Die Abschaffung des Eigenmietwerts ist die neue Fenstersteuer

Die Abschaffung des Eigenmietwerts ist die neue Fenstersteuer

Die geplante Abschaffung des Eigenmietwerts ist nicht so eigentümerfreundlich wie sie scheint. Für Privatpersonen, die Wohnungen vermieten, geht die Rechnung plötzlich nicht mehr auf. Allgemein könnte der Gebäudeunterhalt vernachlässigt werden.

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von Martin Breitenstein am 1.9.2021, 10:00 Uhr
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Am Wochenende durfte ich an einer Versammlung der Eigentümer historischer Wohnbauten in Bern teilnehmen, an der Berner Patriziersprosse beim Nachtessen mit etwas Wehmut schilderten wie Napoleon 1798 den ganzen Berner Staatsschatz mitsamt den Bären (nur einer kam lebend in Paris an) abführten. Der Empire-Stil blieb bei den Bernern in der Folge lange verpönt. Der Hunger des französischen Fiskus muss enorm gewesen sein. Im selben Jahr führte Napoleon auch die sogenannte Fenstersteuer ein.
Fortan wurde der Wert der Liegenschaften anhand der Fenster und Türen besteuert. Die Steuerbemessung war quasi öffentlich und durch einen Augenschein jederzeit einfach zu ermitteln. (Die heutige Bauweise mit ihren Riesenfenstern müsste ein Fest gewesen sein für die staatlichen Steuereintreiber). Was kommen musste, liegt auf der Hand: Um die Steuerlast zu mindern, wurden Fester zugemauert oder bei Neubauten eingespart. Die Auswirkungen auf die Architektur sind an historischen Gebäuden mitunter heute noch ablesbar.

Verfassungswidriger Vorschlag

Dieser steuerliche Nebeneffekt in Form des «Lichtraubs» war natürlich in keiner Weise beabsichtigt. Es ist ein eindrückliches Beispiel, welche ungewollten Effekte eine Steuer haben kann. Solcherlei Wirkung könnte aktuell in der Schweiz auch die reanimierte Abschaffung des Eigenmietwerts auf Wohneigentum haben, wie sie eine Parlamentskommission entworfen und vom Bundesrat mit Retuschen lau unterstützt wird.
Unbekümmert wollen die Parlamentarier dabei den Schuldzinsenabzug nicht nur bei Liegenschaften streichen, die vom alten Eigenmietwert befreit werden, sondern samt und sonders bei allen privaten Eigentümern.
Wer also stolz ein «Wohnblöckli» sein Eigen nennen darf, das er mit einer Hypothek belehnt hat, soll künftig diese Schuldzinsen nicht mehr von den Mieterträgen abziehen dürfen. Diesen Mangel moniert auch der Bundesrat in seiner Stellungnahme ans Parlament: Er erkennt darin eine verfassungswidrige Schlechterstellung der Eigentümer von vermieteten Liegenschaften.
Als Folge daraus warnt der Bundesrat vor der Verknappung des Angebots an Mietwohnungen und der Erhöhung der Mietpreise. Dennoch will auch er beim Drehen an den Steuerschrauben ein «bizzeli meh» mitnehmen. Der Schuldzinsabzug soll nach seiner Vorstellung auf 70 Prozent der Vermögenserträge beschränkt werden.

Flucht in die Immobilien-AG

Wie man früher die Fenster zumauerte, könnten auch die privaten Eigentümer von vermieteten Liegenschaften Abhilfe schaffen, indem sie für ihre Mietobjekte eine Immobiliengesellschaft (AG, GmbH) gründen würden. Auf diese Weise könnten sie die Schuldzinsen wieder in Abzug bringen. Als ungewollte Nebenwirkung könnte sich zudem einstellen, dass der Unterhalt an den selbstbewohnten Häusern eher hinuntergeschraubt wird, da diese Unterhaltskosten neu nicht mehr als Steuerabzug akzeptiert würden. Die Flucht in abzugsberechtigte energetische Sanierungen würde auch nur eingeschränkt funktionieren, da diese auf Bundesebene gestrichen und für die Kantone blosse Kann-Vorschrift wären.

Ein Kuckucksei?

Ohne Korrekturen wäre der parlamentarische Eigenbau zur Abschaffung des Eigenmietwerts schlicht verfassungswidrig. Zu Recht verlangt der Bundesrat daher eine Nachbesserung. Alles in allem sprüht die Landesregierung nicht gerade von Begeisterung, so schreibt sie: «Die anhaltenden Rückschläge bei Vorhaben zur Überwindung der Eigenmietwertbesteuerung ‒ sei es bereits im Parlament, sei es in Volksabstimmungen ‒ hatten den Bundesrat dazu bewogen, nicht mehr von sich aus tätig zu werden..
Aus Sicht des Bundesrates stehen heute grundsätzlich andere Steuerprojekte im Vordergrund». Auch manch ein Hauseigentümer wird sich zweimal überlegen, ob ihm da nicht ein Kuckucksei ins Nest gelegt wird.

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