Die Apokalyptiker lärmen nach jeder Fehlprognose lauter – Klimageschichte Teil 7

Die Apokalyptiker lärmen nach jeder Fehlprognose lauter – Klimageschichte Teil 7

Der Weltuntergang hat auch eine Geschichte, gerade in unserer Zeit. Seit fünfzig Jahren warnen Propheten, die Menschheit zerstöre mit ihrem Wachstum die Erde. Sie lagen bisher immer falsch.

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von Markus Schär am 30.10.2021, 07:00 Uhr
Demonstration gegen das Waldsterben in Basel, 1985. Bild: Keystone
Demonstration gegen das Waldsterben in Basel, 1985. Bild: Keystone
Ein Bundesrat warnt in der Sondersession: «Niemand weiss, wie viel Zeit bis zum Umkippen des Ökosystems bleibt.» Ein alter SP-Nationalrat mahnt statt zur Landesverteidigung zur Landverteidigung. Und ein junger SP-Nationalrat regt sich über die «gigantische kollektive Problemverdrängung» auf: «Es ist nicht fünf vor zwölf, wie einige uns weismachen wollen, sondern es ist längst zwölf Uhr gewesen. Die Sturzfahrt ist in den freien Fall übergegangen!»
Die Debatte mit ihrem apokalyptischen Alarm dreht sich nicht um die Klimakatastrophe – sie fand 1985 zum Waldsterben statt (siehe hier). Der besorgte Bundesrat war Alphons Egli (CVP); er wechselte zwei Jahre später in den Verwaltungsrat des Pneu-Fabrikanten Pirelli. Der alte SP-Nationalrat war Helmut Hubacher, der junge Moritz Leuenberger. Er sass von 1995 bis 2010 im Bundesrat, die ganze Zeit als Chef des Umweltdepartements.
Mit dem Waldsterben hatte Leuenberger nichts zu tun, denn es galt längst nicht mehr als Problem. Wohl aber mit den Konsequenzen: Diese Debatte prägte die Siedlungsentwicklung der Schweiz, denn sie führte zum Ausbauschub beim Öffentlichen Verkehr und damit zur Explosion der Mobilität unter dem Motto «Autofahren ist schlecht, Zugfahren ist gut – je mehr Zugfahren, desto besser».

Schon einmal fürchteten alle das Ende

Die Schweizer glaubten vor vierzig Jahren nicht ganz als Erste, das Ende sei nah. Schon 1970 warnte die «New York Times», wenn die Menschheit weiter die Ressourcen verschwende und die Umwelt zerstöre, drohe ihr der Niedergang. Biologen sagten voraus, innert zwei bis drei Jahrzehnten könnten vier Fünftel der Tierarten aussterben. Demografen fürchteten, ausser Westeuropa, Nordamerika und Australien leide in dreissig Jahren die ganze Welt Hunger. Und ein Nobelpreisträger raunte gar, das Ende der Zivilisation sei nah. Am ersten Earth Day begann deshalb 1970 die Rebellion gegen die Auslöschung – gleich wie fünfzig Jahre danach.

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Die aufgehende Erde, vom Mond aus gesehen. Quelle: NASA

Von ihrem Flug zum Mond 1968 brachte die Crew der «Apollo 8» ein Bild zurück, das Geschichte machte: die Erde als blaue Kugel, einsam im unendlichen Weltraum. Das Bild prägte die in Frieden und Wohlstand aufgewachsene Generation der Babyboomer; es machte sie kritisch gegenüber dem historisch einzigartigen Fortschritt, dem sie ihre unbeschwerte Jugend verdankte. Deshalb schlug 1972 ein Buch wie eine Bombe ein: «Die Grenzen des Wachstums», herausgegeben vom Club of Rome, sagte voraus, bis Ende des 20. Jahrhunderts brauche die Menschheit alle wichtigen Rohstoffe auf (siehe hier).
Auch diese Untergangsprophetie hat sich nicht bewahrheitet – im Gegenteil: Die Preise der Rohstoffe explodierten nicht, weil es nie zur angedrohten Notlage kam, sondern sanken zumeist. Und die bekannten Vorkommen von Öl und Gas, die gemäss den Berechnungen der neuen Computermodelle bis zur Jahrtausendwende versiegen sollten, vervielfachten sich.

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Die Grafik zeigt, wie viele Jahre die bekannten Ölvorkommen für die aktuelle Produktion reichten. Quelle: BP

Die Menschheit passt sich der Umwelt an

Denn für die ganze Menschheitsgeschichte gilt: Homo sapiens – gemäss der gängigen Theorie von der Evolution hervorgebracht, weil nach einer gewaltigen tektonischen Verschiebung der Urwald in Ostafrika austrocknete – passte sich jeder Umwelt an, weil er neue soziale und technische Lösungen fand (siehe hier). So harrten nach den Neandertalern auch die modernen Menschen seit 40’000 Jahren selbst in Eiszeiten aus, und sie standen immer wieder Klimawandel durch. Allerdings brachen wegen Verschlechterungen der Umwelt einige Zivilisationen zusammen – bisher übrigens immer aufgrund von Abkühlungen, nie von Erwärmungen des Klimas.
Für die letzten fünfzig Jahre zeigt dies der MIT-Forscher Andrew McAfee in seinem Buch «Mehr aus weniger». Der Club of Rome, der wie alle Untergangspropheten einfach exponentielle Kurven fortschrieb, missachtete das Gesetz der Marktwirtschaft: Wenn ein Gut knapp wird, steigen die Preise; die Menschen haben also Anreize, mehr von diesem Gut zu schaffen, den Verbrauch zu drosseln oder andere Lösungen zu finden. Wie Andrew McAfee nachweist, gelang es deshalb in den letzten Jahrzehnten, das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. So geht in den USA nur bei sechs der 72 wichtigen Rohstoffe der Verbrauch nicht zurück. Und die Farmer brauchen für ihre stetig wachsenden Ernten immer weniger Dünger, Wasser und Land.

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In den USA wächst die Agrarproduktion immer weiter, der Input dafür nimmt aber ab. Quelle: McAfee

Apokalyptiker posaunen lauter denn je

Fünfzig Jahre danach können deshalb die Apokalyptiker der 1970er-Jahre als falsifiziert, ergo wissenschaftlich erledigt gelten. Aber die Apokalyptiker des 21. Jahrhunderts posaunen lauter und schriller denn je, der Menschheit drohe die «Extinction», also die Auslöschung. Und dabei handelt es sich teils um dasselbe Personal. Der Stanford-Professor Stephen Schneider, der 1976 in seinem Buch «The Genesis Strategy» wegen der damaligen Klimaabkühlung weltweite Hungerkrisen voraussagte (siehe hier), gehörte zehn Jahre danach zu den führenden Forschern, die eine gefährliche menschengemachte Klimaerwärmung befürchteten. Und der ETH-Oberassistent Andreas Fischlin wechselte als Alarmist flink vom Waldsterben zum Weltklimarat: Er feierte sich als Friedensnobelpreisträger, lehnte aber jede Verantwortung für den grössten Flop des IPCC ab, die Voraussage, bis 2035 schmölzen die Himalaya-Gletscher völlig weg – dabei zeichnete er als «hauptverantwortlicher führender Autor» für diese irre Prophetie.
Seit fünfzig Jahren glaubt auch die Uno, sie müsse die Welt retten. 1972 führte sie in Stockholm die erste Konferenz zur menschlichen Umwelt durch. Und 1983 bis 1987 liess sie eine Kommission um die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland einen Bericht ausarbeiten, der Umwelt- und Entwicklungspolitik verband, also nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische und soziale Nachhaltigkeit einforderte. So kam es 1992, zum 500-Jahr-Jubiläum der Entdeckerfahrt von Kolumbus, zur Uno-Umweltkonferenz von Rio. Den grössten Auftritt, der «die Welt zum Schweigen brachte», hatte da Severn Suzuki, die zwölfjährige, verhaltensauffällige Tochter eines kanadischen Aktivisten (siehe hier).

Kaum jemand hielt sich ans Kyoto-Protokoll

Dazwischen feierte die globale Umweltpolitik ihren bisher einzigen Erfolg. Mit dem Montreal-Protokoll von 1987 schränkte die Staatengemeinschaft den Einsatz von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) ein, weil sie die lebenswichtige Ozonschicht zu zerstören drohten. Dies gelang, wie der Energie-Experte Rupert Darwall feststellt, weil die USA die Weltführung beanspruchten und weil die Regierung von Präsident Ronald Reagan erkannte, dass ein Abkommen den USA am meisten nützen würde (siehe hier).
Schon bei den Klimaverhandlungen in Kyoto von 1997, die auf die Konferenz von Rio folgten, galt dies nicht mehr. Die Regierung von Bill Clinton verpflichtete sich dazu, den Ausstoss von CO₂ stark zurückzufahren – im Wissen, dass sie im Senat die für Staatsverträge nötige Zwei-Drittel-Mehrheit nie bekommen würde. Letztlich hielten sich nur wenige Länder an ihre strengen Verpflichtungen, darunter selbstverständlich die Schweiz: Das Kyoto-Protokoll erfasste so nur noch 14 Prozent des weltweiten CO₂-Ausstosses, und was die Europäer sparten, stiessen die Chinesen mehrfach zusätzlich aus.

«Ohne Energie ist es ein lausiges Leben»

Bei der Pariser Konferenz von 2015 mogelte sich deshalb Präsident Barack Obama um einen Vertrag. Er wusste nur zu gut, dass er mit verbindlichen Vorgaben nicht nur in Washington auf erbitterten Widerstand stossen würde, sondern auch bei den aufstrebenden Staaten, die die Vorherrschaft der USA nicht mehr anerkennen. Die Staatengemeinschaft richtet sich darum nach der «Sinatra-Doktrin», wie sie Rupert Darwall nennt, gemäss der bei der Klimapolitik für jedes Land gilt: «I do it my way.»
Das heisst, dass sich die mittlerweile grössten Emittenten von CO₂, wie China und Indien, bis 2030 überhaupt nicht einschränken müssen – dabei übertraf schon in den letzten zwei Jahrzehnten der zusätzliche Ausstoss in den nicht-westlichen Ländern den gesamten Ausstoss der EU und der USA (siehe hier). «Was die Physik der globalen Erwärmung angeht», stellt Rupert Darwall nüchtern fest, «kommt es nicht mehr darauf an, was der Westen macht.»
Um Geopolitik geht es denn auch in den kommenden Wochen an der Klima-Konferenz in Glasgow: China und Indien wollen ihren Milliarden von Menschen zuerst ein würdiges Leben bieten, bevor sie die Welt retten, die sie offenbar für nicht so gefährdet halten. Denn sie wissen nur zu gut, was Professor Lino Guzzella vor neun Jahren noch zu sagen wagte, bevor er zum Rektor und zum Präsidenten der ETH aufstieg. Fünf Milliarden Menschen strebten nach unserem Wohlstand, und sie hätten das Recht dazu, meinte der führende Motorenbau-Experte. Denn: «Ohne Energie ist es ein lausiges Leben.» (siehe hier)

Weitere Informationen:
Andrew McAfee: Mehr aus weniger. Die überraschende Geschichte, wie wir mit weniger Ressourcen zu mehr Wachstum und Wohlstand gekommen sind – und wie wir jetzt unseren Planeten retten. München 2020, 384 Seiten, Fr. 41.90.
Warnung vor den angekündigten Katastrophen: siehe hier
Die wichtigsten Wissenschaftsaktivisten der Schweiz: siehe hier
Klimageschichte Teil 1: siehe hier
Klimageschichte Teil 2: siehe hier
Klimageschichte Teil 3: siehe hier
Klimageschichte Teil 4: siehe hier
Klimageschichte Teil 5: siehe hier
Klimageschichte Teil 6: siehe hier

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