass es diese jungen Covidopfer, die um den Impfstoff bettelten, vermutlich nie gegeben hat, sehr wohl aber eine Ärztin, die unter dem Münchhausen-Syndrom leidet: Wen interessiert es.

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